Meine siebenjährige Stillzeit mit drei Kindern


Helena ist Mutter von drei Kindern im Alter von 3, 5 und 7 Jahren. Sie hat ihre Kinder insgesamt über sieben Jahre bis zum jeweiligen Lebensalter von circa drei Jahren gestillt. Heute blickt Helena glücklich und erfüllt auf ihre Stillzeit zurück und erzählt uns von ihren ganz persönlichen Stillerfahrungen.

Liebe Helena, was ist das Schönste für Dich am Stillen gewesen?

Das Schönste am Stillen übergreifend betrachtet war, dass ich eine besonders innige Verbundenheit zu meinen Kindern gefühlt habe und aufbauen konnte. Dafür waren sicherlich auch die Hormone zuständig, die beim Stillvorgang ausgeschüttet werden. Aber auch allein die körperliche Nähe tat uns sehr gut. Das Baby war ruhig und trank und somit war ich ruhig und konnte beobachten, wie sich mein Kind nahm was es wollte. Ich konnte zu jeder möglichen und unmöglichen Zeit umgehend dafür sorgen, dass das Grundbedürfnis meines Kindes befriedigt wurde. Sei es Hunger und Durst oder auch für die Nähe und Ruhe zu jeder Zeit sorgen, in der sie gesucht wurde.

Was hast Du während Eure Stillmomente am meistens genossen?

Die einzigartige Verbindung, die wir beide spüren konnten. Besonders gut habe ich in Erinnerung, wie mein Baby mit großen Augen um sich blickte, trank, mit den Händen knetete und vor allem in den ersten anderthalb Lebensjahren meist beim Stillen einschlief. Danach lag es satt und zufrieden in meinem Arm und lächelte im Schlaf, während manchmal noch Milch um die Mundwinkel herum zu sehen war. Dieses Bild werde ich für immer in Erinnerung haben. Auch nach der Entbindung war es toll zu beobachten, wie jedes Kind wenige Minuten nach der Geburt die Brust gesucht und die ersten Trinkversuche gestartet hat.

Hattest Du, beispielsweise beim ersten Kind, Probleme beim Stillen, wie einen Milchstau, eine Brustentzündung etc.?

Nicht nur beim ersten Kind hatte ich Probleme. Das erste Mal und das erste Kind zu stillen ist ein einschneidendes Erlebnis. Ich hatte das Glück, dass ich weder Stillhütchen noch sonstige Unterstützung brauchte, dass meine Kinder alle kräftig genug waren, um saugen zu können. Trotzdem ging der Milcheinschuss bei zwei meiner Kinder mit Schüttelfrost und Fieber einher. Milchstaus hatte ich nie, dafür Brustentzündungen. Diese untypischerweise auch erst später, als ich schon jahrelang gestillt hatte. Verantwortlich waren Bakterien, die das Geschwisterkind aus dem Kindergarten mitgebracht hatte. Da ich nach Bedarf gestillt habe, musste ich weder abpumpen noch zufüttern. Von außen betrachtet war das viele und lange Stillen vielleicht nicht immer nachvollziehbar, für uns als Mutter und Kind verlief die komplette Zeit jedoch ohne nennenswerte Probleme. Je weniger man in den natürlichen Ablauf eingreift, desto weniger kommt es zu Störungen.

Hast Du Tipps, wie Mamas mit Stillproblemen fertig werden und an welche Vertrauenspersonen sie sich bei Fragen wenden können?

Um Problemen vorzubeugen, ist es auch wichtig, dass man die Stillpositionen (die Art zu sitzen, zu liegen oder zu halten und auch die Art, wie weit die Brust in den Mund des Kindes ragen sollte, wo das Kinn des Kindes platziert sein sollte oder wie oft man welche Brust gibt…) kennt. Man kann die Nachsorge-Hebamme um Rat fragen, auf deren Betreuung man während der gesamten Stillzeit Anspruch hat. Direkt nach der Geburt auf der Wöchnerinnenstation gibt es einige Krankenschwestern, die eine zusätzliche Ausbildung zur Still- und Laktoseberaterin hatten. Manche Kliniken bieten regelmäßige Stillcafés an oder man kann sich zur Stillberatung einen Termin geben lassen. Dann gibt es aus meiner Sicht zwei Personen, die die größten Vertrauenspersonen sind: Die stillende Mutter und ihr Kind. Man macht nichts falsch, solange es keine Schmerzen bereitet. Wenn es schmerzt, sollte man das eigene oder das Bedürfnis des Kindes überdenken und die Situation anpassen. Das ist mein persönliches Fazit.

Wie verlief das Thema Beikost/erste feste Nahrung bei Deinen drei Kindern?

