“Glaube an deine eigene Stärke.”


Katharina und Marc haben in Thailand gelebt und gearbeitet, als sie im Dezember 2004 durch den großen Tsunami fast ihr Leben und ihre Existenz verloren. In unserem Interview erzählt Katharina von ihrem persönlichen Neuanfang, wie sie ihre posttraumatische Belastungsstörung überwand und warum sie glaubt, dass sie ein Stück weit selbst für ihr Glück verantwortlich ist, indem sie ihr Schicksal in die Hand nimmt.

Liebe Katharina, Du hast im Jahr 2004 den großen Tsunami überlebt, der 230.000 Menschen das Leben kostete. Wie kam es dazu, dass Du nach Thailand ausgewandert bist?

Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets, in Duisburg geboren, in Essen aufgewachsen. Ich habe in Essen Kommunikationswissenschaften studiert und später in Bochum gearbeitet. Dass ich mit Ende 20 nach Thailand auswandern würde, ergab sich eher zufällig und aus einer kleinen Vorgeschichte heraus. Mein Freund Marc und ich haben damals ein Hobby gesucht, das wir gemeinsam ausüben konnten. Während eines Ägypten-Urlaubs entdeckten wir unsere Leidenschaft für das Tauchen. Ab diesem Zeitpunkt erlebten wir die Welt eigentlich primär unter Wasser. Wir absolvierten zahlreiche Tauchurlaube und Tauchkurse in Afrika, Asien und auf Mallorca und ließen uns in Thailand zu Tauchlehrern ausbilden. Immer öfter schwärmten wir von einem Leben am Wasser. Wir hatten den Wunsch, die Freiheit, die wir während des Tauchens verspürten, auch auf unser restliches Leben zu übertragen. Zeitgleich verblich die Faszination unserer Jobs immer mehr. In dieser Lebensphase kam uns der Zufall zur Hilfe und wir erfüllten uns gemeinsam mit zwei Bekannten den Traum, unser Hobby zum Beruf zu machen: Wir eröffneten nebenberuflich eine Tauchschule in Essen. Doch die Geschäftsbeziehung zu unseren Partnern ging nach wenigen Monaten in die Brüche. Wir zahlten die beiden aus, was uns finanziell in ziemliche Schwierigkeiten brachte. Da wir die Tauchschule, die eigentlich nebenberuflich lief, von nun an nur noch zu zweit führten, nahm der zeitliche Aufwand stark zu. Marc setzte alles auf eine Karte und gab seinen gutbezahlten Job in der Werbebranche auf, um sich ganz der Tauchschule widmen zu können. Nach einem weiteren kräftezehrenden Jahr, in dem wir sieben Tage pro Woche arbeiteten, konnten wir die Miete für unsere gemeinsame Wohnung nicht mehr aufbringen. Der finanzielle und emotionale Tiefpunkt war erreicht. Wir kamen für einige Monate bei meiner Mutter unter, worunter auch unser Privatleben, das wir aufgrund der beruflichen Eingebundenheit zu diesem Zeitpunkt sowieso kaum mehr führten, litt. Wir wussten: Es muss sich etwas ändern.

Als der Mietvertrag für die Tauchschule nach zwei Jahren auslief und wir den Räumungsverkauf hinter uns gebracht hatten, fühlten wir uns wie befreit. Endlich hatten wir Kraft, uns Gedanken über eine neue berufliche und private Zukunft zu machen. Schnell war klar, dass wir gern als Tauchlehrer im Ausland arbeiten würden. Wir reisten für zwei Monate nach Thailand, um die Option des Auswanderns zu prüfen. Und kamen mit dem eindeutigen Ergebnis zurück: Ja, das ist es. Das möchten wir machen. Also bewarben wir uns weltweit bei Tauchschulen und in Hotels und erhielten, nach einer Jobzusage aus Ägypten und einer aus Kenia, fast zeitgleich ein Angebot aus Thailand. Und zwar genau von der Tauchschule, bei der wir vor Jahren unsere Tauchlehrerausbildung absolviert hatten. Wir sagten sofort zu. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn es fiel schwer, Familie und Freunde in Deutschland zurückzulassen, saßen wir, nach einer großen Abschiedsparty, im Frühling 2004 im Flieger in Richtung Bangkok.

