Zero Waste aus Stuttgart: Kerstin Mayer


Kerstin Mayer aus Stuttgart ist zweifache Mutter, Architektin, Buchautorin und als Nachhaltigkeits-Coach selbstständig. In diesem Interview erzählt sie uns von ihrem Familienalltag mit weniger Plastikmüll, ihrem Einkaufsverhalten und ihrem neuen Buch „Zero Waste – ohne Stress“, das sich als entspannter Ratgeber für ein nachhaltiges Leben mit Konzentration auf das Wesentliche versteht.

Liebe Kerstin, wer bist Du und was machst Du?
Hey Alexandra, wie schön, dass du dich für „Zero Waste“ interessierst und mich eingeladen hast zu dir. Herzlichen Dank! Ich bin Kerstin Mayer, 35, selbstständig als Nachhaltigkeits-Coach und Architektin. Mit unseren beiden Töchtern (13 und 4) war zuerst Stuttgart-West unser Zuhause, seit 2020 sind wir nun in Stuttgart-Rohracker (Paradies!).

© Laura Holzmann, Atelier LYN

Wie sah Dein beruflicher Werdegang bisher aus?
Nach meinem Architektur-Bachelor an der Hochschule für Technik (HfT) und meinem Architektur- und Städtebau-Diplom an der Uni Stuttgart war ich mehrere Jahre lang angestellt in Architekturbüros, die überzeugte, „echte“ Öko-Architektur planen und realisieren. Da mir die sogenannten höheren Leistungsphasen, also alles rund um Bauleitung, noch fehlte, entschied ich mich, einige Jahre auch hier noch Erfahrung zu sammeln, und arbeitete in einem Büro, das sich darauf spezialisiert. Schließlich kam der Punkt, an dem mir klar war: Jetzt! Auf in die Selbstständigkeit und zurück zu meiner Leidenschaft, der Nachhaltigkeit.

Wann hat Dich die Leidenschaft für Nachhaltigkeit und Zero Waste genau gepackt?
Mir war schon als Kind ein Anliegen, mich für die Tiere, für die Natur, für Gerechtigkeit einzusetzen. Zum Beispiel hab ich damals in der Nachbarschaft Unterschriften gesammelt gegen den Walfang, damals war Greenpeace stark an dem Thema dran. Zwischen 20 und 30 fühlte ich mich oft als Öko-Freak, hab super viel ausprobiert, wie z.B. selbst gebaute Wurmkisten zuhause, um Biomüll zu verwerten und upzucyclen. Dass ich Anfang 20 schon Mama wurde, hat mir zusätzlich ’nen Ansporn gegeben, mich für eine lebenswerte Zukunft auf der Erde zu engagieren. Der Begriff Zero Waste begegnete mir –glaube ich– 2016 zum ersten Mal bewusst.

Ich persönliche finde es sehr schwierig, bei allen guten Vorsätzen, einmal den richtigen Ansatz und den Startschuss für Zero Waste zu finden. Was empfiehlst Du hier Deinen Lesern? Sollten wir mit der Küche anfangen und beginnen in Unverpackt-Läden einzukaufen? Oder lieber Putzmittel und Waschpulver selbst herstellen? Aller Anfang ist da schwer…
Das kann ich gut verstehen – Denn die Gesellschaft, in der wir leben, ist bisher leider einfach ziemlich weit entfernt von dem, was wir uns als „ideal“ bezüglich Nachhaltigkeit vorstellen. Sich das bewusst zu machen nimmt schon Druck raus. Und dann kann man sich in diesem Zusammenhang fragen: In welchen Bereichen meines Lebens, unseres Zuhauses oder an welchen Orten sind Müll und Plastik ein besonders großes Thema? Dort lohnt es sich anzufangen. Bei vielen Familien ist es die Küche, insbesondere die Verpackung von Lebensmitteln. Im Buch empfehle ich, einen Mülltonnen-Scan zu machen. Was genau befindet sich gerade in unseren Tonnen? Was häuft sich? Das Ergebnis hilft, die besten, effizientesten Stellschrauben zu ermitteln, die man aktuell hat.

