Figurenspieler Ute & Soran Assef: „Kinder sind die Kür.“


Die Schauspieler Ute Assef und Soran Assef feiern dieses Jahr ein besonderes Jubiläum: Das von ihnen aufgebaute und mit viel Leidenschaft betriebene Figuren Theater Phoenix in Schorndorf ist 30 Jahre alt geworden. Mama im Ländle durfte die beiden Künstler interviewen.

Liebe Ute, lieber Soran, seit wann habt Ihr beide einen Bezug zum Theater und zu welchem Zeitpunkt ist aus einer Leidenschaft eine Berufung, ein Beruf geworden?

Ute: Ich habe schon immer etwas mit Theater gemacht, habe aber früher eigentlich als Erzieherin gearbeitet. In der Tätigkeit und im Spiel mit den Kindern konnte ich meine Theaterleidenschaft sehr gut ausleben. Dann ergab sich für mich die Möglichkeit, das Figurenspiel professionell zu erlernen. Dem Beruf der Figurenspielerin bin ich bis heute mit großer Leidenschaft treu geblieben. Soran habe ich bei einer Schauspielproduktion kennengelernt.

Soran: Auch mein Herz schlug schon immer für das Theater und seit ich 17 Jahre alt bin, ist das Theater meine Welt. Ich bin im Tessin, in der italienischen Schweiz, direkt von der Schule auf die Schauspielschule gegangen. Dort haben wir intensiv Schauspiel, Improvisation, Akrobatik, Pantomime, Maskenspiel, Modern Dance erlernt. Auch das Spiel mit dem Objekt wurde gelehrt und dann war es nur noch ein kleiner Schritt zum Figurentheater. Heute bringen Ute und ich Figurentheater und Schauspiel zusammen.

Das Figuren Theater Phoenix feiert 30-jähriges Jubiläum und ist schon längst zu einer Institution geworden. Wie kam es, dass Ihr hier im Ländle Eure Zelte aufgeschlagen habt?

Ute: Ich bin Schorndorferin. Früher waren wir ein Tourneetheater. Das kam so gut an, dass wir immer öfter mit dem Gedanken spielten, ein festes Theater in Schorndorf oder Umgebung zu eröffnen. In kleinen Schritten haben wir unsere Träume dann in die Tat umgesetzt.

Soran: Als wir das Figurentheater gründeten, hatten wir Glück und wurden durch die Kommune bzw. später durch das Land bezuschusst. Im Jahr 1991 gab es die erste kleine Förderung. Diese war für uns eine große Entlastung und wir konnten den Ausbau unseres Theaters immer weiter realisieren. Natürlich müssen wir einen großen Teil des Etats selbst einspielen, was mit einem dichten Spielplan auch gut gelingt. Die Stadt Schorndorf fördert uns großzügig, worüber wir uns sehr freuen. Gerade haben wir einen Zuschuss erhalten, um den Bereich der Theaterpädagogik in zusätzlichen Räumlichkeiten weiter ausbauen zu können. Für die Bürger wird das Theater so transparenter. Unsere Arbeit wird verständlich und die Menschen erleben, wie eine Produktion abläuft und wie viel Herzblut und Ehrenamt in unserer Tätigkeit steckt.

Ihr spielt für Kinder, Jugendliche und für Erwachsene. Was ist das Besondere daran, für Kinder zu spielen?

Soran: Kinder sind die Kür. Sie sind in ihrem Ausdruck unmittelbar. Wenn Kinder einer Vorstellung nicht folgen können, zweifelt das Kind nicht an sich. Es zweifelt am Künstler. Deshalb sind die Kinder ein ganz besonderes, im positiven Sinne herausforderndes Publikum. Erwachsene sind da höflicher bzw. machen sich andere Gedanken und stellen sich selbst mehr in Frage: „Vielleicht verstehe ich das Stück nicht? Vielleicht habe ich heute einen schlechten Tag.“ Die Kinder haben viel weniger Toleranz und äußern ihren Unmut ganz direkt. Umso schöner ist es, wenn man die Kinder abholen und in den Bann der Stücks ziehen kann. Denn die Begeisterungsfähigkeit von Kindern trägt uns als Schauspieler ganz besonders.