Wie verlief dieser spannende Neuanfang für euch?

Der Neustart war etwas holprig, was allerdings eher mit logistischen und organisatorischen Themen vor Ort in Thailand zusammenhing. Unser neuer Arbeitsplatz war ein kleines Island gut 20 Kilometer südlich von Phuket – die Insel Racha Yai in der Andamanensee. Auf Koh Racha Yai gab es damals ein einziges Hotel, ein exklusives 5-Sterne-Ressort, und die Tauchschule. Die Insel konnte man in zehn Minuten umrunden. Es war ein kleines Paradies, wie gemacht für unseren Neuanfang. Weißer Strand, wunderschöne Palmen, dazu das türkisblaue Meer bis zum Horizont, wo es in den Himmel zu fließen schien. Unvergessen ist bis heute unser erster Tauchausflug: 30 Grad Celsius Wassertemperatur, keine Strömung, Sichtweite 25 Meter – herrlich! Auch die Tauchbasis, deren Leitung wir übernahmen, gefiel uns mit ihren schönen Holzmöbeln, dem vielen Licht und den hellen Farben sehr gut. Zwar schliefen wir anfänglich mit den anderen Guides in der Tauchschule und mussten zu unserem Chef erst einmal langsam ein Vertrauensverhältnis aufbauen, doch bereits nach kurzer Zeit begannen wir, uns heimisch zu fühlen. Wir siedelten in eine kleine, einfache Hütte am Berghang hinter der Tauchschule um. Einmal pro Woche fuhren wir für Einkäufe und einen Tapetenwechsel mit dem Speedboat nach Phuket. Im Hotel arbeiteten wir sechs Tage in der Woche, führten Tauchkurse durch, leiteten Tauchgänge im Meer und Schnupperkurse im Hotelpool. Wir kümmerten uns um die Homepage der Tauchschule, um Werbung, Kooperationen und Abrechnungen. Unser Chef ließ uns freie Hand und war mit unseren Ideen und Verbesserungsvorschlägen einverstanden. Die Arbeit machte uns viel Spaß und wir waren rundherum zufrieden und glücklich.

Wie habt ihr den 26. Dezember 2004, den Tag der Tsunami-Katastrophe, genau erlebt?