© Kosmos Verlag

Du bist Mutter von zwei Kindern und Autorin des Buches „Zero Waste – ohne Stress“, das aktuell im Kosmos Verlag erschienen ist. Wie gestaltet sich euer Zero Waste-Alltag im Familienleben?
Ich selbst durfte lernen, dass Perfektionismus eher behindert als voranbringt – speziell was den nachhaltigen Lebensstil insgesamt und die eigene Lebenszufriedenheit angeht. Im Buch versuche ich das zu vermitteln: Statt Perfektion lieber auf die effizientesten Stellschrauben schauen, dort ins Umsetzen kommen, und Schritt für Schritt vorangehen. Zuhause fällt mir selbst gar nicht richtig auf, was eigentlich „anders“ ist als der Status Quo in deutschen Haushalten. Wenn jemand neu zu Besuch kommt, fällt meist auf, dass wir einfach recht minimalistisch leben und viel ausgewählter, weniger besitzen als Andere. Beim Thema Kleidung achten wir schon sehr lange darauf, möglichst keine erdölbasierten Fasern ins Haus zu holen, sodass ein Großteil der Kleidungsstücke (inklusive z.B. Matschhose unserer kleinen Tochter oder mein Wintermantel) aus Naturfaser besteht. Die kann man teilweise sogar kompostieren! Beim Einkauf von Lebensmitteln fahren wir mit einer Kombi aus Biokiste, Bioladen, Unverpacktladen und Einkauf von Großgebinden ganz gut – Uns sind dabei verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte wichtig: Bio, am besten Demeter, Bioland oder Naturland, müll- und besonders plastikfrei verpackt, regional angebaut und verarbeitet. Das Ergebnis ist nie Bilderbuch, sondern immer ein Abwägen der verschiedenen Aspekte.

Gibt es manchmal auch „Rückschritte“ bzgl. Zero Waste im Familienalltag?
Ja, total. Um beim Thema Lebensmittel zu bleiben: Als mit Corona die Happy Family Time zuhause begann, fiel natürlich auch mehr Müll an, was mich zwar ziemlich störte, aber erklärbar war: Je weniger Mahlzeiten jede*r von uns außer Haus isst, zum Beispiel in Schule, Kindergarten oder bei der Arbeit, desto weniger Lebensmittel verbrauchen wir zuhause. Auch das Einkaufsverhalten war 2020 anders: Lieber nur selten einkaufen und kein Ladenhopping betreiben, was immer wieder zu Kompromissen führte hinsichtlich der oben genannten Nachhaltigkeitsaspekte. Insgesamt erlebe ich selbst und empfehle das auch, Routinen und neue Gewohnheiten zu etablieren, die Zero Waste und plastikfrei als Ziel begünstigen. Wenn ich ein leichtes Stoffbeutelchen einfach immer in der Tasche habe, kann ich damit beim Bäcker Papiertüten ersetzen und im Bioladen Obst und Gemüse einpacken. Wenn ich Soda und Zitronensäure im Unverpacktladen direkt in zwei leicht zu öffnende Schraubgläser fülle, greife ich viel lieber hin, als wenn ich erst den Karton und dann den Innenbeutel auffriemeln muss. Wenn in der Dusche eine nach Rosmarin duftende Haarseife und ein Fläschchen Apfelessig-Wasser griffbereit steht, spare ich mir das Drandenken („Ach ja, noch schnell in der Küche Apfelessig holen“), damit Zeit und Nerven. Wenn wir Kleidung brauchen, setzen wir uns dem Polyester-Sortiment in den großen Ketten gar nicht erst aus – Sondern besuchen die Fair Fashion Läden vor Ort, bestellen bei unseren favorisierten Naturtextil-Anbietern oder scannen die Secondhand-Läden in der Nähe bzw. kaufen online gebraucht. Der Serviceteil meines Buchs enthält übrigens die beste Zusammenstellung nützlicher Adressen, die ich bisher rausgegeben habe! Tipps zum Einkauf nachhaltiger Produkte gibt’s von mir gratis auch online im laboratorium-nachhaltigkeit.de

© Laura Holzmann, Atelier LYN

Wie finden Deine Kinder das Thema?
Sie beobachten, denken sich ein und entdecken Gemeinsamkeiten mit und Unterschiede zu Anderen. Eine feste Meinung haben sie, glaube ich, nicht. Ich achte sehr bewusst darauf, mit und vor unseren Kindern nicht ständig über Klimawandel, Nachhaltigkeit, Müllvermeidung, Plastik etc. zu sprechen. Denn ich bin der Überzeugung, dass die globalen Herausforderungen JETZT von UNS Erwachsenen gelöst werden müssen. Es reicht zeitlich einfach nicht, wenn wir jetzt auf Bildung für nachhaltige Entwicklung bei unseren Kindern setzen – In der Hoffnung, dass sie das dann später besser machen. Nope. Viel wichtiger finde ich, unseren Kindern die Freiräume und Unbeschwertheit zu lassen, die eine Kindheit idealerweise mit sich bringt. Trotzdem kommen wir im Alltag ganz natürlich auf Themen wie Plastik: Wenn es darum geht, ob die unerwartet geschenkte Barbie ins Kinderzimmer unserer Kleinen einzieht oder ob Kleinstpackungen Gummibärchen gekauft werden. Ich glaube, es geht darum, einen gesunden Mittelweg zu finden: Bei sich selbst anzufangen und dabei glücklich sein. Immer wieder im Austausch zu sein mit Großeltern oder anderen Menschen, die gerne etwas schenken wollen. Den Strom an Material, der sich irgendwie seinen Weg bahnt, zu gestalten. 

