Ich werde, was ich bin – Yoga für Kinder


Yoga für Kinder? Bis vor wenigen Wochen wusste ich gar nicht, dass es das gibt. Und stellte dann, nachdem meine Tochter wochenlang gedrängelt hatte, auch einmal mit zum Yoga kommen zu dürfen, fest, dass meine Yoga-Lehrerin auch Kinderyoga unterrichtet. Andrea Heinrich ist Krankenschwester und praktiziert Yoga seit 15 Jahren. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Seit 2011 unterrichtet sie Hatha- und Ashtanga Vinjasa-Yoga in ihrer eigenen Yoga-Schule. Andrea verrät uns heute, was das Besondere am Kinderyoga ist und warum Kinder von Yoga in vielen anderen Lebensbereichen profitieren.

Liebe Andrea, bis vor Kurzem kam mir nie der Gedanke, dass meine knapp sechsjährige Tochter Interesse an Yoga haben könnte bzw. dass es Yoga für Kinder gibt. Ab welchem Alter ist Kinderyoga geeignet?

Meiner Meinung nach gibt es für Yoga keine Altersbeschränkung – weder nach vorn, noch nach hinten. Junge Kinder können ebenso gut Yoga praktizieren, wie über 90-Jährige. Bereits als Säuglinge und Kleinkinder machen Kinder intuitiv Yoga: Sie liegen in der Bauchlage und heben den Kopf – das ist im Yoga die Kobra. Sie stemmen mit durchgestreckten Beinen und aufgestützten Händen den Po in die Luft – das ist der herabschauende Hund. Selbst die Umkehrhaltung, die man zum Abschluss einer Yogastunde für einige Zeit einnehmen sollte, damit die Übungen nachwirken können, nehmen Kinder automatisch ein, wenn sie sich beispielsweise auf dem Rücken liegend mit dem Kopf vom Sofa herunter hängen lassen. Wir Erwachsenen stürzen dann oft gleich dazu und haben Angst, dem Kind könnte zu viel Blut in den Kopf schießen oder es könnte auf den Kopf fallen. Aber eigentlich sollten wir die Kinder machen lassen. Sie wissen intuitiv, was ihnen gut tut.

Wie sieht denn ein klassischer Ablauf einer Yogastunde für Kinder bei Dir aus?

Die Yogastunde ist geteilt in die Begrüßung, den Hauptteil mit Übungen und in die abschließende Entspannung. Zu Beginn helfen mir die Kinder beim Vorbereiten: Wir zünden Kerzen an, bauen die Klangschalen auf, breiten die Yogamatten und Decken aus. Die Kinder werden bewusst in alle Aktivitäten eingebunden. Dann singen wir ein Begrüßungslied und das klassische Om-Mantra und spielen ein kleines Spiel. Kinder lieben Rituale, so dass jede Yogastunde sehr ähnlich abläuft. Einige Übungen wiederholen sich, neue kommen hinzu und es gibt eine Wunschübung, auf die sich die Kinder einigen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Kinder die Übungen in ihrem Gedächtnis verankern. Nach zwei oder drei Kursstunden müsste ich theoretisch nur noch den Namen der Übung ansagen und die Kinder würden automatisch die richtige Position einnehmen. Sie lernen viel schneller als wir Erwachsenen. Am Ende gibt es die Schlussentspannung. Die Kinder kuscheln sich in Decken, wir verdunkeln den Raum etwas und begeben uns auf eine Phantasiereise, die ich mit einer Geschichte begleite. Zu guter Letzt liegen wir mit geschlossenen Augen ganz still. Dabei schlafen einige Kinder sogar ein.

Kinder sind sehr unterschiedlich. Gibt es für jedes Kind Yogaübungen, die ihm gut tun? 

Das ist das Schöne am Yoga, dass man mit verschiedenen Übungen wirklich jeden erreichen und jedem Kind Gutes tun kann. Es gibt Übungen, die beruhigen, die aktivieren oder Übungen, die harmonisieren. Beispielsweise erfordern Übungen im Sitzen oder Liegen mehr Konzentration und Durchhaltevermögen, als andere Übungen. Hat man eine sehr lebendige Truppe, kann man die Kinder vorher durch dynamische Übungen etwas auspowern und dann zu den stilleren Übungen übergehen, denn dann sind die Kinder viel mehr bereit, sich auf Ruhe und Konzentration einzulassen. Es gibt also sowohl Übungen, um zappelige Kinder auszugleichen, als auch Übungen, um vom Stoffwechsel und Charakter her ruhigere Kinder zu aktivieren. Da jede Übung auf ihre Art anregend ist, wird beim Yoga der ganze Körper des Kindes angesprochen, das Herz-Kreislauf-System angeregt, die Muskeln, Sehnen und Bandscheiben genährt und gekräftigt. Wichtig ist die Kontinuität. Die Kinder sollten regelmäßig zum Yoga kommen. Und wenn sie Yoga eventuell dann noch zu Hause mit einem Elternteil praktizieren und dadurch eine Vorbildfunktion haben, wäre dies das Optimum.

Wie wirken sich regelmäßige Yoga-Stunden auf das Kind in seinem Alltag aus?