Es war ungefähr halb zehn Uhr morgens und wir hatten gerade mit der Arbeit begonnen. Unser Freund Tom machte zu diesem Zeitpunkt Urlaub auf Koh Racha Yai. Am Strand sammelten sich plötzlich viele Menschen, die staunend auf das Meer starrten. Auf ein Meer, das nicht mehr da war. Denn das Wasser hatte sich um viele hundert Meter zurückgezogen, alle Boote lagen auf dem Trockenen. Ein tolles Naturereignis, dachten wir, und gingen ebenfalls an den Strand, um dieses besondere Schauspiel näher zu betrachten. Plötzlich baute sich in der Ferne eine große Welle auf und rauschte heran. Rasch kletterten wir auf eine kleine Anhöhe, während das Wasser mit ziemlicher Wucht auf den Strand traf und sich dann wieder zurückzog. Wir liefen, gemeinsam mit vielen anderen Touristen und Einheimischen, erneut an den Strand und konnten uns gar nicht erklären, was da gerade passierte. Hing der Rückgang des Wassers mit dem Mond zusammen? Handelte es sich um eine Art Springflut? Während alle staunten, Fotos schossen und sich austauschten, kam eine noch höhere Welle auf den Strand zugerollt – viel schneller und mit mehr Wucht. Wir fingen an zu rennen und als wir zurückblickten, sahen wir, dass die kleine Anhöhe, auf der wir zuvor gestanden hatten, überflutet war. Nun ahnten wir, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich rannte in die Tauchbasis und brüllte den verdutzten Gäste zu, sie sollten alles stehen und liegen lassen und die Tauchschule räumen. In diesem Moment schoss auch schon das Wasser heran und flutete die Räumlichkeiten kniehoch. Wir griffen nach ein paar persönlichen Unterlagen und unseren Laptops und rannten den Hügel, der sich hinter dem Tauchcenter befand, hinauf. Das Wasser lief wieder zurück und schien auch nicht wiederzukehren, so dass sich Marc und Tom, die, wie wir alle, den Ernst der Lage noch nicht realisiert hatten, noch einmal auf dem Weg machten, um einige Dinge aus dem Tauchcenter zu holen. Augenblicke später rollte eine riesige Welle heran. Vom Hügel aus sah ich, wie die Wassermassen auf die Tauchbasis zuliefen und alles verschlangen. Ich konnte Marc nicht mehr sehen und war außer mir vor Angst. Ich war mir sicher, dass er von der Welle mitgerissen worden war. Immer wieder schrie ich seinen Namen. Doch dann geschah das Wunder und ich sah Marc nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, den Hügel hinaufrennen. Er war in Todesangst auf einen Wasserspeicher gesprungen, als die Welle kam. Dieser lebensrettende Sprung gelang ihm in letzter Sekunde. Auch Tom hatte es gerade noch geschafft, aus der Tauchschule herauszukommen. Noch während wir drei uns in den Armen lagen, hörten wir plötzlich die anderen um uns herum schreien und sahen, wie eine gigantische Welle auf uns zurollte. Dieses Bild war so unfassbar, das ich kaum glauben konnte, was ich sah. Ein Panik drehten wir uns um und rannten um unser Leben. Immer den Berg hinauf, rechts in den Wald, Hauptsache nach oben, weg vom Wasser, immer weiter. Jeder von uns hatte wohl dieses letzte Bild der heranbrausenden Riesenwelle im Kopf. Einige Thais liefen voraus und bahnten mit ihren Macheten den Weg durch den Dschungel. Nach ungefähr einer halben Stunde machten wir eine kleine Pause. Ob wir hoch genug waren? Oder würden uns die Wassermassen erreichen? Die Angst trieb uns höher den Berg hinauf durch das Dickicht, bis es kein Durchkommen mehr gab. Völlig erschöpft gaben wir auf und hofften, das Wasser möge uns hier oben nicht mehr erreichen. Nun saßen wir also im Dschungel – eine Gruppe von circa zwanzig Ausländern und zehn Einheimischen. Wie durch ein Wunder zauberten die Thais plötzlich Wasser hervor, das sie den ganzen Weg getragen hatten. In diesem Moment das kostbarste Geschenk, neben unserem Leben, das wir bekommen konnten. Unsere Arme, Beine und vor allem die Füße waren offen und von zahlreichen Wunden übersät, da wir barfuß waren. Doch wir lebten, das war das Wichtigste. Der Nachmittag kam und wir diskutierten immer wieder, was wohl geschehen sei. War das eine Atombombe? Ein Meteoriteneinschlag? Würde die Welt untergehen? Wie ging es unserer Familie und unseren Freunden in Deutschland? Was war mit den anderen Menschen auf der Welt? Uns fehlte jegliche Struktur, jegliches Vorstellungsvermögen. Zwei europäische Gäste hatten ihre Handys dabei und versuchten zu telefonieren, was jedoch nicht gelang. Die Dunkelheit brach herein und wir verbrachten die Nacht im Dschungel oben auf dem Berg. Zu groß war die Angst, im Falle eines Abstiegs vom Wasser überrascht zu werden.

War in jener Nacht überhaupt an Schlaf zu denken?

