Jugendbuch-Tipp: 1000 Jahre habe ich gelebt


Heute haben wir einen Jugendbuch-Tipp der Autorin Livia Bitton-Jackson aus dem Verlag Urachhaus für Euch. „1000 Jahre habe ich gelebt: Eine Jugend im Holocaust“ erschien 1997 in den USA und wurde im Jahr 2004 erstmals in Deutschland veröffentlicht. Die Autorin, gebürtig mit Namen Elli Friedmann, überlebte während des Zweiten Weltkriegs die unvorstellbaren Grausamkeiten des Naziregimes und wanderte 1951 in die USA aus. Ihr bemerkenswerter Roman ist gelebte Geschichte und persönliche Biographie zugleich.

Die Jüdin Elli Friedmann, Dichterin und Klassenbeste ihres Jahrgangs, ist dreizehn Jahre alt und lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder Bubi in Ungarn, wo 1944 die Nazis einmarschieren. Unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wird das Leben für die Familie Friedmann immer unerträglicher und gipfelt in der Zwangsenteignung, in die Verschleppung in das Ghetto Nagymagyar und schlussendlich in die Deportation ins Konzentrationslager Ausschwitz. Dort überleben Elli und ihre Mutter die Selektion, ihre Tante Serena wird vergast, Bubi von den Frauen getrennt. Der Vater wurde bereits im Ghetto zur Zwangsarbeit in ein anderes Lager abgeholt.

„Von dem Geräusch rumpelnder Wagenräder wache ich auf. Das Haus ist dunkel. Betten und Sofa sind leer. Alle sind weg. Ich renne im Nachthemd und barfuß aus dem Haus. Gegen den dämmernden Morgenhimmel kann ich die Umrisse einer kleinen Menschengruppe am Ghettoeingang erkennen. Ich erreiche atemlos das Tor und die Gruppe. Mutter, Tante Serena und Bubi sind da, außerdem eine Handvoll anderer Männer und Frauen. Aber Vati nicht. Vati! Ich bahne mir einen Weg hin zum offenen Tor, auf dessen beiden Seiten Militärpolizisten stehen. Vati! In einiger Entfernung schaukeln die Wagen davon. Der letzte der Wagen ist kaum noch sichtbar, doch ich erkenne Vati aufgerichtet zwischen den anderen Männern sitzen. Er dreht mir den Rücken zu, und dieses Bild, der Umriss von Kopf, Nacken und Schultern brennt sich mit sengendem Schmerz tief und fest in mein Gedächtnis.“

Nach Monaten grausamen Leidens im KZ Ausschwitz, wird Ellis Mutter bei einem Unfall schwerverletzt und ist beinahe gänzlich gelähmt. Unter Einsatz ihres Lebens schmuggelt Elli die Mutter mit Hilfe einiger Insassen zurück in ihre Baracke, da in der Krankenstation eine Selektion ansteht. Als auch die Frauen in den Baracken selektiert werden, übersteht die Mutter diese Selektion wie durch ein Wunder, obwohl sie beim Appell kaum stehen kann, während Elli aufgrund einer Beinverletzung selektiert wird. Doch Elli entrinnt dem Tod knapp und gelangt im Herbst 1944 mit ihrer Mutter nach Augsburg, wo sie eigenen Angaben nach glaubt, im Himmel zu sein: Saubere Betten, warme Mahlzeiten – Elli und ihre Mutter, die sich langsam von den Folgeerscheinungen des Unfalls erholt, arbeiten für die Deutsche Luftwaffe in den Michelwerken. Doch das Glück währt nur kurz und die Häftlinge werden in das Lager Landsberg, das zum KZ Dachau gehört, gebracht. Wie durch ein Wunder treffen sie Ellis Bruder Bubi wieder, der nur noch einem menschlichen Skelett ähnelt und dem Tode nah ist. Kurz vor Kriegsende werden die Insassen des Lagers Landsberg in Viehwaggons gepfercht. Die vermeintliche Zugfahrt in die Freiheit ist jedoch ein mörderisches Täuschungsmanöver der Nazis, die beinahe alle Zuginsassen erschießen. Dabei wird Bubi schwer verletzt. Als der Zug weiterrollt, wird er von amerikanischen Flugzeugen bombardiert. Elli, Bubi und die Mutter werden zu den wenigen Überlebenden gehören, als der Zug am 30. April 1945 im bayrischen Seeshaupt von den Amerikanern gestoppt wird. Kein weiteres Familienmitglied hat den Holocaust überlebt.

Dann das Ende des Leidens:

„Da ist sie nun. Die Befreiung. Sie ist da. … Eine Deutsche mittleren Alters kommt auf mich zu. „Wir haben ja von nichts gewusst. Wir hatten doch keine Ahnung. Sie müssen mir glauben. Haben Sie auch so hart arbeiten müssen?“ „Ja“, flüstere ich. „In Ihrem Alter war das sicherlich schwierig.“ … „Was denken Sie, wie alt ich bin?“ Sie mustert mich zögernd. „Sechzig. Zweiundsechzig?“ „Sechzig? Ich bin vierzehn. Vierzehn Jahre alt.“ Sie schreit auf und bekreuzigt sich. Entsetzt und ungläubig geht sie wieder weg und verschwindet in einer Gruppe der Seeshaupter Bürger. Da ist sie also, die Befreiung. Sie ist da. Ich bin vierzehn Jahre alt, und tausend Jahre habe ich gelebt.“

Am Ende des Buches wandern Elli, ihre Mutter und ihr Bruder in die USA aus. Die Autorin, die in New York viele Jahre als Professorin für jüdische Geschichte und Literatur tätig ist, lebt bis heute in den USA und in Israel.

„1000 Jahre habe ich gelebt“ ist eines der bewegendsten Dokumente, das ich über den Holocaust gelesen habe. Das Buch bedrückt und ist an vielen Stellen schwer auszuhalten, spiegelt aber mit jedem Satz den Mut und die Hoffnung seiner Autorin wider, die mit einer kaum begreifbaren Unbeugsamkeit gekämpft und für sich beschlossen hat: „Ich will leben. Leben!“

„1000 Jahre habe ich gelebt: Eine Jugend im Holocaust“
Livia Bitton-Jackson
Urachhaus Verlag
12,90 Euro
224 Seiten
ISBN 978-3-8251-7452-1
ab 14 Jahren

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