Expertentipps: Baby & Familienhund


Wie verändert sich das Familienleben, wenn in einen Hundehaushalt ein Baby geboren wird? Neue Routinen, weniger Zeit und freie Hände und mittendrin ein Hund, der seinen Platz im veränderten Alltag erst wieder finden muss. In diesem Interview erzählen Hundeverhaltenstherapeutin Carolin und Hundepsychologin Annette von der Hundeschule Wolfsinstinkte in Uhingen bei Göppingen, wie Eltern ihr neues Familienleben mit Baby und Hund gestalten können. Sie sprechen über kleine Routinen und darüber, wie ein liebevoller Alltag mit Kind und Hund aussehen kann. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um ein entspanntes Miteinander, denn jede Familie und jeder Hund ist anders.

Liebe Carolin, liebe Annette, bitte stellt euch kurz vor: Wer seid ihr, was macht ihr? 

CW: Ich bin Caro, ausgebildete Hundeverhaltenstherapeutin (ATN) und betreibe seit fünf Jahren die Hundeschule Wolfs Instinkte. Neben Kursen für Welpen und Junghunde biete ich Gruppenunterricht und auch Einzeltraining zur Verhaltensberatung bei Problemen mit dem Hund an. Bei uns lebt Holly, eine 7,5 jährige Rhodesian Ridgeback Hündin.

AE: Ich bin Annette, zweifache Mama und zweifache Hundebesitzerin (Golden Retriever Elly und Cocker Spaniel Queeny). Ich bin zertifizierte Hundepsychologin (ATN) und seit diesem Jahr in der Hundeschule Wolfs Instinkte tätig.

In die Hundeschule kommen unter anderem auch Hundehalter, die mit ihrem Familienhund trainieren möchten. Familien mit Hund zu begleiten – was begeistert euch an diesem Schwerpunkt besonders?

CW: Ich finde es spannend die Entwicklung begleiten zu dürfen und zu sehen, wie Verständnis und Bewusstsein für das Leben mit Hund in der Familie auf- und ausgebaut wird. Ebenso die verschiedenen Erwartungen von Familien an einen/ ihren Hund kennenzulernen und daran gemeinsam zu einem harmonischen Miteinander zu arbeiten.

Gerade wenn ein Baby die Familie bereichert, ist dies auch für den Vierbeiner eine neue Situation. Welche Veränderungen erlebt ein Hund typischerweise, wenn ein Baby einzieht – und warum reagieren Hunde so unterschiedlich? 

AE: Für den Hund ist auf einmal weniger Zeit übrig. Wo vorher der Hund im Mittelpunkt stand, kommt jetzt ein Baby dazu, das natürlich erst mal alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es kommen neue Geräusche dazu, es riecht anders und man hat in der Regel deutlich mehr Besucher als zuvor. Alle wollen das Baby kennenlernen, es herrscht viel Trubel und der Hund gerät in den Hintergrund. Manche Hunde stecken das leichter weg, andere kann das verunsichern oder stressen.

CW: Da kann ich mich Annette nur anschließen. Es kommt auch immer darauf an, ob der Hund bereits den Umgang mit Kindern/Kleinkindern kennt bzw. erlernt hat oder ob ein Hund auf ein Baby in der Familie vorbereitet wurde. Die meisten Hunde haben einen routinierten Alltag, durch ein Baby verändert sich der Tagesablauf häufig – Anzahl und Zeiten der Spaziergänge, Fütterungszeiten, Zeiten der Ruhephasen etc., was Hunde verunsichern kann.

Welche kleinen Signale zeigen: „Mein Hund braucht gerade Unterstützung“?  

CW: Jedes Verhalten, das vom „normalen Verhalten“ des eigenen Hundes wesentlich abweicht, zeigt im Prinzip, dass der Hund Hilfe benötigt. Meistens sind es vermehrtes Hecheln und Gähnen, ein unruhiges Hin- und Hergehen, vermehrtes Schlafen, der Rückzug des Hundes oder auch Bewegungsunlust, können Anzeichen für benötigte Unterstützung sein.

AE: Es gibt verschiedene Signale, in unterschiedliche Richtungen. Vielleicht kann man sagen, wenn einem auffällt, dass der Hund sich grundsätzlich anders verhält, als zuvor. Ob das ein Überdreht sein ist, weil er nicht mehr zu Ruhe kommt. Oder er zieht sich zurück, weil ihm alles zu viel ist. Möglicherweise macht er Dinge kaputt. Zeigt ein typisches Stressgesicht und hechelt viel. Alles, was einem nicht typisch für den eigenen Hund vorkommt, sollte genauer angeschaut werden.

Welche einfachen Routinen helfen Hund und Eltern, sich an die neue Situation zu gewöhnen? 

CW: Sofern möglich sollten für den Hund bisher bekannte Tagesabläufe oder Routinen beibehalten werden. Keine „riesige Aufregung“ verursachen, sondern versuchen, sich so zu verhalten, als wäre es Besuch, der dann aber einfach bleibt. 😉

AE: Routine ist dabei schon das richtige Stichwort. Regelmäßige Abläufe, also Routinen im Alltag, schaffen Verlässlichkeit und Sicherheit. Wann ist der Hund dran? Wie kann ich Kind und Hund vereinen?

Wie kann man den Hund liebevoll einbinden, ohne ihn zu überfordern? 

AE: Ich finde es wichtig, das Baby positiv zu verknüpfen. Also gerne dem Hund Aufmerksamkeit schenken, wenn das Baby anwesend ist. Den Hund nicht ausschließen. Schön finde ich die Zeit, wenn das Baby zum Kleinkind wird und man aktiv mit beiden zusammen Zeit verbringen kann. Wenn sie lernen, aufeinander Acht zu geben und herausfinden, dass Positives vom Gegenüber erwartet werden kann, egal, ob das während des Spielens oder in Ruhezeiten ist. 