Wir waren zwar total erschöpft, aber schlafen konnte keiner so richtig. Jedes Geräusch ließ uns hochschrecken, jeder Windhauch hörte sich wie das Rauschen von Wasser an. Kurz vor Sonnenaufgang rief plötzlich einer der Gäste: „Ich habe wieder Netz!“ Hellwach scharten sich alle um ihn herum. Er rief in Deutschland an. Und nun erfuhren wir, was da Unfassbares geschehen war. Wir hörten, dass es ein schweres, achtminütiges Seebeben der Stärke 9,1 im Indischen Ozean vor Sumatra gegeben habe. Indonesien, Thailand, Sri Lanka, Indien, die Malediven und die ostafrikanische Küste seien betroffen und teilweise von fünfzehn Meter hohen Wellen, die sich mit einer Geschwindigkeit von 800 km/h Richtung Land geschoben hatten, erfasst worden. Zehntausende Tote wurden vermutet. Dass sich diese Zahl auf 230.000 Opfer nach oben korrigieren würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand. Zutiefst verunsichert warteten wir den Sonnenaufgang ab und wagten uns dann ein Stück den Berg hinunter, immer in der Angst, das Wasser könne zurückkommen. Wir waren von Mücken zerstochen, jeder Knochen schmerzte, jeder Schritt, immer noch barfuß, tat weh. Nach einiger Zeit erreichen wir die Mitarbeiterkantine des zu großen Teilen zerstörten Hotels und erfuhren, dass die Insel von insgesamt sechs Flutwellen getroffen worden war. Über Nacht war es ruhig gewesen, allerdings bestand die Gefahr von Nachbeben. Vorsichtig näherten wir uns der kleinen Anhöhe, auf der das aus Beton gebaute Tauchcenter stand. Alles war zerstört. Das ganze Gelände sah aus wie nach einem Bombenangriff. Die Tauchschule gab es nicht mehr. Sogar den tonnenschweren Kompressor, der zum Befüllen der Tauchflaschen mit Pressluft diente, hatte das Wasser mitgerissen. Wir fanden ihn später am Strand. Unsere kleine Hütte, weiter oben am Berg, war unversehrt. Wie in Trance begaben wir uns dorthin, freuten uns über das wenige Hab und Gut, das wir noch besaßen. Wir packten zwei Rucksäcke mit dem Allernötigsten für den Notfall und erfuhren, dass vor einem neuen Tsunami gewarnt wurde. So stiegen wir wieder auf den Berg, da wir uns dort oben am Sichersten fühlten. Dieser Berg hat das Leben vieler Einheimischer und Touristen gerettet. Denn viele Menschen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe auf Koh Racha Yai lebten oder Urlaub machten, hatten sich auf ihn geflüchtet und so den Tsnuami überlebt. Besonders schlimm hatte es jedoch Phi Phi Island, eine unserer Nachbarinseln, getroffen, die über keine nennenswerten Anhöhen verfügte. Über sie waren die Flutwellen einfach hinweg gerollt und viele Menschen hatten ihr Leben verloren.

Da die angekündigten Nachbeben ausblieben, begaben wir uns nach einigen Stunden in das zwischenzeitlich eingerichtete Notlager unseres Hotels und überlegten, was zu tun sei. Hubschrauber flogen über die Insel hinweg und versorgten uns aus der Luft mit Care-Paketen. Nach und nach evakuierte das Militär die Hotelgäste mit Marinebooten von der Insel und brachte sie nach Phuket. Gleichzeitig wurde immer mehr über das Ausmaß der Katastrophe bekannt. Stündlich wuchs die Zahl der Toten um mehrere Tausend, Hunderttausende waren ohne Obdach. Das war alles so unfassbar, dass wir gedanklich gar nicht mehr mitkamen. Erst nach ein oder zwei Tagen der Verwirrung über das Geschehene setzte das Begreifen ein. Und mit ihm die Trauer. Aus Deutschland erreichten uns die ersten SMS: „Kommt ihr nach Hause?“

Habt ihr so kurz nach der Katastrophe tatsächlich über eine Rückkehr nach Deutschland nachgedacht?

