Vom Unterricht an der Freien Waldorfschule


Als im Familiennewsletter einer Tageszeitung in einem Interview mit Dietrich Krauß unter der Überschrift “Ein absurd abseitiges Weltbild”* zu lesen war, dass nach Meinung Krauß’ “an Freien Waldorfschulen kein Unterricht stattfände, der vergleichbar wäre mit dem an staatlichen Schulen”, war dies Antrieb zu recherchieren, ob sich die Unterrichtsinhalte einer Klassenstufe an einer Waldorfschule tatsächlich so eklatant von den an einer staatlichen Schule vermittelten Inhalten unterscheiden. Als Beispiel wurde die 5. Klasse (30 Schulstunden pro Woche) gewählt, da nach Aussage verschiedener Waldorfschul-Sekretariate zu diesem Zeitpunkt das Interesse eines Wechsels von einer staatlichen Schule auf die Waldorfschule am höchsten ist. Zu den Unterrichtsinhalten in der 5. Klasse einer Waldorfschule in Süddeutschland wurden verschiedene Eltern, Schülerinnen und Schüler, mittlerweile in der 6. Klasse befindlich, befragt. Da die Lerninhalte einer 5. Klasse an einer staatlichen Schule Eltern schulpflichtiger Kinder hinreichend bekannt sein dürften, wurde keine “Gegenüberstellung” angestrebt.

Der Unterricht in der 5. Klasse am Beispiel einer Waldorfschule in Süddeutschland
Einführende Anmerkung: An der Waldorfschule findet der Deutsch-, Mathematik-, Zeichen-, Geschichts-, Erdkunde- und Naturkundeunterricht als sogenannter Epochenunterricht statt – so zumindest in der befragten 5. Klasse. Das bedeutet, dass für einen Zeitraum von ungefähr drei bis vier Wochen die ersten beiden Schulstunden geprägt sind von einem beispielsweise mathematischen oder geschichtlichen Schwerpunkt, wobei die Schwerpunkte fächerübergreifend miteinander verquickt werden, um ein spezifisches Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten zu können.

Im Mathematikunterricht der 5. Klasse wurde das Bruchrechnen, welches bereits in Klasse 4 eingeführt worden war, vertieft. Bruchrechnen in allen vier Grundrechenarten, Dezimalbrüche, das Vertiefen vom Rechnen mit Dezimalzahlen sowie Textaufgaben bildeten weitere Schwerpunkte. Gegen Schuljahresende wurde die Geometrie eingeführt (Winkel, Winkelhalbierende, Mittelsenkrechte konstruieren und so weiter).

Im Deutschunterricht der 5. Klasse wurden die vier Fälle sowie die Satzglieder Subjekt, Prädikat und Objekt behandelt. Schönschreibübungen, Aufsätze zu vorgegebenen Themen oder freie Aufsätze, mündliche Textbesprechungen, Nacherzählungen und Diktate, auch als angekündigte beziehungsweise unangekündigte Klassenarbeiten, sowie eine Buchpräsentation bildeten einen weiteren Schwerpunkt des Deutschunterrichts.

Im Geschichtsunterricht beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit alten Kulturen, beispielsweise Ur-Indien und Ur-Persien, Mesopotamien, Ägypten und Griechenland. Insbesondere die griechischen Sagen sowie der Themenkomplex der Olympischen Spiele stellten Schwerpunkte dar.

Im Erdkundeunterricht stand die mitteleuropäische Landschaftsgestaltung vom Hochgebirge über die Mittelgebirgszonen bis zum Tiefland im Vordergrund. Auch beschäftigten sich die Kinder in der 5. Klasse mit der physischen Landkarte Mitteleuropas, lernten die Ländergrenzen Deutschlands, die Bundesländer und Landeshauptstädte, die großen und mittelgroßen Flüsse und die Gebirge Deutschlands kennen und zeichneten alles auf einer eigenen Karte, die es von Grund auf anzulegen galt, ein. Exkursionen dienten der praktischen Wissensvertiefung.

Im Naturkundeunterricht wurden verschiedene Tiere, wie Singvögel, Greifvögel, Raubtiere, Rinder, deren Lebensraum, Körperaufbau und Jagd- und Fressverhalten näher betrachtet. Ein Schwerpunkt bildete die Pflanzenkunde mit Blütenpflanzen, Pilzen und Bäumen. Exkursionen vertieften das theoretische Wissen. Die Kinder sammelten, bestimmten und pressten Pflanzen und legten ein eigenes, umfangreiches Herbarium an.

Im Französischunterricht, der ebenso wie der Englischunterricht ab Klasse 1 abgehalten wird, wurden zwei Lektüren gelesen und die ersten Berührungspunkte mit der französischen Grammatik, die die Kinder in Klasse 4 sammelten, vertieft. Einzelne Kapitel der Lektüren gaben die Kinder als kleines Schauspiel wieder. Das Konjugieren von regelmäßigen und unregelmäßigen Verben, die Verneinung, die Artikel und das Erweitern des Wortschatzes standen im Vordergrund. Die Zahlenlehre wurde bis Einhundert ausgeweitet, das Alphabet wiederholt. Eine ansprechende Heftgestaltung, beispielsweise durch das Illustrieren von Gedichten, war wichtiger Bestandteil des Unterrichts.

