Fledermausführung in Tübingen


Über 20 Fledermausarten gibt es in Deutschland und einige von ihnen können in Tübingen im Rahmen einer unterhaltsamen Führung für Erwachsene und Kinder ab sechs Jahren bestaunt werden. Seit über 25 Jahren führt die Geografin, Umweltpädagogin und Lehrerin Ilona Bausenwein von Mitte Juni bis Anfang September Fledermausführungen auf dem Tübinger Hauptfriedhof durch und ist selbst seit mehr als 30 Jahren erfahrende „Fledermausmutti“. Über 1.000 Fledermäuse hat sie nach Unfällen und Verletzungen, die den Tieren leider häufig von Menschenhand zugefügt werden, gesund gepflegt und wieder in die Freiheit entlassen, sofern die Tiere kein dauerhaftes Handicap haben.

Gemütlich sitzen wir auf mitgebrachten Isomatten und Kissen und lauschen den unterhaltsamen Erzählungen von Frau Bausenwein, die ihre Zuhörer mit viel Wissen rund um die Fledermaus, aber auch mit Anekdoten aus ihrem Alltag als Fledermausmama versorgt. So sind wir beispielsweise überrascht zu erfahren, dass Fledermäuse keine nachtaktiven Blutsauger sind. Beides falsch, wie wir nun lernen, denn Fledermäuse sind durchaus auch am Tag aktiv. Dann hüten sie den Nachwuchs und pflegen bis zu sechs Stunden täglich ihr Fell, während sie in der Nacht auf die Jagd gehen. Von über 1.000 Fledermausarten weltweit sind nur drei Blutsauger. 25 verschiedene Arten von Fledermäusen gibt es in Deutschland. Wir dürfen interessante Exemplare, wie den Abendsegler oder das große Mausohr, live bewundern und erfahren alles über den Lebensraum und die Lebensweise, das Verhalten und die Anatomie von Fledermäusen. Und wir stellen fest: In den kleinen, zarten Tierchen vereinen sich viele Superlative. So besitzt eine Fledermaus beispielsweise dreizehn Herzen – ein „richtiges“ Herz, welches das größte und muskelreichste Herz im Reich der Säugetiere ist, sowie zwölf weitere kleine Herzen, die zusätzlich dafür sorgen, dass das Blut im Körper verteilt wird. Ferner sind Fledermäuse bei der Geburt die schwersten Säugetiere überhaupt, beträgt ihr Geburtsgewicht doch die Hälfte des Gewichts des Muttertieres (circa vier Gramm wiegt die Mama, zwei Gramm der Nachwuchs). Und auch die Zahl der täglich verspeisten Mücken sowie die Fluggeschwindigkeit beeindrucken: 3.000 bis 6.000 Mücken sind es durchschnittlich, die eine Fledermaus innerhalb von 24 Stunden vertilgt. Manche Fledermausarten schaffen eine Fluggeschwindigkeit von 100 km/h.

Besonders spannend ist, dass wir verschiedene Fledermäuse aus nächster Nähe ansehen und streicheln dürfen. Dabei hält uns Frau Bausenwein einige Tiere ans Ohr und wir staunen, was für ein lautes Gebrumm aus diesem kleinen Körper dringt – fast als sitze man neben einer Katze, die behaglich schnurrt. Denn auch Fledermäuse lieben Körperkontakt, menschliche Stimmen und Streicheleinheiten. Sogar auf Frau Bausenweins Kommandos hören sie und entfalten auf Ansage ihre Flügel oder drehen sich um. Die Fledermäuse, die Frau Bausenwein vorführt, sind übrigens alle gehandicapt, also meist flugunfähig, und hätten in freier Wildbahn somit kaum eine Überlebenschance.

Bei unserer Fledermausführung dürfen wir auch das Auswildern, also das Entlassen aufgepäppelter Tiere in die Natur, live erleben. Ilona Bausenwein hat in mehreren kleinen, mit Handtüchern ausgekleideten Kartons (Fledermäuse lieben Enge) einige Schützlinge dabei, die sie in der Dämmerung in die Freiheit entlässt. Insgesamt steigen an diesem Abend fast 50 Tiere nacheinander in die Höhe, kreisen noch ein Weilchen über unseren Köpfen und segeln dann in den dunkelblauen Abendhimmel. Ein tolles Schauspiel, das vor allem den Kindern, die die Kartons mit den Fledermäusen stolz tragen durften, großen Spaß macht. Besonders spannend ist nochmals ein kurzer Vortrag, wie sich Fledermäuse orientieren und im Dunklen mittels Biosonar, also Echoortung, „sehen“ können. Die Tiere scannen ihre Umgebung und speichern eine Art Landkarte so gut in ihrem Gedächtnis, dass sie während des Flugs sogar den Kopf in ihre Beuteltasche stecken können, um die dort gelagerten, erbeuteten Mücken zu verspeisen, ohne gegen Hindernisse zu fliegen. Wird ein Baum gefällt, den die Fledermäuse als Hindernis auf ihrer inneren Landkarte verzeichnet haben, umfliegen sie diesen noch monatelang akkurat, bis sie bemerken, dass er nicht mehr da ist. Das Auswildern von Fledermäusen im Beisein der Zuschauer am Ende einer Führung findet allerdings nur am internationalen Tag der Fledermaus statt, der traditionell am letzten Augustwochenende begangen wird.

In Tübingen dauert eine Fledermausführung eineinhalb bis zwei Stunden und kostet fünf Euro für Erwachsene und für Kinder unter 18 Jahren zwei Euro. Parken kann man direkt am Friedhof, die Führungen finden gleich am Haupteingang statt. Für uns ein spannendes Erlebnis, da man selten die Gelegenheit hat, etwas über Fledermäuse zu erfahren und sie aus der Nähe zu betrachten und zu streicheln. Zudem ist die Führung kindgerecht aufbereitet, so dass auch jüngere Kinder ab sechs Jahren teilnehmen können. Auf der Seite des Freundeskreises der Schloßfledermäuse Tübingen gibt es mehr Infos über den Verein und die Führungen/Termine.

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