Das ist schwer zu beantworten. Einerseits war unser Sicherheitsgefühl massiv beeinträchtigt und wir hatten Angst, in einer vielleicht drohenden nächsten Flutwelle sterben zu müssen. Doch eigentlich war unser zu Hause auf Koh Racha Yai. Auch wenn wir hier viel verloren hatten, waren das nur materielle Dinge. Gleichzeitig war uns ein neues Leben geschenkt worden. Wir beschlossen, vorerst auf der Insel zu bleiben. Doch nach wenigen Tagen, als alle Verletzten ausgeflogen, alle Touristen evakuiert worden waren, wurde es auf Koh Racha Yai so ruhig, dass uns die Decke auf den Kopf fiel. Wir hatten keine Aufgaben mehr und ob bzw. wann die Tauchschule wieder öffnen konnte, war ungewiss. Wir beratschlagten, was zu tun sei und kamen zu dem Entschluss, Koh Racha Yai zu verlassen und nach Phuket umzusiedeln. Dort wollten wir die Aufräumarbeiten unterstützen und uns Gedanken über unsere berufliche Zukunft machen. Wir nahmen Abschied von Koh Racha Yai und von unseren thailändischen Freunden und fuhren mit dem Speedboat nach Phuket. Dort herrschte ein unglaubliches Durcheinander. Doch wir wollten bleiben, das stand für uns fest. Einerseits, um zu helfen. Andererseits mussten wir für unseren Lebensunterhalt sorgen und Geld verdienen. Wir mieteten ein kleines Häuschen, weit weg vom Wasser, und überlegten, wie unsere Unterstützung vor Ort aussehen konnte. Mit Hilfe unseres Freundes Tom, der zwei Tage nach der Tsunami-Katastrophe nach Deutschland zurückgekehrt war, unseren Familien und Freunden riefen wir in Kooperation mit dem Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim eine Spendenaktion ins Leben. Da in Thailand direkt nach dem Tsunami zuerst die touristischen Zentren wieder aufgebaut wurden, beschlossen wir, dass der Erlös unserer Spendenaktion einem kleinen Fischerdorf namens Ban Nam Khem zugute kommen sollte. In Zusammenarbeit mit einem deutschstämmigen Einheimischen sorgten wir dafür, dass das gespendete Geld auch wirklich direkt an die Fischer verteilt wurde, die davon neue Netze, Bootszubehör und Handwerkszeug anschaffen konnten. Auch lag uns der Naturschutz am Herzen, so dass wir an mehreren Aktionen teilnahmen, bei denen professionelle Taucher beschädigte Korallenriffe reparierten und mittels sogenannter Reef Balls künstliche Riffe anlegten, an denen sich die Unterwasserwelt neu ansiedeln konnte. Marc nahm körperlich und emotional noch mehr auf sich und half beim Bergen von Toten, da dringend ausgebildete Taucher gesucht wurden.

Wie ging es Dir zu diesem Zeitpunkt?

Mir ging es in diesen Tagen und Wochen nach der Tsunami-Katastrophe nicht gut. Das Geschehene sowie der Gedanke, wieder von vorn beginnen und uns eine neue Existenz aufbauen zu müssen, belasteten mich. Marc war da anders. Für ihn war, trotz aller Negativ-Erfahrungen, klar: Wir bleiben in Thailand und leben unseren Traum weiter. Am Kata Beach auf Phuket fanden wir schließlich Räumlichkeiten, die für eine Tauchschule mit angeschlossenem Gästehaus geeignet waren. Wochenlang renovierten wir alles, bewerkstelligten mit unserem letzten Geld alle Anschaffungen und eröffneten pünktlich zur Hauptsaison. Die Tauchschule und auch das Gästehaus wurden gut angenommen, da der Tourismus nach dem Tsunami relativ rasch wieder in Schwung kam. Schon bald führten wir Tauchkurse durch und bildeten die ersten Tauchschüler aus. Marc war sehr zufrieden mit diesem geglückten Neustart. Doch in mir wollte sich kein Glücksgefühl einstellen. Das Tauchen hatte seinen Reiz für mich verloren und auch das Touristenbusiness machte mir keine Freude mehr. Ich suchte nach einem tieferen Sinn in meinem Tun und in meinem Leben. Und ich spürte immer öfter, wie stark das Erlebte der Katastrophe auf mir lastete. Mir fehlte das Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit. Mir fehlte der Austausch mit meinen Freunden und mit meiner Familie. Und wenn ich mir auszumalen versuchte, wie meine Zukunft in Thailand aussehen könnte, dann war da ein großes Nichts. Tag für Tag spürte ich es deutlicher: Meine Zeit in Thailand war vorbei. Fast genau ein Jahr nach der Tsunami-Katastrophe war es soweit und ich kehrte nach Deutschland zurück. Am Flughafen flossen Tränen, als Marc und ich uns verabschiedeten, denn die anstehende räumliche Trennung belastete uns beide. Wir waren gemeinsam aufgebrochen, um unseren privaten und beruflichen Traum zu leben. Nun war dieser Traum vorbei. Das war sehr bitter. Nach den ersten Stunden im Flugzeug wurde ich zuversichtlicher und begann, mich auf Deutschland zu freuen. Jeder Kilometer, mit dem ich mich von Thailand entfernte, brachte mich ein Stück mehr zu mir, zu meinem Selbst zurück.