Beim ersten Kind war ich stark verunsichert. Die ersten sechs Monate waren um und ich dachte, ich muss nun Beikost nach Plan einführen. Das misslang uns sichtlich. Mein Sohn wollte partout nichts (breiiges?) Essen und somit war klar, dass ich ihn weiterhin stille. Mit circa 18 Monaten biss er zum ersten Mal herzhaft in sein erstes Stück Brot und hat von da an am Tisch mitgegessen. Er war allerdings nie der große Esser und ist es auch bis heute nicht. Hätte ich das damals gewusst, wäre ich um Einiges beruhigter gewesen. Getrunken hat er immer gerne, ich habe ihn daher gestillt bis er 28 Monate alt war.
Beim zweiten Kind war ich schlauer. So wie er Interesse am Essen zeigte und aufrecht auf meinem Schoß sitzen konnte, lies ich ihn greifen und probieren was er wollte. Nach und nach wurden die Mengen größer und er konnte bald am Familientisch mitessen. Am Tisch dabei war er von Anfang an dabei, denn meist kam der Hunger genau dann, wenn für uns alle das Essen begann. Gestillt habe ich ihn bis er 22 Monate alt war.
Mein drittes Kind hat ebenfalls von Beginn an am Tisch Platz gefunden. Erst stillend, während wir aßen und mit circa sechs Monaten zeigte auch er Interesse an fester Nahrung. Gestillt habe ich ihn am Längsten. Mit 37 Monaten war für ihn die Stillzeit vorbei.

Wie verlief eine klassische Nacht für Dich als stillende Mama?

Die Nächte sahen die ersten Lebensmonate so aus, dass mein Kind ungefähr alle eineinhalb bis zwei Stunden an die Brust wollte. Nach dem ersten Lebensjahr wurden die Zeitspannen etwas größer, jedoch taten dann Wachstumsschübe, schmerzendes Zahnen, Krankheiten, Impfungen oder unruhige Tage ihr Übriges dazu, dass die Zeitspannen manchmal auch geringer waren. Jedoch musste ich nie aufstehen und so schlief mein Kind in unserem Familienbett und meist war es so, dass wir ganz ruhig stillen konnten und kein anderes Familienmitglied dabei wach wurde. Nicht selten bin ich selbst wieder eingeschlafen, während mein Kind noch getrunken hat.

Zeitweise waren zwei Deiner Kinder noch Stillkinder. Wie hat sich Eure Stillbeziehung zu dritt gestaltet?

Zwei Mal kam ich in der Stillzeit in den Genuss, schwanger zu sein und gleichzeitig das größere Kind weiter stillen zu können. Das waren wunderschöne Momente. Zum Ende der Schwangerschaft hin war der Bauch so groß, dass ich nur noch liegend gestillt habe. Oft hat dabei das größere Kind den Bauch gestreichelt und einen Stups aus dem Bauch als Antwort bekommen. Wir haben uns im Vorfeld unterhalten und gesagt, dass wenn das Baby aus dem Bauch da ist, es nichts anderes zu sich nehmen kann als die Muttermilch und dass wir ihm deshalb immer den Vorrang lassen. So kam es dann auch. Mein erster Sohn hat zugesehen wie ich das Baby gestillt habe und gewartet bis er dran war. Nach einigen Wochen war es für ihn in Ordnung, dem Baby die Brust komplett zu überlassen und er hat sich abgestillt. Ich weiß noch, wie ich nach der 2. Geburt nachts den Milcheinschuss bekam. Ich hatte Fieber und es ging mir nicht gut, aber mein neugeborener Sohn schlief friedlich und ich wollte ihn nicht wecken, damit er trinkt (was geholfen hätte). Stattdessen erklärte sich mein großer Sohn bereit. Er trank und am nächsten Morgen war alles wieder gut. Die Stillbeziehung zu dritt war also für uns etwas sehr Intimes und wir konnten alle profitieren.

Gab es aus Deinem sozialen Umfeld kritische Stimmen zum Thema Langzeitstillen?

Ich habe nicht ohne Grund alle meine Kinder so oft und solange gestillt wie sie es wollten. Es ist meine Überzeugung und ich habe mit den Jahren gelernt, dass nichts über die Meinung des „Stillgespanns“ geht. Es ist medizinisch nachgewiesen, dass jeder stillende Tag ein wertvoller Tag ist. Sowohl für die Gesundheit des Kindes als auch für die der Mutter, zum Teil auch langfristig gesehen. Doch auch direkt nach der Geburt stehen der Babyblues und der Milchfluss in Verbindung. Die Gebärmutter bildet sich unheimlich schnell zurück durch das Stillen. Das Immunsystem des Kindes wird gestärkt, das Osteoporose-Risiko geht zurück, das Brustkrebs-Risiko sinkt usw. Kritische Stimmen gab es natürlich immer. Jedoch habe ich gelernt, damit umzugehen und nicht alles Preis zu geben. Es ging nur unsere Kernfamilie etwas an.

