Pflegeberaterin Nicole im Interview
Wenn ein Elternteil plötzlich pflegebedürftig wird, sind es meist Frauen, die alles auffangen: Kinder, Job, Haushalt und nun auch die Pflege. Nicole Graf kennt diese Doppelbelastung aus eigener Erfahrung. Nach dem Verlust ihrer Mutter und den intensiven Jahren an der Seite ihres demenzkranken Vaters hat sie sich als Pflegeberaterin selbständig gemacht. Im Interview spricht sie darüber, warum Pflege so oft überfordert, welche Unterstützung Familien wirklich entlastet – und weshalb niemand diesen Weg allein gehen sollte.
Liebe Nicole, wer bist Du und was machst Du?
Mein Name ist Nicole Graf, ich bin 48 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Momentan arbeite ich, neben meiner Tätigkeit als Pflegeberaterin, als Assistentin der Geschäftsführung in einem mittelständischen Unternehmen. Seit Kurzem bin ich als Pflegeberaterin selbständig.
Was hat dich nach dem Verlust deiner Mutter und den intensiven Pflegejahren für deinen Vater dazu bewegt, eine eigene Pflegeberatung zu gründen?
Seit dem plötzlichen Tod meiner Mutter vor einigen Jahren kümmere ich mich um meinen demenzkranken Vater. Mein Wunsch war, meinen Vater so lange wie möglich in seinem eigenen Zuhause wohnen lassen zu können. Dabei haben wir viele unterschiedliche Stationen durchlaufen. Mit Fortschreiten der Krankheit musste die Betreuung immer wieder angepasst werden. Angefangen bei Unterstützung durch Alltagshelfer, Pflegediensten und heute mit einer 24-Stunden-Pflege. Mitunter war dieser Weg zur richtigen Pflege sehr hart und steinig. Auch der finanzielle Aspekt spielte bei der Pflege immer wieder eine Rolle, denn Pflege ist teuer. Mit den Jahren hat sich einiges an Wissen angesammelt. Immer wieder wurde ich auch im privaten Bereich gefragt, ob ich mit Informationen und Vermittlung weiterhelfen könnte. So entstand im Laufe der Zeit die Idee, mich mit einer Pflegeberatung selbständig zu machen.
Welche Hürden in Bürokratie, Pflegegraden und Anträgen haben dich selbst überrascht und begegnen dir heute bei Familien immer wieder?
Überraschen tut mich heute fast nichts mehr. 😊 Die Bürokratie ist riesig, das Geld knapp und die Hürden hoch. Anträge zu stellen und Formulare auszufüllen ist langwierig und anstrengend. Gerade wenn ein Pflegefall von jetzt auf gleich eintritt, ist man als pflegender Angehöriger zunächst ziemlich allein und überfordert. Und es fehlt vor allem eines: Zeit. Wo bekommt man schnell die notwendige Unterstützung her? Was bezahlt die Pflegekasse? Welche Anträge muss man bei welcher Stelle ausfüllen etc. In diesem Pflege-Dschungel muss man sich zurechtfinden. Und ganz nebenbei muss man sich noch um den Angehörigen und die eigene Familie kümmern. Das ist schwer. Zu Beginn weiß man nicht, welchen Schritt man zuerst gehen soll. Man „wurschtelt“ sich einfach durch. Mit der Zeit und nach einigen Rückschlägen fängt man, an einen Überblick zu bekommen. Was funktioniert und was nicht. Ich denke, das geht allen Pflegenden ähnlich. Ich wäre damals froh gewesen, wenn ich anstatt dutzender Anlaufstellen nur eine Anlaufstelle gehabt hätte, die mich umfassend informiert hätte. So wäre mein Vater schneller und besser versorgt gewesen und mir wäre so mancher Rückschlag und schlaflose Nacht erspart geblieben.
Was sollten Angehörige als Erstes tun, wenn ein Elternteil pflegebedürftig wird, um nicht im organisatorischen Chaos zu landen?
Das Wichtigste ist, falls noch nicht vorhanden, einen Pflegegrad zu beantragen. Dies ist deshalb wichtig, um auf die unterschiedlichen Töpfe der Pflegeversicherung zugreifen zu können und einer finanziellen Überbelastung entgegenzuwirken. Denn Pflege ist teuer! Gleichzeitig sollte man sich über Art und Umfang der benötigten Pflege Gedanken machen und die entsprechenden Anbieter wie Pflegedienste, Agenturen etc. kontaktieren. Denn oft sind diese Dienstleister selbst überlastet und nehmen keine neuen Kunden mehr auf. Bis zur finalen Feststellung eines Pflegegrades können einige Wochen vergehen. In dieser Zeit muss man selbst für die Kosten der Pflege aufkommen. Daher ist es wichtig, die Anträge möglichst schnell und korrekt zu stellen.
Welche Unterstützungsangebote werden deiner Erfahrung nach häufig übersehen, obwohl sie Familien spürbar entlasten könnten?