Wie verlief Dein Start zurück in Deiner neuen, alten Heimat?

Das Wort Heimat erhielt nach der Tsunami-Erfahrung eine ganz neue Bedeutung für mich, wenngleich ich vorerst nichts hatte – keine Wohnung, keine Arbeit. Doch ich konnte relativ schnell an meine alte Tätigkeit als Trainerin und Beraterin anknüpfen und stieg wieder in die Selbstständigkeit ein. Das machte mir großen Spaß und bereits nach wenigen Wochen bezog ich eine eigene Wohnung. Ich liebte meine Arbeit als Coach und spürte deutlich meine innere Berufung, Menschen zu beraten und ihnen zu helfen. Mein Tun ergab endlich den Sinn, nach dem ich mich in meinem letzten Jahr in Thailand so gesehnt hatte. Ich absolvierte eine zusätzliche Ausbildung als Heilpraktikerin für Psychotherapie und die psychologische Beratung sowie die heilkundliche Psychotherapie sind heute wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. In Essen und auch im Kreis meiner Familie und meiner Freunde fühlte ich mich sicher und geborgen. Und ich war glücklich, als sich Marc ein halbes Jahr nach meinem Abschied aus Thailand entschied, nach Deutschland zurückzukehren und wir wieder ein richtiges Paar wurden. Mit allem Drum und Dran, denn wir haben dann geheiratet und unser erstes Kind bekommen. Ich fühlte mich wohl in meiner Mutterrolle. Zugleich verspürte ich häufig eine gewisse Müdigkeit und Leere. Und kaum merklich trat etwas in mein Leben, das ich bis dato gar nicht kannte: Angst. Die Ängste nahmen ihren Raum ganz versteckt und anfänglich kaum greifbar ein. Schließlich bauten sie sich immer mehr auf und wurden zu einer Belastung. Ich spürte plötzlich Beklemmungen in geschlossenen Räumen. Ich konnte nicht mehr ins Kino gehen. Ich betrat keinen Aufzug mehr. Fuhren wir in den Urlaub, vermied ich es tunlichst, am Meer zu wohnen. Meine frühere Leidenschaft, das Tauchen, hatte ich komplett auf Eis gelegt. Keine zehn Pferde hätten mich noch einmal unter Wasser gebracht. Im Rahmen meiner psychotherapeutischen Ausbildung hatte ich mich intensiv mit dem Thema der posttraumatischen Belastungsstörung beschäftigt, so dass ich relativ schnell erkannte, was mit mir los war.

Ist es Dir gelungen, Deine Ängste abzubauen und Deine Krise ein Stück weit anzunehmen?

