Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.


Aktuell führt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. seine Haus- und Straßensammlung durch, die sich in Zeiten von Corona jedoch schwierig gestaltet. Online-Spenden werden daher dringender als je zuvor benötigt, da der Volksbund in den letzten Jahren einen deutlichen Mitgliederschwund hinnehmen musste, der sich zu einem Großteil auf dem hohen Durchschnittsalter seiner Mitglieder begründet.

© Uwe Zucchi / Volksbund Dt. Kriegsgräberfürsorge e.V.

Was bewegt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.?
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. macht es sich seit über einhundert Jahren zur Aufgabe, Kriegsgräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen. Gegründet wurde er als gemeinnützige Organisation im Jahr 1919, um nach den zahllosen vermissten deutschen Kriegstoten des Ersten Weltkriegs zu suchen, ihnen eine Grabstätte zu geben und diese zu pflegen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs legte der Volksbund in kurzer Zeit mehr als 400 Kriegsgräberstätten in Deutschland an und widmet sich heute im Auftrag der Bundesregierung der Suche, Sicherung und Pflege der deutschen Soldatengräber im Ausland. Nach der politischen Wende in Osteuropa nahm der Volksbund seine Arbeit auch in den Staaten des einstigen Ostblocks auf, wo im Zweiten Weltkrieg etwa drei Millionen deutsche Soldaten ums Leben kamen. Viele der mehr als hunderttausend Grablagen sind nur schwer auffindbar, zerstört, überbaut oder geplündert. Seit 1991 richtete der Volksbund 331 Friedhöfe des Zweiten Weltkrieges und 188 Anlagen aus dem Ersten Weltkrieg in Ost-, Mittel- und Südosteuropa wieder her oder legte sie neu an. 954.146 Kriegstote wurden auf 83 Kriegsgräberstätten umgebettet.

Eine persönliche Geschichte
Mit den vielen Erzählungen meiner lieben Oma aufgewachsen, sind für mich auch Vorfahren, die ich selbst nicht persönlich kannte, stets Teil meiner Biografie und Familienhistorie. So berührte mich die Geschichte meines Urgroßonkels, dem Onkel meiner Oma, der als junger Mann und junger Familienvater irgendwann im Zweiten Weltkrieg in Russland gefallen war, schon immer sehr. Zusätzlich aufmerksam auf das Schicksal meines Urgroßonkels wurde ich darüber hinaus durch eine bekannte deutsche Schriftstellerin, deren Name an dieser Stelle unerwähnt bleibt – die Cousine meiner Oma und Tochter meines im Krieg gefallen Urgroßonkels. Erinnerungen an ihren Vater hat sie kaum und das Fehlen der Vaterfigur spiegelt sich merklich in ihren teilweise autobiografischen Romanen. Wer war also dieser Mann, wir wollen ihn nachfolgend Franz nennen, der „irgendwann, irgendwo“ in Russland gefallen ist? Und wann ist überhaupt irgendwann? Und wo ist irgendwo?

© Uwe Zucchi / Volksbund Dt. Kriegsgräberfürsorge e.V.

Die Recherche beginnt
Ein Freund machte mich auf die Website des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge e.V. aufmerksam. „Gib doch mal den Namen Deines Urgroßonkels dort ein. Die haben eine Online-Gräbersuche. Vielleicht wurde Dein Urgroßonkel da erfasst.“ Er wurde. Mit genauem Sterbedatum und dem Hinweis, auf welche vom Volksbund der Deutschen Kriegsgräberfürsorge ins Leben gerufenen und gepflegten Gedenkstätte seine sterblichen Überreste überführt worden waren. Nach einigen Telefonaten mit dem Volksbund, der jährlich übrigens mehr als 35.000 Anfragen zum Verbleib von Toten und Vermissten des Ersten und des Zweiten Weltkriegs erhält, konnte ich zudem den Dienstgrad, den Truppenteil, den Todesort und den ursprünglichen Bestattungsort meines Urgroßonkels herausfinden. Todesort: Feldlazarett 608 Borisowka, bestattet in Borisowka/Belgorod, umgebettet auf die Deutsche Kriegsgräberstätte Kursk-Besedino.
Kleine Informationen, die doch viel zum Nachdenken anregen. Nach all den Jahrzehnten erfährt die Familie also, dass es in Russland nahe der Stadt Kursk tatsächlich eine Grabstätte von „Onkel Franz“ gibt – auf der Deutschen Kriegsgräberstätte Kursk-Besedino. Ein Ort des Gedenkens, ein Ort, der der Sinnlosigkeit des Krieges Namen und persönliche Erinnerung verleiht. Bis Ende 2018 wurden allein auf der Kriegsgräberstätte Kursk-Besedino fast 51.000 deutsche Kriegstote eingebettet. 4,5 Hektar misst das Friedhofsgelände, auf das die in den Gebieten Kursk, Orel, Woronesh, Belgorod, Tula und teilweise in Brjansk geborgenen deutschen Soldaten umgebettet werden – schätzungsweise 120.000 Soldaten sind hier insgesamt gefallen. Ich erfahre, dass die Mitarbeiter des Volksbundes vor Ort Grabschmuck und Fotowünsche erfüllen. Eine schöne Möglichkeit des Gedenkens, die ich gern in Anspruch nehme. Sehr professionell und dennoch persönlich und empathisch nehmen sich die Mitarbeiter des Volksbundes jedem meiner Anliegen an.

