Unsere besondere Tochter hat uns den Weg gezeigt


Rezension

Die Stuttgarterin Conny Wenk hat BWL mit Schwerpunkt Marketing studiert und war als Personalleiterin tätig, als sie schwanger wurde. Ihre Tochter Juliana wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Und ist im positiven Sinne verantwortlich dafür, dass Conny ihre Passion zum Beruf machte. Denn heute ist die zweifache Mutter erfolgreich als Fotografin und Autorin tätig ist und arbeitet in diesem Rahmen viel mit behinderten Menschen zusammen. Auch ist Conny Wenk Gründungsmitglied des Vereins 46PLUS – Down-Syndrom Stuttgart e.V., für dessen Kalender sie 2007 und 2013 Kinder mit Down-Syndrom und prominente Persönlichkeiten fotografiert hat.

Liebe Conny, vor 17 Jahren bist Du Mutter Deiner süßen Tochter Juliana geworden. Wie war es, als Du Dein Kind das erste Mal im Arm gehalten hast?

© Conny Wenk

Ich war überglücklich, obwohl sie per Notkaiserschnitt auf die Welt kam und ich durch die Vollnarkose und dem ganzen Trubel zuvor, weil sich die Nabelschnur um ihren Hals gewickelt hatte, noch ziemlich geschafft war. Am Tag ihrer Geburt war noch alles in Ordnung. Die Diagnose Morbus Down habe ich erst am nächsten Morgen bei der U1 durch die Kinderärztin bekommen. Alleine, ohne meinen Mann. Der kam erst um 11 Uhr überglücklich und stolz mit dem größten Blumenstrauß ins Krankenhaus und ich musste ihm dann mitteilen, was los war. Das ist völlig falsch gelaufen. Trotzdem habe ich das süße Baby in meinem Arm sofort in mein Herz geschlossen und es angenommen. Schließlich war es unser Baby.

Wie ging es Dir und Deinem Mann mit der Diagnose Down-Syndrom?

Die Diagnose Morbus Down hat uns sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggezogen und wir konnten sie, im Gegensatz zu unserem Baby, anfänglich nicht annehmen. Ich glaube, wir haben die ersten drei Tage ununterbrochen geweint. Ich war davon überzeugt, nie mehr glücklich sein zu können. Wir waren völlig überfordert. Dazu kam, dass uns keiner zur Geburt unserer Tochter gratulierte, das Telefon blieb still. Keiner wusste so richtig, ob man uns zu unserem besonderen Kind überhaupt gratulieren darf. Eine Tante hatte uns das Buch „Trostgedanken“ zur Geburt geschenkt.

Wie gestalteten sich die ersten Monate und Jahre als junge Familie?

Am Anfang waren wir mit allem komplett überfordert. Unwissenheit ist immer der größte Feind von allem. Wir wussten gar nichts über das Down-Syndrom und hatten nur irgendwelche überholten Klischeebilder im Kopf. Die erste Zeit litt ich unter einer ziemlichen Depression. Das Blatt wendete sich, als Juliana mit drei Monaten zum ersten Mal lächelte. Zur gleichen Zeit traf ich mich mit anderen wunderbaren Müttern und ihren coolen Kids mit Down-Syndrom zum Kaffee. Ich war sofort verliebt und verlor meine Angst. Von da an ging’s jeden Tag ein Stückchen mehr bergauf. Unsere Tochter hat uns den Weg gezeigt.

Ihr seid dann nochmals Eltern geworden. Wie gestaltete sich die zweite Schwangerschaft für Dich bzw. für Euch?

© Conny Wenk

Juliana war unser erstes Kind. Mit ihr hatte ich eine völlig unbeschwerte Schwangerschaft und die Diagnose Down-Syndrom traf uns aus heiterem Himmel. Als ich drei Jahre später wieder schwanger war mit unserem Sohn, war die Schwangerschaft alles andere als unbeschwert. Ich hatte dieses Mal große Angst. Nicht so sehr wegen des Down-Syndroms, denn das hatte durch Juliana seinen Schrecken verloren, sondern dass bei der Geburt irgendwas Schlimmes passieren könnte. Wir haben uns bei beiden Schwangerschaften gegen eine Amniozentese, also gegen Pränataldiagnostik entschieden. Ich wurde damals von meiner Frauenärztin sehr gut beraten, dass man sich, wenn man Schritt eins macht, auch über Schritt zwei im Klaren sein muss. Trotzdem haben die Ärzte bei meiner zweiten Schwangerschaft aufgrund meiner Anamnese in regelmäßigen, kurzen Abständen einen Ultraschall durchgeführt. Wahrscheinlich hatten sie größere Angst als wir. Heraus kam dabei, dass ich viel zu viel Fruchtwasser hatte und dass der Embryo einen Herzfehler hat. Das hatte mich sechs Wochen in der Schwangerschaft völlig verrückt gemacht und war mir irgendwann alles zuviel. Unser Sohn kam kerngesund auf die Welt und erst später erfuhr ich, dass die meisten Babys im Bauch einen Herzfehler haben, der sich dann aber spontan verschließt. Ich dachte mir nur, wie gut es meine Mutter in meiner Schwangerschaft hatte, sie durfte noch „guter Hoffnung sein“.

Oft bieten Umbrüche im Leben die Chance, sich neu zu finden, neue Prioritäten zu setzen. Wie war das bei Dir?