Was macht Kinder noch zu einem herausfordernden Publikum?

Soran: Kinder befinden sich in ganz unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Ein Kind im Alter von drei Jahren ist ganz anders, als eins im Alter von sechs Jahren. Deshalb sind die Kinder ein noch vielschichtigeres Publikum als Erwachsene und fordern uns als Schauspieler ganz anders. Bereits im Vorfeld einer Inszenierung machen wir uns viele Gedanken darüber, wo unser junges Publikum in seiner Entwicklung gerade steht und wie das Stück aussehen muss, wie lang es sein darf, damit die Kinder einen Zugang haben. Wir achten deshalb auch auf die Einhaltung der Altersbeschränkung.

Schreibt Ihr Eure Stücke selbst?

Ute: Viele Stücke für das Kindertheater sind Stückbearbeitungen. Das bedeutet, dass wir Klassiker, wie beispielsweise Astrid Lindgrens „Tomte Tummetott“, für unsere Zwecke überarbeiten. Oft schreiben wir auch ganz neue, eigene Stücke. Diese entwickeln wir dann aber eher für den theaterpädagogischen Bereich.

Soran: Es ist tatsächlich so, dass das Publikum bei der Stückwahl eher konservativ ist und die Stücke sehen will, die es als Kinderbuch-Klassiker oder aus der eigenen Kindheit kennt. Da wir auch wirtschaftlich denken müssen, fließt das in unsere Spielplangestaltung ein. Denn wir müssen uns natürlich Gedanken machen, wie wir die Menschen für das Theater interessieren können. Nichtsdestotrotz liegen uns auch besondere Themen und Stücke am Herzen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht so bekannt und gängig sind. „Ente, Tod und Tulpe“ ist beispielsweise solch ein Stück. Beim Thema Tod haben manche Menschen Berührungsängste. Dabei geht es in dieser Inszenierung nicht nur um den Tod, sondern auch um das Leben. Aber wir möchten solch besondere Stücke auf jeden Fall spielen, deshalb nehmen wir sie mit auf ins Programm.

Ute: Wie immer ist auch hier die Balance entscheidend. Wir inszenieren bekannte und weniger bekannte Stücke und daraus ergibt sich ein vielfältiges, spannendes Programm, das große und kleine Menschen ins Theater zieht.

Ist das lokale Publikum einer kleineren Stadt im Ländle konservativer als beispielsweise in einer Großstadt wie Berlin?

Ute: Nein, manchmal habe ich eher das Gefühl, das Gegenteil ist der Fall. Denn Großstädte wie Berlin sind geprägt durch ihre einzelnen Stadtteile. Jeder Stadtteil ist ein Mikrokosmos. Da bleibt Spandau unter sich, Kreuzberg bleibt unter sich. In den konservativeren Stadtteilen ist das Publikum häufig verhaltener, beinahe schon ländlich geprägt.

Soran: Das Schorndorfer Publikum erleben wir als sehr weltläufig. Die Menschen hier stellen ein geschultes, feinsinniges Publikum dar, das aus einem weiten Einzugsgebiet zu uns kommt. Meistens am Wochenende, denn da haben die Familien Zeit. Generell ist das Thema Zeit kein einfaches.

Haben die Kinder heute weniger Zeit?

Soran: Ja, das haben sie. Die Auswirkungen stellen wir im theaterpädagogischen Bereich, beim sogenannten „TheaterSpielplatz“, fest. Manche Kinder sind heute sehr rational, haben weniger Fantasie und folgen deshalb einer Fantasiegeschichte auch nicht mehr intuitiv, sondern hinterfragen deren Wahrheitsgehalt und können sich viel weniger auf Geschichten oder Reisen in andere Welten einlassen.