In erster Linie ist es wichtig, dass die Kinder Spaß haben. Es geht beim Kinderyoga nicht um Gelenkigkeit als Voraussetzung oder um Perfektion und saubere Figuren. Ein spielerisches Heranführen an die Übungen ist deshalb wichtig. Bereits nach einigen Yogastunden werden sich die meisten Kinder selbst ganz anders erleben. Sie stärken ihre Körperwahrnehmung, schärfen ihre Sinne, werden mutiger und ausgeglichener. Aggressionen oder Ängste bauen sich ab und das Selbstbewusstsein bzw. das Selbstwertgefühl wird gestärkt. Durch kleine, spielerische Meditationsübungen wird auch die Konzentrationsfähigkeit gesteigert. In der Stunde gebe ich beispielsweise ein Bild vor und sage den Kindern: Nun sollst Du still sitzen und ruhig atmen, denn Du bist jetzt der stille Buddha. Die Kinder sitzen still und atmen ruhig und merken plötzlich, wie gut ihnen das tut.

Kinder lieben Rituale. Lässt sich diese Vorliebe mit dem Yoga gut in Einklang bringen?

Da bei mir die Stunden immer nach dem gleichen Muster ablaufen, definitiv. Auch spüren die Kinder einen neuen inneren Rhythmus, da durch das Yoga Körper und Seele in Einklang und Gleichgewicht finden. Zwar variiere ich die Übungen, aber die Grundstruktur einer Yogastunde ist stets dieselbe. Kinder lieben das. Natürlich ist ihre Tagesform, genau wie die von uns Erwachsenen, unterschiedlich. Aber ich lobe die Kinder immer, egal, ob sie einen guten oder schlechten Tag haben. Struktur und Lob – dann wachsen Kinder über sich hinaus.

Welche Übungen machen die Kinder bei Dir besonders gern?

Die Kinder mögen vor allem die Übungen, bei denen Tiere nachgeahmt werden. Der Hund, die Katze, der Schmetterling oder die Schlange – All diese Figuren regen nicht nur den Körper, sondern auch die Phantasie der Kinder stark an. Sie versetzen sich ganz in die Ausführung der Bewegung bzw. in das jeweilige Tier, ähnlich wie bei einem Tanz oder beim Hören eines Musikstücks.

Worauf sollten Eltern achten, wenn sie, beispielsweise gemeinsam, mit ihren Kindern zu Hause Yoga praktizieren?

Die Eltern sollten die Kinder zu Hause einfach das wiederholen lassen, was die Kinder in der Yogastunde gelernt haben. Die Übungen müssen nicht perfekt durchgeführt werden, die Perfektion kommt später. Auch wenn wir Eltern gemeinsam mit unseren Kindern Yoga praktizieren, sollten wir das Kind nicht korrigieren. Das wäre kontraproduktiv, denn das Kind ist stolz, dass es die Übungen beherrscht. Ein Bremsen oder Korrigieren würde die Freude am Tun nehmen. Wir sollten die Kinder viel loben und ihnen dadurch zeigen, dass wir stolz auf sie sind, dass sie sich mit Yoga beschäftigen. Alles andere kommt automatisch, wenn die Kinder älter werden. Auch müssen wir uns keine Sorgen machen, dass sich die Kinder zu sehr verausgaben oder manche Übungen zu intensiv durchführen. Kinder wissen viel besser und intuitiver als wir Erwachsenen, wo ihre Grenzen liegen. Sie erkennen genau, was sie können und nicht können.

Wie lange dauert eine Yogastunde für Kinder in der Regel?

Es gibt bereits Eltern-Kind-Yoga für die kleine Kinder. Das läuft dann sehr spielerisch und mit Mama gemeinsam ab. Für Kindergartenkinder reicht eine Yogastunde von maximal 45 Minuten völlig aus, Schulkinder sind mit 60 Minuten ausgelastet. Später sind dann keine Grenzen mehr gesetzt, wobei die meisten klassischen Yogastunden eineinhalb Stunden dauern.

Du singst in Deiner Yogastunde ein sehr schönes Lied für die Kinder. Verrätst Du uns den Text und was er für Dich aussagt?

Der Text des Liedes lautet:

Ich bin ein Kind von Sonne, Mond und Sterne
Ich bin ein Kind des Himmels, und der Erde
Ich bin ein Kind des Lichts, und der Liebe
Ich werde, Ich werde, Ich werde
Ich werde, was ich bin.
(© Janin Devi)

Das ist wirklich ein wunderschöner Text, den auch die Kinder sehr lieben. Für mich sagt er sehr viel aus: Wir stammen alle aus der gleichen Quelle, werden dann zu individuellen Lebewesen und gelangen am Ende wieder an den Ursprung, an die Quelle. Wir sind gut und richtig, so wie wir sind. Ich bin gut, wie ich bin.

Liebe Andrea, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch. Wir genießen die Stunden bei Dir immer sehr und können allen Interessierten, egal ob Groß oder Klein, eine Yoga-Probestunde wärmstens empfehlen. Und falls Ihr in der Nähe von Göppingen wohnt, schaut doch einmal virtuell bei Andrea vorbei: www.svabhava-yoga.de

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