Im Großen und Ganzen ja. Interessanterweise konnte ich meine Klienten stets gut beraten, wenn sie in einer Lebenskrise steckten. Jetzt musste ich selbst lernen, achtsamer zu leben, Kraft aus Krisen zu schöpfen, mein Selbstbewusstsein aufzubauen und meine Lebensfreude zu stärken. Auch für Marc definierten sich seine Werte und seine Einstellung zum Leben neu. Das hing sicher auch damit zusammen, dass wir Eltern geworden sind. Aber eben auch mit unserer Tsunami-Erfahrung. Ebenso wie ich, entwickelte Marc ein starkes Streben nach Sinnhaftigkeit und Erfüllung in seinem beruflichen Tun. Heute ist er ebenfalls selbstständig und arbeitet im Bereich Marketing und Werbung auf freiberuflicher Basis. Anders als ich ist Marc seiner großen Leidenschaft, dem Tauchen, treu geblieben. Nach wie vor bildet er Tauchschüler aus und taucht selbst gern. Doch auch für ihn ist der 26. Dezember wie ein zweiter Geburtstag, den wir jedes Jahr aufs Neue gemeinsam begehen. Im Laufe der nächsten Jahre erwischte uns dann allerdings nochmals eine berufliche Krise. Marc und ich hatten uns mit einer gemeinsamen Beratungsfirma, in der wir für mehrere Mitarbeiter verantwortlich waren, übernommen bzw. hatten die finanzielle Abhängigkeit von einem großen Kunden unterschätzt. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade mit unserem zweiten Kind schwanger. Ein wenig fühlte sich diese Situation an wie ein zweiter Tsunami. Alles, was wir aufgebaut und hart erarbeitet hatten, war aufgrund externer Umstände weg und nichtig. In dieser Zeit habe ich mich oft gefragt, was eigentlich schief läuft in meinem Leben. Rückblickend schließt sich hier für mich der Kreis, denn mir haben die Krisen geholfen, meinen Weg, mein Tun, mein Handeln zu überdenken. Nach jeder Krise musste ich mein Leben neu ausrichten, was nicht einfach gewesen ist. Ich musste mich fragen: Wie kann ich achtsam mit meinen Ressourcen umgehen? Wie und nach welchen Werten möchte ich leben? Wie schaffe ich es, meine persönliche Worklife-Balance zu finden? Denn nur, wenn ich aus Fehlern lerne, kann ich diese in Zukunft zu vermeiden versuchen. Krisen bieten also eine Chance auf einen Neuanfang und auf persönliche Weiterentwicklung, vorausgesetzt, man kann sie als Chance zur positiven Veränderung begreifen. Mir ist bewusst geworden, dass ich mein Leben hier und jetzt, in diesem Augenblick leben sollte. Ohne eine übertriebene Fokussierung auf die Vergangenheit oder in die Zukunft.

Fließen diese Erkenntnisse auch in die Arbeit mit Deinen Klienten ein?

Natürlich, denn ich möchte vermitteln, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und zu einem großen Teil selbst lenken können. Beispielsweise haben Marc und ich relativ schnell nach dem Tsunami das Rauchen aufgegeben. Denn wir wussten: Wir haben eine zweite Chance, ein zweites Leben geschenkt bekommen. Wir zerstören unsere Gesundheit nicht länger durch Zigaretten. Und das erzähle ich auch meinen Klienten: An die eigenen Stärken und Möglichkeiten glauben, positiv denken, die Vergangenheit bzw. die Krise akzeptieren und als Chance sehen. Loslassen, sich auf das Neue konzentrieren und dieses aktiv angehen. Dabei sind wir Lenker unserer Gedanken. Und wir sind verantwortlich, wie glücklich wir leben. 50 bis 60 Prozent sind genetische Veranlagung. Doch der Rest, der mich und mein Glücklichsein ausmacht, definiert sich darüber, wie ich denke, wie ich handle, wie ich mit meinem Körper und mit meinen Ressourcen umgehe. Den eigenen Weg zu finden, ihn zu gehen und sich dabei so gut es geht selbst glücklich zu machen, dabei möchte ich meine Klienten unterstützen.

Wir haben vorhin den Begriff Heimat gestreift? Mit welchen Inhalten füllst Du dieses Wort heute?

Heimat bedeutet für mich Geborgenheit und Sicherheit – ein Gefühl, das mir von meiner Familie und meinen Freunden vermittelt wird und das für mich, vor allem nach der Tsunami-Katastrophe, sehr wichtig ist. Auch ist mir meine Heimatstadt Essen wichtig. Seit vielen Jahren wohnen wir in Essen-Kettwig, aufgewachsen bin ich in Bredeney bzw. bei meiner Oma im Stadtkern von Essen, da meine Mutter alleinerziehend war. Ich mag die Mentalität der Menschen hier. Sie sind offen, direkt, geradeheraus und sehr lebensbejahend. Ich schätze diese Lebenstüchtigkeit bzw. die pragmatische Einstellung zum Leben, die im Ruhrgebiet vorherrscht. Für mich ist Heimat mehr als ein Zuhause, denn ein Zuhause kann sich ändern. Auch Thailand war mein Zuhause. Heimat jedoch ist etwas, das bleibt – im Herzen, in den Wurzeln.

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