“Dieser Unfall war eine interessante Idee von Gott.”


Bernadette und ihr Mann sind glücklich verheiratet und Eltern einer Tochter. Doch wie sehr Glück manchmal von den Launen des Schicksals abhängt, haben die beiden vor gut vier Jahren erfahren müssen. “Dieser Unfall war eine interessante Idee von Gott.”, meint Bernadette zu Beginn unseres Gesprächs und lacht. Doch von vorn: 

Als Bernadette ihren Mann kennenlernt, ist sie Anfang 30. Die Chemie zwischen den beiden stimmt auf Anhieb, beide wollen heiraten und Kinder. Dass das Thema Nachwuchs aus biologischen Gründen schwierig werden könnte, darüber spricht Martin von Anfang an offen. Die beiden sind noch kein halbes Jahr zusammen, als sie heiraten und ihr Traumhaus kernsanieren und beziehen. In verschiedenen Kinderwunschkliniken lässt sich Bernadette künstlich befruchten – immer wieder ohne Ergebnis. Diese Zeit kostet das junge Paar nicht nur viel Kraft und Emotionen sondern bedeutet auch zahlreiche Termine, Blutuntersuchungen, mit teilweise starken Nebenwirkungen verbundene Hormonbehandlungen und schlussendlich viel Geld, das sie in ihren Traum einer Elternschaft investieren müssen. Dann, in einem letzten Versuch, werden Bernadette die letzten drei befruchteten Eizellen gleichzeitig eingesetzt. Sie wird schwanger. Für die ausgebildete Kinderkrankenschwester und studierte Sonderpädagogin ein kleines Wunder. Anfang 2014 wird ihre Tochter gesund und unkompliziert geboren. Das Glück der kleinen Familie ist perfekt. Aus finanziellen Gründen muss Bernadette früh in ihren Beruf zurückkehren, spätestens, wenn ihre Tochter sechs Monate alt ist.

Wenige Tage bevor Bernadette wieder in ihren Job einsteigt, feiert ihr Vater einen runden Geburtstag. Um bei den Vorbereitungen zu helfen und letzte Einkäufe für das große Fest zu erledigen, fährt die junge Mutter bereits morgens los, Mann und Tochter bleiben zu Hause. Auf einer Landstraße verliert Bernadette bei Tempo 100 aus ungeklärten Gründen, wahrscheinlich war ein Reh die Ursache, die Kontrolle über ihren Wagen und prallt frontal gegen einen Baum. Mehrere Fahrzeuge fahren vorbei, bis ein Ersthelfer, der eine Fahrradtour macht, anhält. Er ist Arzt und erkennt sofort, dass die Verletzungen der verunfallten Frau zu schwer sind, als dass er sie aus dem rauchenden Autowrack hätte bergen können. Bernadette ist noch bei Bewusstsein, kann jedoch nicht sprechen. Die Notärzte fixieren die Schwerverletzte auf einer speziellen Trage und bringen sie ins nächste Krankenhaus, von dem sie eine Stunde später in die Unfallklinik verlegt wird. Bernadette hat schwere Verletzungen erlitten. Unter anderem ist ihr Mittelgesicht zerstört, die rechte Augenhöhle, der Kiefer, die Stirnhöhle und die Nase sind gebrochen. Hinzu kommen eine Hirnblutung, ein Milzanriss, sechs gebrochene Rippen, schwere Quetschungen des Brustkorbs und der Lunge. Auch der fünfte Lendenwirbel ist gebrochen.

In der Zwischenzeit sind Bernadettes Eltern, die auf ihre Tochter warten, unruhig geworden. Die Mutter hat sofort ein komisches Bauchgefühl und ruft bei der Polizei an, ob sich irgendwo in der Nähe ein Autounfall ereignet habe. Doch sie erhält keine Auskunft, denn die darf nur dem Ehemann erteilt werden, heißt es. Martin fährt in der Zwischenzeit die Strecke ab, nimmt allerdings einen anderen Weg als den, den Bernadette gefahren ist. Ein zweiter, durch Martin getätigter Anruf bei der Polizei ergibt „Ja, es hat einen Unfall gegeben. Das Unfallopfer wird gerade vom hiesigen Krankenhaus in die nächste Unfallklinik verlegt.“

