Wenn das Stillen schwierig ist


Unsere Gastautorin Lydia berichtet heute von ihren Still-Erfahrungen und erzählt, wie wichtig eine liebevolle fachliche Begleitung nach der Geburt sein kann und wie schön es ist, wenn eine funktionierende Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind aufgebaut wird.

Zu Beginn meines Mutterseins gab es viele Momente mit meinem ersten Kind, in denen ich mich fragte: „Bin ich unfähig, meinem Baby das zu geben, was es braucht? Bin ich wirklich eine gute Mutter?“ Denn das Stillen wollte und wollte bei uns nicht klappen.

Bereits nach der Entbindung hatte ich wenig Milch und unsere Marie war an der Brust stets unruhig. Nie trank sie entspannt, sondern wand sich häufig hin und her und schlief nach dem Stillen nicht satt und zufrieden ein, sondern weinte und war unleidig. Schon am ersten Tag nach der Geburt setzte also meine Gedankenkarussel rund ums Thema Stillen ein. Ständig war ich besorgt, dass Marie nicht genug getrunken haben könnte. Immer wieder legte ich sie an, Marie trank meist nur kurz und weinte sich dann häufig in den Schlaf. Nachdem Marie nach einigen Tagen auch abgenommen hatte (immerhin 8 Prozent ihres Geburtsgewichts), ansonsten aber gesund war, wurde für mich das eigentlich wunderbare, bindungsstärkende Stillen, das ich mir so harmonisch und liebevoll ausgemalt hatte, zu einer regelrechten Belastung. Ich probierte Stillhütchen aus, ich versuchte unterschiedliche Stillpositionen – nichts funktionierte. Die Krankenschwestern zeigten mir zwar einige Massagetechniken, um den Milchfluss anzuregen und die Brust geschmeidiger zu machen, brachten sich aber ansonsten nicht sonderlich ein.

Nachdem wir aus dem Krankenhaus entlassen worden waren, hatte mein Mann die Idee, es mit Milchpulver und Fläschchen geben zu versuchen – was auch tatsächlich klappte. Marie trank 110 ml in einem Zug und mein Mann präsentierte stolz das leere Fläschchen. Auch ich spürte eine innerliche Leere. Wie konnte es sein, dass unsere Tochter die Muttermilch verschmähte und künstliche Milch ohne Weiteres trank? Lehnte mein Baby mich vielleicht sogar ab? Ich fiel in ein richtiges Loch und fühlte mich in meiner Rolle als Mutter unperfekt und unfähig, da ich eins der wichtigsten Grundbedürfnisse meines Babys nicht bedienen konnte.

Nachdem Marie dann nach einigen Tagen nur noch das Fläschchen akzeptierte, fühlte ich mich manchmal außen vor. Mein Mann gab unserer Tochter nun häufig das Fläschchen und ich saß wie ein Zaungast daneben. Nach einiger Zeit beschloss ich, mich meiner Hebamme anzuvertrauen. Allein ihre beruhigenden Worte waren Balsam für meine Seele. Und auch ihr Unmut, dass man sich im Krankenhaus so wenig um eine funktionierende Stillbeziehung für Mutter und Kind bemüht hatte, tröstete mich. Es war schließlich mein erstes Kind. Woher hätte ich manches besser wissen sollen? Beispielsweise reflektierte die Hebamme, dass ich nicht nur mich, sondern auch Marie mit meiner ständigen Aufforderung zum Trinken richtig gestresst hatte. Denn kaum war Marie unruhig gewesen, hatte ich ihr die Brust angeboten, vor lauter Sorge, sie könne unterversorgt sein. Da Marie häufig weinte, hatte ich erst Recht das Gefühl, sie würde dies aus Hunger tun und hatte ihr die Brust häufig nahezu aufgedrängt. Unsere Tochter war dadurch regelrecht brustscheu geworden. Eine logische Konsequenz.

Es tat gut, dies alles mit fachlichen Worten erklärt zu bekommen. Doch noch lange habe ich darunter gelitten, dass ich zu Marie keine funktionierende Stillbeziehung aufbauen konnte. Heute weiß ich: Ich hätte mir zum einen früher Hilfe holen und Marie und mir zum anderen mehr Zeit geben müssen. Denn auch nach Wochen des Fläschchengebens kann ein Baby noch an die Mutterbrust zurückkehren.

