Was unser Leben in Nepal ausmacht


Unsere Gastautorin Eva Wieners hat schon für Die Zeit online gebloggt und für viele Online-Reisemagazine Beiträge verfasst. Eva lebt mit ihrer Tochter Miriam seit über vier Jahren in Nepal und hat dort sowohl ihre berufliche als auch soziale Erfüllung gefunden. Für Mama im Ländle schreibt Eva Kolumnen über ihr Familienleben im Ausland.

Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und interkulturelle Kompetenz –
Was unser Leben in Nepal ausmacht

Kurz bevor ich im Jahr 2012 die Entscheidung traf, mit meiner damals zweieinhalbjährigen Tochter Miriam nach Nepal auszuwandern, hatte ich das Gefühl, vor einer Entweder-Oder-Entscheidung zu stehen. Als Alleinerziehende hatte ich in Deutschland den Eindruck, ich müsse mich entscheiden, ob ich entweder Zeit mit meiner Tochter verbringen und an ihrem Leben teilnehmen möchte, oder mir eine Arbeitsstelle suche, die mich ausfüllt und glücklich macht. Nachdem ich mich nach meinem abgeschlossenen Studium im Job aufgerieben und Miriam in dieser Zeit fast nur noch schlafend zu Gesicht bekommen habe, überlegte ich nicht lang, als der deutsch-nepalesische Verein Kaule e.V. im Bereich Umweltwissenschaft eine Stelle für Promotionsstudenten ausschrieb. „Bloß weg hier! So wie es ist, kann es auf keinen Fall weitergehen.“, dachte ich mir damals. Die Bewerbung klappte und wenige Wochen später saßen Miriam und ich im Flieger nach Nepal. Das kleine, 1.800 Meter hoch gelegene Bergdorf Kaule, eine knappe Stunde von Katmandu entfernt, sollte unser neues Zuhause werden.

In Nepal angekommen, wurde dann vieles einfacher. Die Menschen hier sind viel kinderfreundlicher und Arbeit und Familienleben lassen sich besser vereinbaren als in Deutschland. Da ich relativ rasch in meine Projektarbeit einsteigen musste, fanden wir für meine Tochter eine benachbarte Sherpa-Familie, bei der sie während meiner Arbeitszeit bleiben konnte. Die Nepalesen haben viele Kinder und Miriam fühlte sich in dieser tollen, geborgenen Atmosphäre der Großfamilie sofort sehr wohl. