Peru meets Schwarzwald: Die Alpaka-Zucht von Familie Prunu


Zufällig stieß ich im vergangenen Jahr auf modische Accessoires aus dem südlichen Schwarzwald: Herrliche Stulpen und wärmende Kragen aus Alpaka-Wolle. Ich war sofort begeistert von diesen wunderbar molligen und gleichzeitig temperaturausgleichenden, handgemachten Lieblingsstücken. Heute erzählen die Alpaka-Züchter Alexandra und Simon Prunu von ihrem Familien- und Arbeitsleben im schönen Schwarzwald und natürlich von ihren besonderen Vierbeinern, die eigentlich in Peru beheimatet sind.

Liebe Alex, lieber Simon,

wann und wo hattet Ihr das erste Mal Berührung mit Alpakas und was hat Euch dazu bewogen, eine Alpaka-Zucht in Deutschland aufzubauen?

Unsere erste Begegnung mit Alpakas war sehr urig, in einem kleinen Dorf im peruanischen Altiplano, im September 2009. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Die Frauen saßen in Gruppen auf dem Boden, um gemeinsam zu arbeiten, Kinder rannten zwischen den Frauen hin und her und spielten mit Fahrradteilen. Und mittendrin stand ein Alpakajungtier und kaute auf vertrocknetem Gras. Völlig entspannt. Die Frauen haben uns erklärt, das Tier wäre krank gewesen und sie hätten es deshalb vorübergehend aus seiner Herde genommen.

Insgesamt waren wir vier Wochen im peruanischen Altiplano unterwegs und haben in dieser Zeit einige Alpakaherden gesehen. Wir haben unsere mitgebrachte Outdoor-Kleidung ziemlich schnell durch Alpakapullover und Mützen ersetzt, um besser an die extremen Temperaturschwankungen in der Region angepasst zu sein (25°C bis 30°C Unterschied in 24 Stunden). Dabei ist uns aufgefallen, dass diese Klamotten gar nicht anfangen zu riechen. Selbst wenn man sie Tag und Nacht und bei körperlicher Arbeit trägt. Besonders Simon war von der Genügsamkeit der Alpakas begeistert. Ihre Fähigkeit, auf den mageren Böden genug Nahrung zu finden. Wie sie die hochgelegenen, teils steilen Flächen beweiden. Ihre Anpassungsfähigkeit an Wind und Wetter. All das hat ihn an die steinigen, kräuterreichen und steilen Bergweiden im Südschwarzwald rund um den Hof seines Großvaters denken lassen, auf dem er aufgewachsen ist.

Nicht einmal ein Jahr später haben wir in einem Gemeinschaftsprojekt mit zwei befreundeten Paaren unsere ersten Alpakas gekauft. Da haben wir noch im Großraum Stuttgart gewohnt, steckten mitten in der Master-Abschlussarbeit, ich war hochschwanger. Die Vision war, mit einer eigenen Alpakaherde eine Form von Landwirtschaft auszuprobieren, die als ganzes Lebensmodell funktioniert. Die mit regionalen Ressourcen arbeitet. Ohne Subventionen klar kommt. Die ein einzigartiges Produkt erzeugt: natürlichen Luxus – stylisch und nachhaltig.

Auf welches Know How konntet Ihr bei Eurer Gründung zurückgreifen?

Das waren verschiedene Dinge und bei manchen haben wir erst später gemerkt, wie hilfreich sie sind. Wir verfügten durch Simons Familie über landwirtschaftliches Hintergrundwissen, dazu kamen unsere Erfahrungen aus Peru und über das Studium auch Kenntnisse zu StartUp-Gründung, Produktdesign, Genetik. Wir haben uns gut vernetzt und versuchen uns ständig weiterzubilden. Im Austausch mit anderen Züchtern zu sein. Auch international. Alpakas sind noch lange nicht „zu Ende gelernt“.