War das Stillen in der Öffentlichkeit jemals problematisch für Dich bzw. für andere Menschen?

Für mich war das kein Problem. Die Orte, an denen wir gestillt haben, sind gar unzählige und auch oft außergewöhnliche gewesen. Natürlich hat niemand meine nackte Brust gesehen, ich hatte entweder ein Spucktuch bei mir oder habe mir die Kleidung so zurecht gerückt, dass bei unserem Anblick kein Erwachsener rot werden musste. Besonders schön fand ich jedoch, dass immer mal wieder jemand lächelnd reagierte, meist waren das ältere Damen.

Wie hat Dein Mann Eure intensive Familien-Stillzeit empfunden?

Meinem Mann kann ich rückblickend nur danken, denn er hat auf natürliche Weise alles richtig gemacht. Auch wenn es die ersten Lebensmonate sicherlich nicht leicht war, denn er konnte eigentlich nicht viel tun, wenn das Baby geweint hat und ich nicht sofort verfügbar war. Und doch hat er nie das Stillen angezweifelt. Für ihn war klar, dass unsere Kinder gestillt werden, mit allem was dazu gehört. Dieses intuitive Gefühl, dass etwas gut und richtig ist, entwickelt man meist erst mit dem Lauf der Dinge und er ist mit der Situation immer mit gegangen und hat mich unterstützt. Er selbst sagt, dass es für ihn etwas ganz Natürliches ist, dass Kinder auf die Welt kommen und gestillt werden. Er fand es sehr angenehm und am Besten hat ihm gefallen, dass die Kinder so lange und so oft gestillt wurden, wie sie es gerne wollten und nicht wie es ein Handbuch oder Ratgeber vorschreibt. Ich finde es toll, dass mein Mann da das gleiche intuitive Bauchgefühl hatte, wie ich.

Du hast Euer letztes Kind erst vor wenigen Monaten abgestillt. Wünschst Du Dir manchmal die Stillzeit zurück?

Ich blicke ein bisschen “hormonbelämmert” auf die Stillzeit zurück, das spüre ich natürlich schon. Denn es gab immer wieder schwierige Zeiten. Sei es, dass die Nächte kräftezehrend waren, dass die Brust mal geschmerzt hat, dass ich eigentlich nie ohne Kind sein konnte ohne sehnlichst vermisst zu werden. Diese Alleinstellung der stillenden Mutter ist schon auch ein Gefühl großer Verantwortung. Wenn ich mal krank war, machte ich mir oft Sorgen, mein Kind anzustecken. Ich habe lange auf Lebensmittel verzichtet, von denen ich wusste oder vermutete, dass sie nicht gut für mein Kind sind. Staunend hörte ich zu, wenn von durchschlafenden Säuglingen erzählt wurde oder davon, dass die Mütter sich ein Wochenende gönnen und das Kind die Flasche von „egal wem“ bekommt. Trotzdem beherrscht ein Gefühl die letzten sieben Jahre: Liebe. Und somit kann ich sagen: Ja, ich wünsche mir die Stillzeit manchmal zurück, denn die Nähe und Sorglosigkeit der Stillmomente sind zauberhaft.

Was waren die ganz besonderen, die schönsten Stillmomente, an die Du Dich immer erinnern wirst?

Ich erinnere mich unglaublich gern an die ersten Minuten nach den jeweiligen Geburten, wenn unser Kind auf meinem Bauch lag und sofort intuitiv versuchte, sich zur Brust zu winden. Dann habe ich mein Baby genommen und es angelegt. Und in den folgenden Tagen und Nächten haben wir fast nichts anderes getan, als zu stillen und die Nähe des Anderen zu spüren. Dabei streichelnde kleine Hände, knetende Füße zu spüren, manchmal ein schmatzendes Geräusch beim Trinken. Dieses absolute Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit auf beiden Seiten, nach den wahrlich aufreibenden Stunden der Geburt, bleibt mir unvergessen. Ich erinnere mich auch sehr gern daran zurück, wie meine Kinder, als sie älter waren und sprechen konnten, vor dem Einschlafen noch zu mir kamen und mir, jeder mit seinen eigenen Wortkreationen, deutlich machten, dass sie nochmals Milch trinken möchten. Ich erinnere mich an die Tritte aus meinem Bauch, wenn das Geschwisterkind getrunken hat und dabei den dicken Bauch streichelte. Oder die Verbundenheit, die beiden großen Geschwister zu sehen, wie sie dem kleinen Bruder den Vortritt lassen und ihn beim Trinken beobachten und kommentieren. Und weil es gut zum Abschluss passt: Nicht nur das Stillen an sich war für mich ein großes Glück sondern auch, wann ich meine Kinder abgestillt habe. Nämlich dann, wenn sie damit einverstanden waren.

Liebe Helena, vielen Dank für dieses schöne, persönliche Interview!

 

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