CW: Dem Hund ruhige Beschäftigungen im Beisein des Babys anbieten, die er schon kennt und mag, die jedoch keinen direkten Kontakt mit dem Baby erfordern.

Welche Grundregeln für Sicherheit im Alltag sind sinnvoll – und warum geht es dabei nicht um Angst, sondern um Entspannung für alle?

AE: Feste Liegeplätze für den Hund wählen, auf denen er sich zurückziehen und zur Ruhe kommen kann, und die für die Kinder tabu sind. Man kann sich die Frage stellen, ob der Hund Zugang zu allen Zimmern oder Etagen bekommen soll. Das Kinderzimmer könnte zum Beispiel eine hundefreie Zone werden. Wenn klare Regeln bestehen die jeder kennt und einhält, gibt es weniger Konflikte.

CW: Aus meiner Sicht sind das feste Liegeplätze (Decken, Boxen etc.) oder Aufenthaltsbereiche (z.B. abgetrennt durch Kindergitter/ Laufstall) für den Hund, auf denen er sich entspannen und auch ruhen kann. Wenn der Hund dort ruht, sollte er von den Kindern in Ruhe gelassen werden. Als Eltern hat man so die Gewissheit, dass Kind und Hund in Sicherheit sind, auch wenn man gerade mal kurz kein Auge drauf hat.

Viele Eltern haben Sorge, dem Hund nicht mehr gerecht zu werden. Was hilft, diesen Druck rauszunehmen?

CW: Ich empfehle den Eltern immer, sich einen Zeitraum am Tag oder in der Woche auszusuchen, in dem sie sich nur um den Hund kümmern können und der Hund Prio hat (Absprache mit dem Partner oder der Familie zur Kinderbetreuung) – sei es, einen schönen Spaziergang zusammen zu machen, das Lieblingssuchspiel im Garten zu spielen oder gemeinsam in die Hundeschule zu gehen.

AE: Auch hier helfen Routinen. Pläne machen mit Zeiten an denen der Hund dran ist und dann auch die volle Aufmerksamkeit bekommt. Ganz ohne Stress und Hektik. In dieser Zeit für körperliche und kognitive Auslastung sorgen. Ein zufriedener Hund kommt dann auch besser mit den Momenten klar, in denen er nicht an der Reihe ist. Ich finde, man darf auch gerne um Hilfe bei Familie und Freunden bitten. Vielleicht hat hier jemand Lust, die eine oder andere Gassirunde oder Babysitting zu Übernehmen.

Was sagt ihr Familien, die sich schuldig fühlen, weil der Hund gerade „zu kurz kommt“? 

CW: Dass sie sich nicht so viele Sorgen und Druck machen sollen, dass es eine Veränderung für alle ist und durch neue Routinen auch der Hund lernt damit umzugehen. Und dass es sich lohnt, sich gezielt Zeiten für den Hund einzuplanen und sich gegebenenfalls auch mit dem Partner abzuwechseln.

AE: Ich denke, gerade in den ersten Wochen und Monaten kommt man vor allem selbst ein bisschen zu kurz. Und wenn wir von einer klassischen Konstellation mit zwei Elternteilen ausgehen, kann es doch auch eine schöne Idee sein, mit dem Hund eine Runde in den Wald zu gehen, sich für eine kurze Zeit aus dem Eltern Sein rausnehmen und sich mit dem Partner oder der Partnerin abzuwechseln. Ansonsten gilt auch hier, um Hilfe bitten.

Welche schönen Momente erlebt ihr, wenn Hund und Kind gemeinsam aufwachsen? 

CW: Dass auch schon die kleinen Menschen unter uns lernen, verantwortungsvoll mit einem Hund umzugehen, dass sie sich um ihren Hund kümmern und liebevoll sorgen und eine auf beiden Seiten tiefe Bindung und Freundschaft entsteht, die teils viele Jahre anhält.

AE: In meinem Fall waren zuerst die Hunde da, dann die Kinder. Das war vor allem im Baby- und Kleinkindalter eine spannende und nicht immer einfache Zeit. Aber ich finde, es gibt nichts Schöneres, als Kinder mit Tieren aufwachsen zu sehen. Sie lernen Empathie und Rücksichtnahme, sind stolz, kleine Aufgaben zu übernehmen und erleben gemeinsame Abenteuer. Gemeinsamer Mittagschlaf, sich die Kekse teilen, im Sandkasten Löcher graben, auf dem Spaziergang um die Wette rennen, zusammen in der Nestschaukel die Lieblingsserie gucken… Es gab und gibt noch immer viele schöne gemeinsame Momente. Sie sind so wertvoll und ich bin dankbar, dass ich das meinen Kindern ermöglichen kann.

Liebe Carolin, liebe Annette, vielen lieben Dank für dieses interessante Interview. Wer wünschen euch weiterhin viele spannende Trainings und viel Erfolg mit eurer Hundeschule.

Wolf’s Instinkte ist übrigens eine moderne, gewaltfrei arbeitende Hundeschule mit Angeboten von Welpenschule und Junghundekurs bis hin zur professionellen Hundeverhaltenstherapie. Das Einzugsgebiet umfasst Göppingen, Esslingen und Kirchheim unter Teck, ergänzt durch eine flexible Online-Hundeverhaltensberatung. Inhaberin Carolin Wolf verfügt über eine fundierte Ausbildung zur Hundeverhaltenstherapeutin bei der ATN und ist zertifiziertes Mitglied im IBH. Der Fokus liegt auf praxisnaher, wissenschaftlich fundierter und nachhaltiger Erziehung. Mehr Informationen erhaltet ihr hier.