Wo kaufst Du gern ein und wie erlebst Du die Stuttgarter Szene im Hinblick auf Zero Waste?
In Stuttgart kaufe ich gerne bei Schüttgut im Westen, Tante M. in Sillenbuch, 1000-Körner-Markt in Botnang, ganz besonders gern bei der Spielberger Mühle in Brackenheim. SoLaWi hatten wir lange, das ist ein geniales Konzept, unbedingt reinschnuppern! Im Moment Biokiste vom Hofladen Ortlieb in Uhlbach. Kleidung kaufe ich für mich, wenn neu, am liebsten bei Glore. Meine 50+ liebsten Tipps zum nachhaltigen, auch plastikfreien und müllreduzierten Einkaufen in Stuttgart gibt’s unter https://www.laboratorium-nachhaltigkeit.de/nachhaltig-leben-in-stuttgart-tipps/ – Und nein, man muss keine Wollstricksocken tragen, um die empfohlenen Läden betreten zu dürfen 😉

Mit welchen Fragestellungen dürfen wir uns an Dich als Coach genau wenden und welche Gebiete umfasst Deine Beratungstätigkeit?
Wenn du struggelst, weil du merkst, dass du eigentlich etwas verändern willst an deinem Leben auf der Erde (damit auch deine Kinder und Enkel noch was von ihr haben), dann helfe ich dir gerne, einen positiven Impact zu generieren. Ziel dabei ist, dass du die Erde iiiirgendwann guten Gewissens verlassen kannst, weil du weißt, dass du deinen Beitrag geleistet hast. Ich glaube an DEINE Power und an die kollektive Intelligenz der Menschheit, die ihre Lebensgrundlage ganz sicher erhalten will. Gerne darfst du dir eine kostenfreie POSITIVE IMPACT SESSION buchen über meinen Online-Terminkalender unter https://www.laboratorium-nachhaltigkeit.de/kontakt/

Was wäre Dein größter Traum in Hinblick auf gelebte Nachhaltigkeit?
Mein größter Traum und mein persönliches Ziel ist es, innerhalb von 5 Jahren 1.000 Menschen ganz konkret zu supporten auf ihrem Weg in ein nachhaltigeres Leben. Außerdem möchte ich mit meinem Mann unser denkmalgeschütztes Fachwerk ökologisch sanieren. Ich mache nebenbei gerade den Fernlehrgang Baubiologie – Das Wissen ist eine ideale Ergänzung dafür und ich liebe es und bin so dankbar, da dran zu sein!

Was wäre Dein Wunsch in Hinblick auf globalen Umweltschutz, Ressourceneinsparung und Nachhaltigkeit bezogen auf den Rest der Welt?
Die Herausforderungen, vor denen wir gerade stehen, sind geniale Chancen, auszubrechen aus alten Strukturen, die uns nicht guttun, und uns stattdessen ein Leben zu schaffen, das genau uns entspricht, in dem wir uns wohlfühlen und glücklich sind. Mein tiefster Wunsch ist es, dass die Menschen das erkennen.

Liebe Kerstin, ganz herzlichen Dank für dieses spannende Interview.

„Zero Waste – ohne Stress“ – Das neue Buch von Kerstin Mayer aus dem Kosmos Verlag
Ganz besonders möchte ich euch das Buch „Zero Waste – ohne Stress“ von Kerstin Mayer ans Herz legen. Es ist im Stuttgarter Kosmos Verlag erschienen und gibt praxisnahe Tipps für den Start in ein nachhaltigeres Familienleben. So gibt es, neben vielen Anregungen zu einem Alltag mit weniger Besitztum, einem neuen Einkaufsverhalten und weniger Plastik und Verpackungsmüll,  nach Wohnräumen sortiert Vorschläge, Inspirationen, Aufgaben und Interviews – von Zero Waste in Küche und Esszimmer, über das Schlaf- und die Kinderzimmer bis hin zu Bad und Wohnzimmer. Nützliche Adressen und Hinweise zu weiterführender Literatur runden das Buch von Kerstin Mayer ab. Unsere Empfehlung: „Zero Waste – ohne Stress“ ist absolut lesenswert, da die Tipps alltagstauglich sind, kein Druck aufgebaut wird, von heute auf morgen das Familienleben und Konsumverhalten komplett ändern zu müssen, und ein Selbstvertrauen beim Leser entsteht, auch klein anfangen und Rückschritte in Kauf nehmen zu dürfen.

 

Bibliografische Angaben

„Zero Waste – ohne Stress“
Kerstin Mayer
Kosmos Verlag
Taschenbuch, 128 Seiten mit zahlreichen vierfarbigen Abbildungen
16 Euro
ISBN 978-3440172278

 

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