Aus der Wolle Eurer Alpakas werden Garne, Kleidung, Accessoires, Schuheinlegesohlen, Bettwaren und sogar Seifen hergestellt. Was unterscheidet die Alpaka-Wolle von anderer Wolle? Übernehmt Ihr die Weiterverarbeitung komplett selbst?

Alpakafaser hat ein paar tolle Eigenschaften, die sie in der Kombination einzigartig machen. Sie ist sehr fein und seidig und hat einen natürlichen Glanz, ähnlich wie Kaschmir und Merino. Eine gute Alpakafaser hat aber weniger Aufschuppungen entlang des Haares als Kaschmir oder Merino. Und es gibt sie in sehr vielen unterschiedlichen Naturfarben, von Schneeweiß bis Blauschwarz. Sie hat temperaturausgleichende Eigenschaften, nimmt kaum Gerüche an und ist auch sehr gut für Allergiker verträglich. Entscheidend für die Seifenherstellung ist zum Beispiel der besonders hohe Keratingehalt der Faser. Das gibt eine tolle Pflegewirkung, da Keratin ein Grundbaustoff unserer Haut und Haare ist. Wir verwenden inzwischen gar keine Shampoos oder Spülungen mehr, Alpakaseife tut es völlig.

Die Filzmanufaktur und die Entwürfe für Kleider und Accessoires sind zu 100 % Alexandras Baby. Für die Bettenverarbeitung und die Seifenherstellung haben wir kleine Handwerksbetriebe ausgesucht, die genau wie wir nachhaltig und regional arbeiten. Es ist uns wichtig, dass wir gute Löhne für die Arbeit bezahlen. Am Ende soll ein erstklassiges Produkt stehen, das alle glücklich gemacht hat: Die, die es erwerben. Die, die daran mitgearbeitet haben. Und die Alpakas.

Welchen Stellenwert haben eine achtsame Tierhaltung, Nachhaltigkeitsbewusstsein, Schonung von Ressourcen und Fair Trade für Euch?

Das gehört einfach dazu. Wie die Luft zum Atmen. Es ist Respekt. Vor der Erde auf der Du stehst, vor den Menschen, die mit Dir dort stehen, und den Tieren, die genauso das Recht haben, dort zu leben. Es ist unsere Überzeugung, dass alles nur zusammen funktioniert. Während unseres Studiums hatten wir teilweise wirklich sehr wenig Geld. Das war eine gute Zeit für uns, weil wir gemerkt haben, dass Nachhaltigkeit und Fair Trade kein Hobby für Besserverdiener ist. Es geht auch mit wenig Geld, wenn man kreativ ist und sich ein bisschen umschaut.

Die Entscheidung für Alpakas hatte bei uns wenig mit Faszination für exotische Tiere zu tun. Es war eher eine ganz bodenständige Überlegung: ob in die steilen, mageren, höher gelegenen Ecken unserer Heimat des Südschwarzwalds vielleicht Alpakas aus den Anden besser passen, als Charolais oder Limousin aus Frankreich. Selbst das leichtere Hinterwälder-Rind ist für die dünne Erdschicht über den felsigen Hängen stellenweise zu schwer. Die mageren Kräuterwiesen ernähren ein leichtfuttriges Alpaka, das ’nur‘ Faser produziert, besser als eine Mastkuh. Die Schwielensohlen der Alpakas schonen die Grasnarbe.

Wir (und auch einige Edelfaserimporteure) sehen in Alpakas eine gute Alternative zu Kaschmir. Kaschmirziegen sind sehr empfindlich, ihr Faserwachstum pro Jahr und ihr Bestand gehen durch den Klimawandel leider sehr zurück. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach (billigem) Kaschmir. Das kann nicht funktionieren. Es schadet den Kaschmirbauern, den Tieren, schwemmt mit Kunstfasern gestrecktes Kaschmir auf den Markt und betrügt den Verbraucher.

