Schneller, weiter, höher? Alles braucht seine Zeit.


Ein bestimmtes Buch, das ich hin und wieder zur Hand nehme, zeigt mir mit seinen Fragen und Themenstellungen häufig eine gute Richtung, um mein Urvertrauen in mein Handeln als Mutter und in die Entwicklung meines Kindes aufrecht zu erhalten: “Kinder brauchen Zeit – Erwachsene auch”. Im Untertitel stellt Herausgeber Andreas Neider die Frage “Wie können Kinder, Jugendliche und Erziehende den spirituellen Umgang mit der Zeit erlernen?”. Im Folgenden habe ich einige, für mich persönlich wichtige, Kernsätze bzw. Kernfragen des Buches in beliebiger Reihenfolge zusammengestellt. Einmal mehr verbunden mit der Erkenntnis: Alles braucht seine Zeit. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.

“In einer Zeit, in der man sagt: Ich habe keine Zeit, ist das Ich des Menschen in Gefahr. Wenn wir uns aber Zeit nehmen, uns und anderen Zeit lassen und Zeit geben, wofür wir Zeit brauchen; wenn wir Zeit haben, unser wahres Wesen zu zeitigen, dann dürfen wir begründete Hoffnung haben, das Zeitliche einmal wahrhaft segnen zu können.” (zitiert aus Wilhelm Hoerner: Zeit und Rhythmus, Stuttgart 1993, S. 21) (Greiner/S. 74)

“Wollen wir aus dem Druck der Angst heraus erziehen, oder wollen wir in Liebe erziehen? Welches Menschenbild und Menschenverständnis tragen wir in uns?” (Grünewald/S. 58)

“Dass die äußeren Bedingungen, welche die Bildung einer starken inneren Mitte erleichtern könnten, fehlen, zeigt, wie weit unsere “moderne” Lebensführung von dem entfernt ist, was der Mensch für sein inneres Gesunden bräuchte.” (Greiner/S. 73)

“Den Wunsch nach Aufmerksamkeit, die Sehnsucht, gesehen zu werden, besitzt jeder Mensch, aber in den Kindern ist dies ein Naturrecht, ein Naturrecht, das sich bezüglich der Zeit in zwei Fragen, zwei Bitten kleidet: “Nimm Dir Zeit für mich” und “Schenk mir Zeit”.” (Held/S. 16)

“Eine Schule, welche die Schüler in den Stress treibt, ohne ihnen gleichzeitig zu helfen, den inneren Ruheraum zu entwickeln, kämpft gegen das Ich der Schüler. Die Einseitigkeit dessen, was in der Schule betrieben wird, ruft die Einseitigkeit dessen hervor, was die Jugendlichen in der Freizeit zum Ausgleich suchen.” (Greiner/S. 76)

“Nicht zu viel Stress in der Schule, sonst erzeugt man Langeweile, und die treibt die Schüler in den Medienkonsum. … Je mehr die dionysischen Elemente in Naturerfahrung und Kunsterlebnissen Raum finden können, desto ausgleichender wirkt die Freizeit bezüglich des übrigen Stresses. (Greiner/S. 78)

“Wer seine eigene Stille ertragen kann, ist weniger gefährdet, vor sich davonzulaufen oder gar in zweifelhaften Ablenkungen sich zu verlieren.” (Greiner/S. 80)

“Kleine Kinder kennen kein Zeitgefühl wie Erwachsene. Sie leben in der Zeit, im Hier und Jetzt. Jede Situation trägt eine Spur Ewigkeit in sich, denn sie prägt das Weltverständnis des kleinen Kindes. (Scharfenberg, Wohlgemuth/S. 11)

“Eine ruhige Zufriedenheit, im Kontakt mit sich sein, Ankommen im Eigenen … Sich im Handeln hingeben, beim Schleife-Binden ganz Schleife sein.” (Scharfenberg, Wohlgemuth/S. 12)

“Wie halten wir es mit der Zeit? Sind wir ihr Opfer oder ihr Gestalter, ihre Gestalterin?” (Held/S. 15)

“Die Möglichkeit, uns selbst und anderen so einfühlsam zuhören zu können, tragen wir alle als Anlage in uns. Wenn wir diese Anlagen schulen und unsere Empathiefähigkeit, unser Mitgefühl übend ausbilden, kommen wir in den Bereichen intuitiven Erkennens, durch den ein Erleben des anderen in der eigenen Seele möglich wird.” (Grünewald/S. 60)

“Diese Herzensfähigkeit, sich in die Innenlage und Innenwelt eines anderen Menschen einfühlen zu können, tragen wir alle in uns.” (Gründewald/S. 58)

“Lieblosigkeit ist die große Diebin der Zeit, Liebe dagegen spendet Zeit. Sobald wir uns mit einem Gedanken oder einem Menschen verbinden, beginnt die Zeit sich zu dehnen. … Wo wir lieben, werden wir langsam.” (Held/S. 27)

“Und wofür Kinder früher einfach jede Menge Zeit hatten, da sollen sie heute möglichst Vieles in kürzester Zeit lernen oder können. Aber lässt sich die Zeit einfach beliebig komprimieren, lässt sich eine natürliche Entwicklung wirklich beschleunigen? Was tun wir Kindern an, wenn wir meinen, die Entwicklung müsse heute immer schneller gehen? Und was können wir tun, um zu einem menschengemäßen, das heißt auch spirituellen Umgang mit der Zeit und mit den Entwicklungsrhythmen, unseren eigenen und denen der Kinder, zu gelangen?” (Neider/S. 7)

“Unsere Aufgabe als Erziehende liegt ja gerade darin, im heranwachsenden Kind und Jugendlichen die freie Entfaltung seiner einzigartigen Individualität nach besten Kräften zu fördern. Jedes Kind denkt und lernt auf seine Weise.” (Grünewald/S. 57)

“Zukunft braucht Herkunft.” (Held/S. 22)

 

Kinder brauchen Zeit – Erwachsene auch
Wie können Kinder, Jugendliche und Erziehende
den spirituellen Umgang mit der Zeit erlernen?
Herausgeber: Andreas Neider und die pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen
Mit Beiträgen von Johannes Greiner, Ursula Grünewald, Wolfgang Held, Christoph Hueck, Dagmar Scharfenberg und Beate Wohlgemuth
edition waldorf
16,00 Euro
ISBN 978-3-944911-50-2

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