Im Englischunterricht wurden unter anderem anhand einer Lektüre Grammatik und Wortschatz eingeübt. Die Zeitformen Simple Present, Simple Past und Present Perfect inklusive der ersten unregelmäßigen Verben wurden erlernt. Des Weiteren wurden verschiedene Gedichte und Kurzgeschichten gelesen. Regelmäßige Tests waren, ebenso wie im Französischen, Bestandteil des Unterrichts, genauso wie das freie Sprechen, Leseübungen und englische Lieder.

Der Musikunterricht beinhaltete die Schwerpunkte Orchester, Singen und Theorie. Kinder, die privat kein Instrument erlernen, spielen im Orchester Blockflöte. In der 5. Klasse beherrschen in der Regel alle Schülerinnen und Schüler das Blockflötenspiel sicher, da dieses den Kindern bereits ab Klasse 1 beziehungsweise Klasse 2 nahe gebracht wird. Regelmäßige Auftritte bei den Monatsfeiern, bei denen die Schülerinnen und Schüler singen und musizieren, nahmen Stück für Stück die Scheu, sich vor Publikum zu präsentieren. Im Theorieunterricht standen das Vertiefen des sicheren Notenlesens und das Erlernen der Notenwerte sowie rhythmische Übungen auf dem Lehrplan.

Im Zeichenunterricht entstanden mittels Aquarellfarben oder Buntstift gezeichnete themenbezogene Bilder zu den Fächern Geschichte, Naturkunde und Erdkunde.

Im Sportunterricht stand in Klasse 5 das Ballspiel im Vordergrund (Fußball, Basketball und Volleyball). Im zweiten Schulhalbjahr bereiteten sich die Kinder intensiv auf die Olympiade vor, die an Waldorfschulen am Ende der fünften Klasse stattfindet. Die fünf Disziplinen Sprint, Weitsprung, Speerwurf, Diskurswurf und Ringen wurden geübt beziehungsweise erlernt. Bei einem großen Sportfest aller fünfter Klassen wurden die Siegerteams sowie die Gesamtsieger gekürt.

Im Eurythmieunterricht stand der Fünfstern mit seinen Variationen auf dem Lehrplan. Musikstücke aus Mozarts Zauberflöte dienten als musikalische Untermalung von Tanz- und Gebärden- sowie Konzentrationsübungen.

Im Religionsunterricht wurden die christlichen Feste des Kirchenjahres und die zehn Gebote durchgenommen. Ferner wurden Gleichnisse und Wundererzählungen und ihre Bedeutung behandelt. Das Erstellen eines Lapbooks sowie eine Präsentation waren ebenfalls Bestandteil des Unterrichts.

Im Werkunterricht wurden der Umgang mit dem Schnitzmesser und verschiedene Schnitztechniken erlernt. Ein Holztier, ein Löffel und ein Quirl wurden geschnitzt.

Im Handarbeitsunterricht der 5. Klasse strickte jedes Kind ein Paar Socken. Das Stricken rechter und linker Maschen sowie das Auf- und Abnehmen von Maschen wurde geübt – alles mit einem Nadelspiel, also mit fünf Nadeln.

Mögliche Informationsquellen über den Lehrplan an Freien Waldorfschulen
Über die Lerninhalte an der Waldorfschule können sich interessierte Eltern vorab auf verschiedenen Wegen informieren. Regelmäßig, meist einmal pro Monat, finden an Freien Waldorfschulen Informationsveranstaltungen statt, bei denen verschiedene Fachlehrer sowohl den Eltern von Schulanfängern als auch den Eltern von Quereinsteigern Auskunft über die Gestaltung der Lerninhalte von Klasse 1 bis 13 geben. Verschiedene Bücher, siehe beispielsweise Thomas Richter “Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele” oder Henning Kullack-Ublick “Jedes Kind ein Könner – Fragen und Antworten zur Waldorfpädagogik“, befassen sich mit dem Lehrplan der Waldorfschulen. Auch die Beiträge in der Zeitschrift “Erziehungskunst” greifen die Lerninhalte an Waldorfschulen regelmäßig auf – häufig basierend auf persönlichen Erfahrungsberichten von Lehrern und Schülern. Eine weitere umfassende Web-Informationsplattform bietet der Bund der Freien Waldorfschulen. Auch Waldorf-Absolventen kommen in der Literatur zu Wort, siehe beispielsweise Dirk Randoll, Jürgen Peters: “Wir waren auf der Waldorfschule” oder Sylva Liebenwein “Bildungserfahrungen an Waldorfschulen“.

 

*Quelle: Ein absurd abseitiges Weltbild, Thumilan Selvakumaran, SüdwestPresse, 1.12.2022, letzter Aufruf am 5.1.2023