Der Schock über die Diagnose unserer Tochter und ihre Einzigartigkeit war definitiv auch eine einzigartige Chance. Die Chance, persönlich zu wachsen, reifer und stärker zu werden. Die Chance herauszufinden, was wirklich wichtig ist im Leben. Auf einmal ist man in der Lage, sich auch an kleinen, banalen Dingen erfreuen zu können. Die Chance zu begreifen, wie unwichtig Äußerlichkeiten sind, denen man früher vielleicht eine sehr hohe Bedeutung beigemessen hat. Die Chance, die entscheidenden Weichen in unserem Leben zu stellen. Die Chance herauszufinden, auf wen man wirklich zählen kann. Die Chance, wunderbare Menschen kennen zu lernen, die man sonst vielleicht nie getroffen hätte. Die Chance, Gelerntes an andere weiterzugeben. Die Chance zu lernen, ganz im Augenblick zu leben. Und nicht zuletzt die Chance, nicht unsere Augen sehen zu lassen, sondern unsere Herzen. So wie es unsere Kinder vormachen.

Kein Mensch ist gleich, wir alle sind verschieden. Wie sind Deine Erfahrungen dazu im Alltag? Werden Menschen mit Einschränkungen wirklich akzeptiert und integriert?

Ich habe eine Erfahrung gemacht: So wie es in den Wald hinein schallt, schallt es auch wieder heraus. Wenn wir Menschen begegnen, versuche ich mir immer vorzustellen, dass sie über das Down-Syndrom womöglich genauso wenig wissen, wie ich vor Julianas Geburt. Und ich weiß, dass wir Menschen vor allem Unbekannten erst einmal Angst haben. Als Juliana noch im Kinderwagen saß, standen wir einmal im Supermarkt in der Schlange an der Kasse. Die Frau vor uns starrte unentwegt in den Kinderwagen auf Juliana. Da schaute ich auf Juliana und sagte: „Na, bist Du schon wieder am flirten?“ Die Frau musste lachen … und wir kamen ins Gespräch. Sie traute sich tatsächlich, mir Fragen zu stellen, die ich gerne beantwortete. Am Schluss legte sie schnell noch eine Packung Haribo aufs Band und schenkte sie Juliana. So wie Juliana uns den Weg gezeigt hat, weiß ich, dass ich meiner Umwelt den Weg zeigen muss. Der Schlüssel für ein gutes Miteinander ist für mich Liebe, Respekt und gegenseitige Achtung.

Was macht Juliana aktuell?

Juliana besucht die 11. Klasse einer Sonderschule und freut sich schon darauf, irgendwann nach ihrer Ausbildung mit ihren Freunden in eine „betreute“ WG zu ziehen.

Du bist eine tolle Fotografin, die gern mit Menschen arbeitet. Was ist für Dich das Besondere, Menschen mit Down-Syndrom zu fotografieren?

© Conny Wenk

Obwohl alle Menschen mit Down-Syndrom natürlich völlig unterschiedlich sind, so haben sie doch so ein paar Sachen gemeinsam: Sie sind zumeist immer direkt, auf charmante Weise ehrlich, haben ihren eigenen Kopf und brechen damit das Eis – egal bei wem. Für unseren Stuttgarter Verein 46plus durfte ich unsere Kids schon für viele Projekte mit prominenten Persönlichkeiten fotografieren. Innerhalb kurzer Zeit haben sie selbst die „schwierigsten“ oder „ernstesten“ Personen „geknackt“, so dass ihre liebevolle, lustige, herzliche Seite zum Vorschein kam. Das sind wunderschöne und unbezahlbare Erlebnisse.

Neben Deiner Leidenschaft für Fotografie bist Du auch als freie Autorin tätig. Erzähle uns doch etwas über deine spannenden Buchprojekte.

2004 erschien mein erstes Buch „Außergewöhnlich“, in dem ich Kinder mit Down-Syndrom und ihre Mütter porträtiert habe. Damals wollte ich eigentlich gar nicht Autorin werden, sondern ich hatte für mein unmittelbares Umfeld eine Botschaft, und zwar, dass wir nicht bemitleidet werden müssen mit „so einem“ Kind, sondern dass ein Extra-Chromosom unser Leben auch bereichert und unsere Kinder außergewöhnlich macht. Denn ein Chromosom mehr kann auch ein Mehr an Lebensfreude, Liebe und Glück bedeuten. Es folgten bald weitere Bände in dieser Reihe und im Herbst 2018 kam mein siebtes Buch auf den Markt, das ich zusammen mit unserem Verein 46PLUS Stuttgart e.V. gemacht habe: #46pluskocht – voll lecker, in dem 21 junge Hobbyköche mit Down-Syndrom die Küchen und Kochstudios von 19 prominenten Star- und Sterneköchen gestürmt haben. Das war eine riesen Gaudi! Die mitwirkenden Köche sind beispielsweise Alfons Schuhbeck, Cornelia Poletto, Frank Oehler, Roland Trettl, Simon Tress, Ted Reader, Torsten Michel oder Vincent Klink.

Was ist das Schönste für Dich am Muttersein und was sind Deine größten Wünsche und Träume?

Für mich das schönste Gefühl und Geschenk der Welt. Eigentlich das, was man sich immer an Neujahr wünscht: Gesundheit, Glück & Zufriedenheit. Alles andere kommt erst danach.

Liebe Conny, vielen Dank für dieses schöne Gespräch. Wenn ihr mehr über Connys wunderbare Arbeit als Fotografin erfahren möchtet, dann besucht sie gern virtuell unter www.connywenk.com. Eine Übersicht über Connys Bücher erhaltet Ihr hier. Und hier gibt es mehr Informationen zu Connys neuestem Buch:

© Neufeld Verlag

#46plus kocht – voll lecker (A little extra)
Conny Wenk und 46PLUS – Down-Syndrom Stuttgart e.V.
Neufeld Verlag
240 Seiten
gebunden
mit zahlreichen vierfarbigen Abbildungen
19,90 Euro
ISBN: 978-3862560936

 

© Titelbild: Conny Wenk

 

 

+ Keine Kommentare vorhanden

Kommentar verfassen