Als ich knapp zwei Jahre später wieder schwanger war, nahm ich mir vor, bei unserer zweiten Tochter in punkto Stillen alles richtig zu machen bzw. es zumindest zu versuchen. Ich suchte bereits gegen Ende der Schwangerschaft eine Still- und Laktationsberaterin auf und ließ mich beraten. Bei Frau R. erhielt ich nicht nur wichtige Tipps, sondern auch das Vertrauen in mich, die Trinkbedürfnisse meines Babys erkennen und befriedigen zu können. Ich weiß bis heute nicht, ob es daran lag, dass ich mental gestärkter und zuversichtlicher in die zweite Geburt ging, aber bei unserer zweiten Tochter Karla konnte ich sofort mit dem Stillen beginnen. Auch pendelte sich gleich ein relativ regelmäßiger Stillrhythmus ein. Mir bedeutet es bis heute sehr viel, dass ich Karla stillen konnte (Was ich übrigens fast eineinhalb Jahre lang tat.). So konnte ich auch den Stillstress, den ich mit Marie erlebt hatte, ein Stück weit vergessen bzw. meinen Frieden damit machen, dass das Stillen beim ersten Kind nicht geklappt hatte.

Und das möchte ich Mamas abschließend zum Thema Stillen raten:

  • Wartet auf keinen Fall zu lange, wenn es mit dem Stillen nicht klappt. Holt Euch Unterstützung bei Eurer Hebamme oder bei ausgebildeten Still- und Laktationsberaterinnen.
  • Bleibt ruhig und geduldig, auch wenn es schwer fällt. Ganz viel Körperkontakt, Kuscheln und Nähe geben dem Baby die Geborgenheit und das Vertrauen, das es braucht.
  • Lasst das Baby eure Brust selbst finden. Es wird sich automatisch die richtige Trinkhaltung suchen oder euch zeigen, wenn die Position nicht stimmt.
  • Macht euch klar, dass der Magen eines neugeborenen Babys nicht größer ist als eine Haselnuss und nach einer Woche so groß wie eine Aprikose. Es können also gar keine ungeheuren Mengen an Flüssigkeit hineinpassen.
  • Greift nicht zu schnell zum Fläschchen bzw. zu künstlichem Milchersatz. Eine Stillbeziehung muss sich entwickeln. Manchmal kann dies ein paar Wochen dauern.
  • Achtet den Rhythmus eures Babys. Mit der Stoppuhr die Trinkdauer zu messen oder „nach der Uhr“ zu stillen, verursacht Stress. So wie wir Erwachsenen, haben auch Babys mal mehr Hunger oder an manchen Tagen kaum Appetit.
  • Die Hebamme riet uns, Marie zu jeder Trink-Mahlzeit von der in Apotheken erhältlichen Suspension „Sab Simplex“ 15 Tropfen ins Fläschchen zu geben. (Bei Stillkindern wird Sab Simplex mit einem Löffelchen verabreicht.) Die Sab Simplex-Tropfen wirken mechanisch und lösen Gasbläschen im Bauch auf, die oft für quälende Blähungen und/oder das Weinen verantwortlich sein können.
  • Lasst euch nicht irritieren, wenn andere Mütter häufiger oder weniger stillen als ihr. Das ist völlig normal. Manche Babys werden sechsmal täglich gestillt, andere zwölfmal oder noch mehr.
  • Kein Baby verhungert. Auch wenn es in euren Augen zu wenig trinkt oder ihr seine Trinkmenge nur schlecht einschätzen könnt. (Wenn ihr natürlich den Eindruck habt, etwas stimmt ganz und gar nicht mit dem Trinkverhalten eures Kindes, sucht selbstverständlich sofort den Kinderarzt auf.)
  • Muttermilch ist das Beste und Natürlichste, was es für ein Baby geben kann. Sollte es mit dem Stillen nicht klappen, habt ihr die Möglichkeit, Muttermilch abzupumpen und im Fläschchen zu geben.
  • Achtet, wenn ihr stillt, auf eine ausgewogene Ernährung. Denn alles, was durch euren Magen geht, geht auch durch Babys Magen.
  • Stillen ist wunderschön. Wenn es mit dem Stillen aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen einfach nicht klappen will, seid nicht traurig. Ihr könnt eurem Baby trotzdem die Nähe, Liebe und Fürsorge schenken, die es für ein gesundes und glückliches Heranwachsen braucht.

Ich hoffe, mein kleiner Bericht konnte euch helfen, falls es bei euch mit dem Stillen auch nicht so recht klappen will bzw. geklappt hat. Zum Abschluss möchte ich euch noch einen Satz meiner Hebamme mit auf den Weg geben, der mich sehr gestärkt hat: Eine Mutter ist immer eine gute Mutter – auch wenn sie nicht stillen kann.

Folgende Bücher habe ich übrigens in meiner zweiten Schwangerschaft zur Vorbereitung auf das Thema Stillen gelesen und kann sie sehr weiterempfehlen:

Dora Schweitzer – Stillen: Ihre Stillberatung für zu Hause. Mütter berichten: Das hat mir geholfen

Regine Gresens/Wolf Lütje – Intuitives Stillen: Einfach und entspannt – Dem eigenen Gefühl vertrauen – Die Beziehung zum Baby stärken

 

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