Es gibt unglaublich viele Angebote, um pflegende Angehörige zu unterstützen. Doch zuerst sollte man sich klar werden, welche Hilfe überhaupt benötigt wird. Jeder Fall ist anders. Manchen reicht es aus, wenn man zweimal pro Woche beim Einkaufen unterstützt. Oder man braucht Begleitung bei einem Arztbesuch. Manche Pflegebedürftige benötigen mehr Unterstützung, zum Beispiel bei der Morgenhygiene. Andere wiederum möchten gerne mehr Ansprache und besuchen eine Tagespflegeeinrichtung. Wie gesagt, gibt es eine große Auswahl an Entlastungs- bzw. Unterstützungsangeboten. Man muss wissen, was es gibt und wo man anfragen muss. Das Gute ist, dass viele dieser Angebote von den Pflegekassen finanziell unterstützt werden, allerdings nur bei vorhandenem Pflegegrad.
Was dürfen Kunden von deiner Dienstleistung erwarten, wo begleitest Du?
Mein Ziel ist es, meinen Kunden ein verlässlicher Begleiter im Alltag zu sein und schnelle Hilfe zu organisieren. Zunächst analysieren wir die Situation und schauen uns an, wo Unterstützung benötigt wird. Dann erstellen wir einen Pflegeplan und ich kontaktiere die entsprechenden Anbieter. Ich helfe auch bei allen Antragsstellungen und Formularen, die der Pflegealltag mit sich bringt. So bekommen meine Kunden eine individuelle und schnelle Unterstützung. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, verändert sich der Pflegebedarf im Laufe der Zeit und muss immer wieder angepasst werden. Wenn meine Kunden das möchten, begleite ich sie kontinuierlich auf diesem Weg. Aber wie gesagt, jede Situation ist individuell. Mein Ziel ist es, dass meine Kunden so lange wie möglich in ihrem eigenen Zuhause bleiben können.
Welche Dinge kann jede Familie schon heute vorbereiten, um im Pflegefall besser gewappnet zu sein?
Um handlungsfähig zu sein, ist es wichtig, sich über Vollmachten etc. Gedanken zu machen, bevor der Pflegefall eintritt, damit die Angehörigen im Ernstfall agieren können. Ich persönlich finde es auch wichtig, rechtzeitig darüber zu sprechen, welche Wünsche man selbst hat, sollte man irgendwann auf Unterstützung angewiesen sein. Dann ist es für die Angehörigen einfacher, die richtige Pflege herauszusuchen. Man sollte sich auch nicht davor scheuen, einen Pflegegrad zu beantragen, wenn man im Alter Einschränkungen hat. Oft treten Veränderungen langsam aber kontinuierlich ein. Und wenn man bereits einen Pflegegrad hat, geht vieles schneller als ohne.
Viele Mütter stehen zwischen eigenen Kindern, Job und der Pflege ihrer Eltern. Was beobachtest du bei dieser Doppelbelastung besonders oft?
Diese Belastung kann mitunter enorm sein. Ich wusste am Anfang oft nicht, wo mir der Kopf steht. Das war nicht nur eine Belastung für mich, sondern auch für meine Familie. Alles unter einen Hut zu bringen war die ersten Jahre extrem kräftezehrend. Zeit für mich gab es nicht mehr. Außerdem hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, weil ich niemandem mehr gerecht werden konnte. Dies führt zu einer inneren Zerrissenheit und in vielen Fällen auch zum Burnout. Meistens engagieren sich Angehörige so lange, bis sie selbst nicht mehr können. Wichtig ist es, sich Hilfe zu holen, um der eigenen Überforderung entgegenzuwirken. Denn wenn man selbst nicht mehr kann, kann man auch für seine Angehörigen nicht mehr da sein. Dann fällt das ganze Konstrukt zusammen. Deshalb ist es ja so wichtig, sich Unterstützung zu holen.
Welche alltagsnahen Strategien helfen, Grenzen zu setzen, ohne sich schuldig zu fühlen?
Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ich denke, jeder geht mit so einer Situation anders um. Wahrscheinlich spielen Schuldgefühle immer eine Rolle, da man ja das Beste für seinen Angehörigen möchte. Wichtig ist, nicht alles alleine stemmen zu wollen und sich Hilfe zu holen. Denn meistens wird Pflege im Laufe der Zeit mehr und nicht weniger. Es ist nicht verwerflich, die Pflege an andere abzugeben. Und niemand sollte sich deswegen schuldig fühlen, obwohl man es manchmal trotzdem tut. Man sollte sich klar machen, dass einen Angehörigen zu pflegen kein Sprint, sondern ein Marathon ist. Auch der Austausch mit anderen kann helfen, wieder klarer zu sehen. Das können Freunde oder Familie sein, aber auch Fachpersonal, das wertvolle Tipps für den Alltag geben kann. Davon habe ich unglaublich profitiert. Das Wichtigste ist, sich nicht selbst zu verlieren. Denn am Ende hat niemand etwas davon.
Liebe Nicole, ganz herzlichen Dank für dieses interessante Interview. Hier findet ihr weiterführende Informationen und könnt direkt mit Nicole Kontakt aufnehmen.