Ihr habt eine Arbeit, die wahrscheinlich weniger aus Routine, aber dafür aus sehr viel Leben besteht. Wie sehen Eure beruflichen Pläne für die Zukunft aus?

Ja, das trifft es ganz gut. Auch wenn wir uns das im Detail nicht alles vorher so überlegt hatten: es gefällt uns. Wir möchten gerne weitermachen. Zuchttechnisch immer besser werden. Die Faserverarbeitung weiter entwickeln. Aber nicht unbedingt wachsen. Wir haben uns für unseren Betrieb ein tolerantes Limit von 30-40 Alpakas gesetzt. Um jedem Tier gerecht werden zu können.

Ein Projekt, das wir gerade aufbauen, ist eine blauschwarze Zuchtlinie mit möglichst hoher Qualität für die Faserverarbeitung. Natürliche, blauschwarze Alpakafaser in Babyalpakaqualität ist unglaublich toll. Und Einzigartig. Zwar kann die Farbe Blauschwarz mit giftigen Prozessen gefärbt werden, der Glanz wird dabei aber nicht erreicht.

Ein anderer Bereich, der wächst und sich entwickelt, ist eher eine Dienstleistung. Wir bekommen inzwischen viele Anfragen für Alpaka-Kaufberatungen, Herdenaufbau, Zuchtkonzepte. Dadurch, dass Alexandra auch immer wieder Fachvorträge oder Fachartikel zu Alpakas, Faser und Genetik übersetzt, ist unser Wissen steht´s auf dem neuesten Stand. Dieses Wissen geben wir gerne weiter.

Was bedeutet es für Euch und Euer Familienleben, so eng mit der Natur und den Tieren verbunden zu leben und zu arbeiten?

Unser ‚Alltag‘ und unsere Jahresplanung hängt sehr an den Jahreszeiten. Man fängt automatisch an, Wetter, Natur und Umwelt intensiv wahrzunehmen. Unseren Urlaub oder ein Wochenende bei Freunden planen wir so, dass es beispielsweise nicht in die Zeit der Cria-Geburten, also der Geburten der Jungtiere, fällt. Auch während der Scherzeit kommen wir kaum vom Hof. Unsere Alpakas scheren wir übrigens selbst, ganz ohne Stress, einmal im Jahr. Uns entspannt das Bewusstsein, dass man viele Dinge zwar gut planen kann, sie aber schlussendlich nicht in der Hand hat. Wachsendes Gras, gesunde Tiere, eine Verpaarung, die ein besonders schönes Jungtier entstehen lässt – das alles ist ein Fünkchen Gunst und Gnade. Und dann gibt es die Kehrseite. Beispielsweise einen Sturm, der eine Hütte zerlegt und ungeplant Arbeit produziert. Das relativiert so schön den Leistungsdruck.

Welche Prioritäten setzt Ihr in der Erziehung?

Unsere Kinder erleben hier sehr viel Freiheit. Deshalb versuchen wir, Ihnen beizubringen, mit ihrer Freiheit umzugehen. Respekt vor Menschen, Tieren und Umwelt zu haben. Zu begreifen, dass jedes Handeln Konsequenzen hat. Regeln zu achten. Diese nach ihrem Sinn zu hinterfragen, eigene Antworten zu finden. Und sich im Zweifelsfall auch mal sinnfreien Regeln an anderen Orten zu beugen, wenn es erforderlich ist.

Wie schafft Ihr es zeitlich und organisatorisch Euer noch junges Business voranzutreiben und gleichzeitig Euer Familienleben zu stemmen?

Das ist alles sehr miteinander verwachsen. Oft klappt es am besten, wenn man sich vorher keinen genauen Plan macht. Wir integrieren die Kinder oft: Bei der Weidepflege oder in der Holzwerkstatt. Nehmen sie mit zum Scheren auf einen anderen Hof, wenn wir mit den Hengsten zum Decken fahren oder zu einer Zuchtschau gehen. Dann übernachten wir draussen oder im Bus und machen ein Abenteuer draus.