In der Klinik operiert ein spezielles Ärzteteam sofort und Bernadette wird ins künstliche Koma versetzt. Rückblickend glaubt sie, blasse Erinnerungen an diese Zeit zu haben. Manchmal ist es, als schwebe sie über dem Geschehen. Manchmal nimmt sie wahr, wie ihre Chorfreundin Annemarie am Bett sitzend für sie singt. Mehrmals versuchen die Ärzte, Bernadette aufwachen zu lassen. Doch ihre Atmung ist nicht stabil und es dauert mehrere Wochen, bis Bernadette zurück ins aktive Leben geholt werden kann. Das Erste, an das sie sich erinnert, ist das Gesicht ihrer Tochter Louisa. Bernadette absolviert eine Früh-Reha, ist dann nochmals für mehrere Wochen in weiteren Reha-Maßnahmen in therapeutischer Behandlung. Sprechen, laufen, selbstständiges essen – all das muss sie wieder lernen. Zusätzlich treten starke Gedächtnis- und Orientierungsprobleme auf. Während dieser Zeit sitzt die 34-Jährige häufig in der kleinen Kapelle der Reha-Einrichtung. Trotz der Schmerzen ist sie dankbar, den Unfall überlebt und keine schweren bleibenden Schäden davon getragen zu haben. Auch dass keine anderen Menschen verletzt wurden, stimmt die gläubige Christin froh. Nur langsam schreitet ihre Genesung voran, doch Bernadette hat einen eisernen Willen: Sie möchte so schnell wie möglich gesund werden – für ihre Tochter. Denn die größte Sorge der jungen Mutter ist, dass sie Louisas wichtigste Entwicklungsschritte verpassen könnte. Das erste Aufsetzen, Robben, Krabbeln, die ersten Sprechversuche. Martin ist inzwischen in Elternzeit und kümmert sich gemeinsam mit Eltern und Schwiegereltern um Louisa. Doch als sollte es so sein, legt diese einen regelrechten Entwicklungsstopp ein. Ganz so, als würde sie auf ihre Mutter warten.

Im Herbst wird Bernadette aus der Reha entlassen. Narben im Gesicht, am Kopf und am Rücken sowie der Gedächtnisverlust, den sie in den folgenden Monaten langsam aber stetig in den Griff bekommt, begleiten sie. Als die junge Mutter eine knappe Woche zu Hause ist, beginnt Louisa plötzlich durch das Wohnzimmer zu robben. Kurze Zeit später brabbelt sie wie ein Wasserfall und fängt an zu krabbeln. Bernadette kann ihr Glück kaum fassen. Es scheint tatsächlich so, als hätte Louisa mit ihrer Entwicklung in den vergangenen Monaten auf die Rückkehr ihrer Mutter gewartet. Ein Jahr nach ihrem Unfall steigt Bernadette wieder in ihren Beruf ein. Sie arbeitet als Sonderpädagogin mit den Förderschwerpunkten Sehen und körperliche und motorische Entwicklung in der Frühförderung mit 0- bis 6-jährigen Kindern. Nun kann sie sich von ganzem Herzen auf ihre Arbeit einlassen, hat sie für sich persönlich doch das Gefühl, dass nun wirklich der richtige Zeitpunkt gekommen ist, ihre Tochter zur Tagesmutter zu geben und sich ihrem Beruf widmen zu können. Auf ihren Unfall angesprochen erzählt Bernadette: „Irgendwie war es schon eine interessante Idee von Gott, mir diesen Unfall zu bescheren. Ich hätte aus finanziellen Gründen eigentlich nach 6 Monaten Babypause wieder arbeiten müssen. Der Verstand sagte zu dieser Entscheidung ja, mein Herz sagte eigentlich nein. Immer wieder kam damals die Sorge in mir hoch, als berufstätige Mutter zu wenig Zeit mit meiner Tochter verbringen zu können und ihre schönsten Entwicklungsschritte zu verpassen. Denn ich wollte die Erste sein, die mein Kind laufen sieht, den ersten Worten lauscht. Und ich habe damals so oft gedacht „Wenn Du jetzt wieder arbeiten gehst, dann wirst Du all das verpassen.“ Ich habe mir damals innerlich ganz intensiv gewünscht, Louisa noch länger als Vollzeit-Mutter begleiten zu können. Dass Gott meinem Wunsch dann in Form dieses Unfalls nachgekommen ist, das ist schon verrückt. Doch damit hadere ich nicht. Ich bin dankbar. Dankbar dafür, dass ich lebe und dass ich aufgrund des Unfalls gezwungen war, kürzer zu treten und langsamer zu machen. „Mein Baum“, wie ich ihn nenne, hat mir nochmals vor Augen geführt, was im Leben wirklich wichtig ist. Er trägt immer noch die sichtbaren Spuren meines Unfalls und wenn ich an ihm vorbei fahre, grüße ich freundlich rüber und spreche ein stilles Dankesgebet.“

© Titelbild: Foto-RaBe/pixabay

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