Plädoyer für den Wald


Spielplätze sind irgendwie verlässlich, vor allen Dingen für uns Eltern. Quatschen mit anderen Mamas, eine bequeme Bank im Sonnenschein, ein Buch in der Hand, Handynetz inklusive und kaum Mücken oder Zecken. Eigentlich nur Vorteile, die so ein Spielplatz bietet.

Ab in die Natur

Doch egal wie schön die Zeit auf dem Spielplatz sein mag: Gegen ein Waldabenteuer kommen Rutsche und Co. nicht an. Denn auch im Wald lässt es sich rutschen. Auf dem Hosenboden. Einen 10 Meter langen, steilen Sandhügel hinunter. Oder einen Baumstamm hinab, der, tief ins Tal gestürzt, einen artistentauglichen Weg nach unten bietet. Oft stockt uns Eltern der Atem, wenn wir unseren Kindern im Wald bei ihren Klettertouren zusehen. Auf dem Spielplatz wäre es jetzt wohl sicherer. Aber die leuchtenden Augen und roten Wangen verraten vor allem eins: Hier gehören Kinder hin. In die Natur. In den Wald.

„Das war ein tolles Abenteuer.“

Diesen Satz tätigte unsere Tochter, als ich sie beim Einschlafen nach ihrem schönsten Erlebnis des Tages fragte. Zuvor waren wir fast drei Stunden in unserem Bachtal steile Hügel hinauf- und hinuntergeklettert und -gerutscht, waren durchs Wasser gewatet, hatten Frösche gefangen, einen Staudamm gebaut, Blumen gepflückt und mittels Pflanzenführer bestimmt, Bucheckern, Tannenzapfen, Schneckenhäuser und schöne Blätter gesammelt und, etwas beengt, in einem aus Ästen errichteten Tipi gepicknickt. Viel Aktion und gleichzeitig viel Ruhe.

Denn im Gegensatz dazu ist auf dem Spielplatz Dauer-Beschallung geboten. Wer darf als nächstes auf die Schaukel? Papa, spielen wir Fußball? Mama, willst Du noch einen Sandkuchen? Dazu versuchen Eltern, ihre Kinder auf Geräte zu hieven, die diese allein niemals freiwillig erklommen hätten. Und am Ende hat sich die Anzahl unserer Sandsachen auf wunderbare Weise halbiert.

Wie anders geht es im Wald zu. Na gut, geschrien wird hier auch. Gestolpert und hingefallen ebenso. Doch die Kinder sind anders fokussiert, entwickeln eine andere Spielfreude, eine neue Kreativität. Aus kleinen Dingen werden große Spielideen entwickelt. Mal sind alle gemeinsam dabei, mal ist jeder für sich. Ohne Anleitung oder Vorgaben. Erstaunlicherweise kommt es im Wald kaum zu Streitereien. Es gibt genügend Stöcke, Bäume und Platz für alle. Die Kinder helfen sich gegenseitig über Bäche und Stämme und entwickeln durch klettern und balancieren ganz nebenbei ein gutes Körpergefühl und Kräftebewusstsein.

Im Wald lässt sich so viel erkunden, ertasten, fühlen, hören und riechen. Kinder erleben den Wald mit allen Sinnen. Und sie versinken im selbstbestimmten Spiel mit dem Wenigen, das eigentlich so viel ist. Jeder findet etwas zum bauen, beschäftigen, beobachten. Der Wald ist immer anders. Kein Blatt, kein Ast ist gleich. Jeder Stein, jeder Zapfen ist einzigartig. Der Wald ist so vielseitig, dass es in ihm eigentlich niemals langweilig werden kann. Im Gegensatz zum Spielplatz passt zum Wald auch jedes Wetter. Regen, Schnee oder Hochsommer.

Raus aus der Komfortzone

Wenn wir möchten, dass unsere Kinder naturverbunden aufwachsen, müssen wir ihnen dies vorleben. Sätze wie „Geh doch nach draußen zum spielen!“ sind häufig nicht von Erfolg gekrönt. Können sie auch gar nicht sein, denn Kinder lernen am Vorbild. Also raus aus der Komfortzone und ab in den Wald. Auch wenn sich manche Tage für uns Eltern so gar nicht nach Bewegung anfühlen. Aber wenn wir abends dreckig, verschwitzt und glücklich heimkehren, wissen wir, dass sich das Aufraffen gelohnt hat. Und dass es doch mehr Freude macht, sich draußen auszupowern, als auf dem Crosstrainer Kalorien abzustrampeln. Unsere Kinder müssen wir sowieso nicht fragen, denn: Wald geht immer!

An dieser Stelle möchte ich Euch zwei wunderbare Bücher zum Thema Natur und Spielentwicklung bei Kindern empfehlen:

„Wie Kinder heute wachsen – Natur als Entwicklungsraum“
Herbert Renz-Polster & Gerald Hüther, Beltz Verlag, 17.95 Euro, ISBN 978-3407859532

„Spielen macht Kinder stark“
Christiane Kutik, Verlag Freies Geistesleben, 19.90 Euro, ISBN 978-3772524738

 

 

 

 

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