Ute: Alles muss heute durchschaubar sein, auch für die Kinder. Sie leben teilweise schon in einer regelrechten Erwachsenenwelt. Dabei ist gerade die magische Phase zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr für Kinder sehr wichtig. Viele Kinder leben diese magische Phase gar nicht aus, haben keine Unterstützung durch Vorbilder und kein Umsetzungsvermögen, sich in geheimnisvolle Welten zu träumen. Das finde ich schade. Toll ist, dass manche Kinder im Rahmen der Fantasiewelt des Theaters ihrer eigenen Fantasiewelt wieder näher kommen. Dennoch bemerken wir: Vieles ist vom Elternhaus, von der Schule auf Leistung getrimmt. Zeit für sich selbst und die eigene Fantasie fehlt vielen Kindern.

Dabei ist die eigene Kreativität einer der besten Lehrmeister für die Gestaltung des eigenen Lebenswegs und der eigenen Lebensziele.

Soran: Manche Kinder sind so auf Leistung getrimmt, dass sie sich in ihrer Kreativität selbst beschneiden. Wir versuchen immer zu vermitteln: Es gibt nicht gut oder schlecht, es gibt nur das Sein, nur die Wahrhaftigkeit. Es ist gut, was Du tust, denn Du bist gut. Bleibe authentisch, setze Dich mit Dir auseinander. Die ersten drei bis vier Lebensjahre eines Kindes sind das Fundament für eine spätere Fähigkeit zur Krisenbewältigung. Haben Kinder in diesen ersten Lebensjahren viel Gutes erfahren, durften sie ihren Drang zum Spiel, ihre Kreativität, ihre magische Phase ausleben, dann ist das wie ein gut gefüllter Akku, der ihnen dabei hilft, in späteren, nicht immer einfachen Phasen die Psyche wieder aufzuladen. Desto mehr schöne Erlebnisse ein Kind gesammelt hat, desto besser kann es seinen Akku aktivieren und neue Kraft schöpfen.

Lassen sich Erwachsene nicht genug darauf ein, die Welt mit Kinderaugen zu sehen?

Soran: Kinder sollten so lange Kind sein und in ihrer kindlichen Welt leben dürfen, wie sie es brauchen. Denn dann nehmen sie diesen inneren Reichtum mit in ihr Erwachsenenleben und schöpfen lebenslang aus ihm. Ganz wichtig ist, dass Eltern gemeinsam mit ihrem Kind Dinge erleben und beispielsweise nicht nur ihr Kind bei uns an der Theatertür abgeben und selbst einen Kaffee trinken gehen. Denn es gibt keine größere Wertschätzung, als dem Kind zu zeigen: „Ich freue mich auf das gemeinsame Erleben mit Dir. Es ist mir wichtig, Erlebnisse mit Dir zu sammeln und sie mit Dir zu teilen. Ich nehme mir Zeit für Dich.“ Wenn die Eltern ein Theaterstück gemeinsam mit ihrem Kind erleben, dann ist das etwas Wunderbares. Die Kinder erfahren, dass die Erwachsenen ihre Welt teilen. Und auch für uns Erwachsene ist es schön, die Welt der Kinder nochmals neu zu entdecken. Das ist wie eine neue Geburt. Und das ist auch das Schöne an unserem Beruf.

Ute: Wir haben damals durch unsere eigene Tochter unglaublich viel gelernt. Oft mussten wir Stücke umschreiben, weil wir sie nun anders, nämlich mit Kinderaugen, gesehen haben. Durch unsere Tochter erlebten wir eine neue, kindliche Sichtweise auf die Dinge. Darauf muss man sich als Erwachsener einlassen können und wollen. Für mich persönlich waren das alles Erlebnisse, die ich niemals missen möchte und die mich in meinem Menschsein voran gebracht, die mich geprägt haben.

Durch welche Begegnungen oder Erlebnisse wurdet Ihr noch geprägt?

