Wackeln die Zähne, wackelt die Seele


„Wackeln die Zähne, wackelt die Seele“ – So lautet ein Buchtitel aus dem anthroposophischen Verlag Freies Geistesleben und sagt, wie ich finde, viel über die Phase des Zahnwechsels aus. Denn das Wackeln der ersten Zähne geht bei Kindern häufig mit seelischen Veränderungen einher. Gerade in dieser Umbruchphase ist es wichtig, dass wir Eltern uns Zeit nehmen für die Belange unseres Kindes, dass wir zuhören, nachfragen, Sorgen und Nöte aber auch Wünsche und Träume ernst nehmen.

Im Kinderzimmer ist es ruhig und nach einiger Zeit gehe ich nachsehen, was die Tochter so macht. Ich finde sie auf dem Bett liegend und Hörbuch hörend vor, still und in sich gekehrt. Auf die Frage, ob alles in Ordnung sei, bricht es auch aus ihr heraus: „Mama, ich bin so traurig. Es gibt Einhörner gar nicht in Wirklichkeit, obwohl ich es mir doch so sehr wünsche.“ Lange weint sie in meinen Armen und ist tieftraurig über diese Erkenntnis. Ich tröste sie, so gut ich kann, und wir sprechen über Phantasiewelten und darüber, dass es im Leben immer wieder Situationen gibt, in denen Wünsche nicht erfüllbar sein werden. Als Mutter schmerzt mich die Traurigkeit meines Kindes, andererseits bin ich froh, dass die Tochter mir mitteilt, was sie bewegt und dass wir uns so offen austauschen können.

Der nächste Tag. Wir holen am Nachmittag ein Besuchskind aus dem Kindergarten ab. Während ich mich mit einer der Erzieherinnen austausche, spielt die Tochter mit den anderen Kindern. Gemeinsam mit fünf Jungs veranstaltet sie einen ungeheuren Krach, es wird fangen gespielt, geschubst, gekreischt und es geht ziemlich wild zu. Ich staune, denn vor einiger Zeit hätte sich die Tochter bei solch einem chaotischen, unerschrockenen Spiel mit einem Haufen älterer Jungs nicht wohl gefühlt. Doch nun hat sie ihre helle Freude, ist präsent und mischt mit und scheint, als ob es ihr gar nicht wild genug zugehen könnte.

Gestaltwandel – Seelenwandel

Diese zwei beispielhaften Situationen zeigen mir deutlich, dass unser Kind, das sich aktuell an seinen ersten beiden Wackelzähnen erfreut, eine Umbruchphase durchlebt. Beim Zahnwechsel scheinen also nicht nur Zähne ausgetauscht und die bleibenden Zähne ausgebildet zu werden, sondern auch die unterschiedlichen Charakterausprägungen des Kindes bilden sich deutlicher heraus und ein neues Ich-Bewusstsein setzt ein. Nahm das Kleinkind primär sich selbst wahr, stellt es nun, als Vorschulkind, fest: Ich bin nicht der Nabel der Welt. Altbekanntes erscheint plötzlich in neuem Gewand, Eindrücke werden anders verarbeitet und Geschehnisse neu bewertet und zusammengesetzt. Das Vorschulkind verlässt seine Phantasiewelt und beginnt, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Doch nicht nur das Seelenleben befindet sich im Wandel, auch der Gestaltwandel wird sichtbar: Das Kind beginnt sich zu strecken, die kleinkindhaften Züge verschwinden durch das Wachstum von Mittel- und Untergesicht. Und die Milchzähne beginnen auszufallen.

Zeit geben, Zeit nehmen

Wichtig ist, dass wir unserem Kind in dieser besonderen Phase Zeit geben, diesen Umbruch intensiv zu erleben und zu durchleben. Ebenso wichtig: Wir Eltern sollten uns noch einmal mehr als sonst Zeit für das Kind, für seine Fragen, für seine Ängste nehmen. Und geduldig bleiben, wenn eine Aggression scheinbar unmittelbar in Harmonie wechselt, Akzeptanzängste urplötzlich von Selbstüberschätzung oder Kontrollverlustängste von Dialog- und Kompromissbereitschaft abgelöst werden. Am Wichtigsten finde ich persönlich, dem Kind immer wieder zu vermitteln: Du bist gut, so wie Du bist. Und wenn Du Sorgen hast, sind wir als Deine Eltern immer für Dich da und stehen Dir unterstützend zur Seite.

Rituale

In vielen Familien kommt die Zahnfee und holt die ersten ausgefallen Zähne gegen ein kleines Geschenk ab. Bei uns werden die ausgefallenen Zähne in einer kleinen Zahndose aufbewahrt werden, so dass die Tochter sie sich jederzeit ansehen kann. Ein kleines Geschenk zum ersten ausgefallenen Zahn wird es natürlich dennoch geben. Ein kleines Ritual rund um das Thema Zahnwechsel zu etablieren, finde ich persönlich schön und wichtig, denn Kinder lieben Rituale und orientieren sich an ihnen, wie an einem Fixpunkt. Sie erfahren Ruhe und Sicherheit und haben das Gefühl, auch in aufregenden Zeiten Situationen und starke Gefühle besser unter Kontrolle zu haben. Rituale entspannen und geben Halt – gerade in schwierigen Phasen der Erziehung, in denen die seelischen und körperlichen Veränderungsprozesse unserer Kinder auch uns Eltern häufig ganz schön fordern. Und manchmal entdeckt man auf einem gemeinsamen Waldspaziergang dann sogar die Heimat der Zahnfee. … Wenn das kein Grund ist, auch den Zahnwechsel als eine positive, besondere Umbruchphase mit vielen neuen, spannenden Entwicklungen zu sehen.

Literatur

Literatur für Erwachsene zum Thema Zahnwechsel:

„Wackeln die Zähne – wackelt die Seele: Der Zahnwechsel. Ein Handbuch für Eltern und Erziehende“ von Monika Kiel-Hinrichsen.

Literatur für Erwachsene zum Thema Entwicklung ab 7 Jahren:

„Große Kinder: Die aufregenden Jahre zwischen 7 und 13“ von Oggi Enderlein

Literatur für Kinder zum Thema Zahnwechsel:

„Mein Wackelzahnbuch: Alles über deine Milchzähne. Schauen, klappen, drehen, verstehen!“ von Iwona Radünz und Thomas Röhner

„Charlie und Lola: Ich will niemals nicht, dass mein Wackelzahn rausfällt!“ von Lauren Child

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