Herbstmorgen in Kursk

So informieren sie mich u.a. auch über Reiseoptionen nach Kursk, verbunden mit der Teilnahme an einer Gedenkfeier auf der Kriegsgräberstätte, sowie über die Möglichkeit, beim Militärarchiv in Freiburg die Militärakte meines Urgroßonkels anzufordern. Als Kradschütze, so erfahre ich, war er im Aufklärungstrupp stets an vorderster Front in Russland eingesetzt, unter anderem auch in der Schlacht um Kursk bei der Offensive gegen den Kursker Frontbogen. Und ich begreife: Der Division 233 unterstellt, die für die Ausbildung der sogenannten „Schnellen und motorisierten Truppen“ zuständig war und später in die 233. Panzergrenadier-Division umbenannt wurde, gab es für meinen Urgroßonkel, der kurz vor seinem Tod im Sommer 1943 noch auf Heimaturlaub in Deutschland gewesen ist, wohl wenig Chancen, den Krieg zu überleben. Kanonenfutter. Wie so viele Millionen Soldaten unterschiedlichster Nationalitäten auch. Die Schlacht um Kursk („Operation Zitadelle“) im Sommer 1943 gilt als die größte Panzerschlacht in der Geschichte der Kriegsführung. Die Angaben über die Menschenverluste differieren. Auf deutscher Seite waren etwa 50.000 Gefallene und Vermisste zu beklagen, auf sowjetischer Seite ein Vielfaches.

Bereits in den ersten Tagen der Schlacht von Kursk erlitt mein Urgroßonkel Franz, der von Beruf übrigens Architekt gewesen ist, durch Artilleriebeschuss schwerste Verletzungen, denen er nach sieben Tagen im mobilen Feldlazarett Borisowka am 12. Juli 1943 erlag. Mit der Erkennungsmarke um den Hals wurde er in einem anonymen Massengrab beigesetzt. Jahrzehnte später wurden seine sterblichen Überreste durch die Mitarbeiter des Volksbundes exhumiert. Mein Urgroßonkel fand, anhand seiner Erkennungsmarke identifiziert, auf der Deutschen Kriegsgräberstätte in Kursk-Besedino seine letzte Ruhe.

Grabstele meines Urgroßonkels / Kriegsgräberstätte Kursk-Besedino

Was bleibt?
Neben wenigen Fotos und vielen lebhaft-fröhlichen Erinnerungen meiner Oma, die zum Zeitpunkt des Todes ihres Onkels neun Jahre alt gewesen ist (so alt wie meine Tochter heute), bleiben unserer Familie und deren Nachkommen zwei wichtige Dinge: Das in Erfahrung bringen der Umstände bzw. des genauen Todesdatums und -ortes von Onkel Franz, sowie das Wissen, dass eine Grabstätte existiert, die meinem verstorbenen Urgroßonkel und Hunderttausenden weiteren Kriegstoten einen Namen und ein Gedächtnis gibt. Our dead are never dead to us until we have forgotten them. – Die Toten sind erst dann tot, wenn wir sie vergessen.

Bleibend ist ebenfalls der Eindruck, den die engagierten Mitarbeiter des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge e.V., des Militärarchivs Freiburg, des Bundesarchivs Berlin und des Landesarchivs Berlin bei mir hinterlassen haben. Auch die Mitglieder und Administratoren des „Forums der Wehrmacht“ sowie des Deutschen Wehrkundearchivs leisten auf ihren Plattformen und mittels ihrer Archivtätigkeit eine wertvolle Arbeit und sind Suchenden eine große Stütze. In diesem Zusammenhang erhielt ich übrigens vor einigen Tagen ein Schreiben des Bundesarchivs Berlin: Die Erkennungsmarke, anhand derer mein Urgroßonkel identifiziert werden konnte, sei dort archiviert und werde mir in den nächsten Wochen per Post zugestellt. Auf die Erhebung von Gebühren werde wegen Geringfügigkeit verzichtet.
Ich muss schmunzeln: Diese scheinbare Geringfügigkeit ist für mich unendlich wertvoll.

 

Spenden helfen! Mit 10 Euro Spendenbeitrag an den Volksbund der Deutschen Kriegsgräberfürsorge e.V. kann ein Kriegsgrab ein Jahr lang gepflegt werden. Mit 25 Euro kann der Name eines Kriegstoten in Stein verewigt werden. Mit 100 Euro wird die Suche nach einem Kriegstoten, seine Identifizierung und eine würdige Bestattung unterstützt. Hier gibt es mehr Informationen zu den verschiedenen Spendenmöglichkeiten.

 

© Titelbild: Uwe Zucchi / Volksbund Dt. Kriegsgräberfürsorge e.V.