Theateraufführung am Engelberg
An der Freien Waldorfschule Engelberg brachten die beiden neunten Klassen zwei Literaturklassiker über Identität und Moral auf die Bühne. In wenigen Wochen erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler Texte und Umsetzung und führten ihre Theaterproduktionen mit viel Herzblut und Engagement zur Bühnenreife.
Tschick ist ein Außenseiter, ebenso wie Maik. Eine Zweckfreundschaft führt die Teenager in einem gestohlenen Lada auf die Straße des Lebens – fernab von Regeln und sozialen Zuschreibungen. Was als spontaner Roadtrip beginnt, wird zu einer ungefilterten Reise zu sich selbst, dominiert vom Wunsch nach Erleben und Echtheit. In seinem Roman „Tschick“ (2010) skizziert Wolfgang Herrndorf zwei Protagonisten, die sich als Stellvertreter ihrer Generation in einer Welt voller Möglichkeiten verloren zu fühlen scheinen, deren Reise jedoch zeigt, dass Freiheit dort beginnen kann, wo gewohnte Wege verlassen werden und Authentizität zum Katalysator wird.
Anders sieht es im Städtchen Güllen in Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ (1956) aus. Güllen, ein Ort ohne Perspektive, abgehängt und verarmt, wäre beim heutigen Netzausbau wohl einfach vergessen worden. Der Heimatbesuch der Milliardärin Claire Zachanassian und ihr Versprechen, Güllen wieder auf die Landkarte zu bringen, verändert die Stadt: Gemeinschaftlich töten die Bürger Claires früheren Liebhaber und unterstützen so den persönlichen Rachefeldzug der alten Dame, von deren Krediten sie sich längst abhängig gemacht haben. Der Verrat der eigenen Moral, symbolisiert durch das Tragen gelber Schuhe, gipfelt im Mord, der seine Legitimierung unter anderem dadurch erfährt, dass er sich auf viele Schultern verteilt.
Wie verändern sich also Menschen oder Gemeinschaften, die aus Sehnsucht nach persönlicher Freiheit oder aus Verlockung durch Geld ihre Grenzen überschreiten? Und wo beginnt in solchen Momenten Autonomie, wo endet Verantwortung?
Die Schülerinnen und Schüler der beiden neunten Klassen der Freien Waldorfschule Engelberg stellten dem zahlreich erschienenen Publikum in ihren unabhängig voneinander aufgeführten Theaterstücken diese Fragen und veranschaulichten die zeitlose gesellschaftliche Bedeutung der Werke von Herrndorf und Dürrenmatt gekonnt. Zwischen dem Überarbeiten und Einstudieren von Texten und Schauspiel über die Auswahl der Kostüme und die Beschaffung der Requisiten bis hin zum Bau der Kulissen und der technischen Umsetzung von Licht und Geräuschen lagen nur wenige Wochen, die die Jugendlichen mit Unterstützung ihrer Klassen- und Fachlehrer konsequent nutzten, um ihre Inszenierungen zur Bühnenreife zu führen. Es entstanden zwei Theaterproduktionen, in denen die Schülerinnen und Schüler mit Mut, Kreativität und gemeinsamer Handschrift große Literatur vor begeistertem Publikum erfolgreich auf die Bühne brachten.
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