Soran: Ich habe im Tessin eine Schauspielschule besucht, die stark geprägt und gestaltet wurde von einem international sehr bekannten Clown, der Dimitri hieß und leider in diesem Jahr verstorben ist. Das Credo der Schule war, neben den Themen Fantasie und Improvisation, das Entdecken und Ausleben der eigenen Authentizität. Uns wurde vermittelt, nicht nach Polarität zu streben, sondern nach Wahrhaftigkeit. So habe ich gelernt, mich als Künstler zu emanzipieren und authentisch meinen eigenen Weg zu gehen. Ich entdeckte die unbändige Lust am Spiel und an der eigenen Kreativität. Zu improvisieren und aus dem Stand Theater machen zu können, ohne Bühne, ohne Licht, das war eine beeindruckende Erfahrung, die mich stark geprägt hat.

Ute: Für mich war meine Arbeit mit den Kindern sicherlich sehr prägend. Ich habe es immer als Geschenk empfunden, mit Kindern zusammen sein zu können. Meine Tätigkeit als Erzieherin hat dieses Gefühl gestärkt und in meinem Beruf als Schauspielerin werde ich täglich aufs Neue durch Kinder geprägt. Es ist ein großes Geschenk, zu erleben, wie die Kinder auf unsere Stücke reagieren. Und dass wir daran wachsen dürfen.

Wie sehen Eure Zukunftspläne in punkto Beruf und Theater aus?

Ute: Wir leben und spielen im Hier und Jetzt. Häufig greifen wir für unsere Arbeit das auf, was die Gesellschaft bewegt. Durch die steigende Zahl der vor Krieg und Krisen schutzsuchenden Menschen, die nach Deutschland kommen, werden wir gerade viel interkultureller und streben das auch an. So wird es in Zukunft ein interkulturelles Ensemble geben, das aus jungen Erwachsenen besteht, die aus Deutschland, Serbien, Syrien, Afghanistan und Kamerun kommen. Hier entsteht aktuell eine wunderbare Zusammenarbeit, denn diese jungen Leute tragen immense Schätze in sich und bringen großes Potenzial mit. Außerdem wird es immer unser Anliegen sein, die Fantasiekräfte aller Menschen, egal ob Groß oder Klein, zu fördern. Denn in der Fantasie lebt alles, in ihr ist alles vereint.

Soran: Wenn eine Gesellschaft ihre Fantasie nicht erlebt und einsetzt, dann kann sie keine Visionen entwickeln. Wie sollen komplexe Lösungen gefunden werden, wenn nur rezipiert wird? Eine unserer wichtigsten Ressourcen ist, neben der Bildung, die Fantasie. Die Fantasie ist unser Rohstoff Nummer 1. Auf ihr baut alles auf. Wir bemühen uns, dass sich die Kinder freischwimmen, ihre eigene Fantasie, ihre eigenen Visionen entwickeln. Nur so werden sie souveräner und wagen es, über den Tellerrand hinaus zu sehen. Und nur das Ablegen von Scheuklappen kann die Persönlichkeit eines Kindes, eines jungen Menschen stärken und sie im Menschwerden unterstützen.

Gab es ein besonders eindrucksvolles Erlebnis, das Ihr in der Vergangenheit auf der Bühne hattet?

Soran: Da müssen wir gar nicht weit zurückdenken, denn solch ein Erlebnis hatten wir erst neulich und es berührt uns noch immer. In einer Vorstellung für einen Kindergarten saß ein Junge im Publikum, der sich unglaublich an unserem Stück erfreute und immer wieder lachte. Nach der Vorstellung kam die Erzieherin zu uns und erzählte, dass dieser Junge durch den Krieg in Syrien schwer traumatisiert sei. Seit Monaten habe er kein Wort gesprochen, kaum eine Regung gezeigt. Doch im Theater hat er von Beginn an gelacht und konnte sich zum ersten Mal öffnen. Die Komik der Tiere und ihre Interaktion haben ihn aus seinem Schneckenhaus gelockt und er konnte für einen Moment all den erlebten Schrecken vergessen und einfach Kind sein, obwohl er sprachlich sicherlich kaum etwas verstanden hat. Das war für uns sehr bewegend.

Ute: Das sind die Perlen unserer Arbeit.

Liebe Ute, lieber Soran, ganz herzlichen Dank für dieses bereichernde Gespräch.

Hier gibt es mehr Informationen zum Figuren Theater Phoenix.

© Fotos: Figuren Theater Phoenix

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