Ich arbeite viel am Vormittag, solange die Kindern in der Schule und im Kindergarten sind. Ein, zwei Stunden am Nachmittag, aber da richten wir uns sehr nach den Kindern. Abends, wenn die Kinder im Bett sind, tauschen wir uns über neue Entwürfe aus, machen Planungen und Kopfarbeit, oder ich stehe noch ein paar Stunden am Filztisch.

Freizeit ergibt sich bei uns eher spontan und wir gestalten sie dann auch spontan. Gehen ein paar Stunden an einen See , Mountainbiken oder machen ein Picknick.

Ihr habt den Hof von Simons Eltern übernommen. Wie wichtig sind für Euch familiäre Werte und das Fortführen von Familientraditionen?

Eigentlich sind wir nicht so die Traditionalisten. Aber unsere Familie ist uns sehr wichtig. Und es ist wichtig, einen Ort zu haben, an dem sich alle treffen können. Wir haben eine ziemlich große Familie, auf dem Hof ist besonders in den Ferienzeiten immer was los. Die Familientradition und die frühere Land- und Forstwirtschaft haben wir mit unserer Alpakazucht ja eher auf den Kopf gestellt. Was uns und die Generationen davor verbindet, ist weniger die Traditionstreue, als vielmehr derselbe innere Wunsch und die Liebe zu diesem ein bisschen schwierigen, wunderschönen und besonderen Ort. Zu nutzen, was er zu bieten hat, ihn zu pflegen und zu erhalten.

Welche Eurer Werte bzw. Eigenschaften und Lebenseinstellungen würdet Ihr gern an Eure Kinder weitergeben?

Puh, das ist eine schwierige Frage. Vielleicht: Gib alles, aber Dein Wert ist nicht vom Erfolg abhängig. Oder: Liebe und Nachsicht verhindern Kleinkrieg. Vielleicht auch: Es lohnt sich nicht über gestern zu jammern und sich um morgen zu sorgen.

Seit einigen Jahren ist in Deutschland wieder ein Trend zum Handgemachten und zu achtsamen Produkten jenseits von Massenproduktion und Mainstream erkennbar. Welche Tipps könnt Ihr Menschen geben, deren Traum ein beruflicher Neustart, evtl. auch als Existenzgründer in einem Nischenbereich, ist?

Je kleiner die Nische und je unbekannter Dein Konzept, desto besser musst Du es kommunizieren können! Je höher der Idealismus, desto niedriger (zumindest am Anfang) die Gewinnspanne. Das ist jedenfalls unsere Erfahrung. Dafür macht es unglaublich zufrieden und glücklich. Am besten man fragt sich vorher, ob man bereit ist, für die Anfangszeit mit weniger Geld auszukommen. Sehr hilfreich ist auch, wenn man in seiner Nische schon mal vorab Kontakte geknüpft hat. Und vielleicht nicht gleich mit dem finanziellen Druck eines Vollerwerbs startet.

Machen, mutig sein und Netzwerke nutzen, die zum Gründungskonzept und zu einem selbst passen. Das Konzept muss authentisch sein, um andere anzusprechen.

Was sind Eure Wünsche und Träume für die nächsten Jahre oder darüber hinaus?

Wir planen gerade ein größeres Arbeitsatelier, in dem man auch mal Alpakafaser(Verarbeitungs)-Workshops anbieten könnte. Ansonsten: Dass sich alles so weiterentwickeln kann, wie bisher. Starke, fröhliche Kinder. Nette Freunde, glückliche Kunden, spontane Besuche, tolle Alpakas. Oh, und gelegentlich mal eine Hofvertretung, die uns entspannt für ein paar Wochen in die Welt ziehen lässt!

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Liebe Alex, lieber Simon, vielen Dank für dieses tolle Interview!

Mehr Infos über die Alpakazucht von Familie Prunu gibt es hier: www.elpaka.de

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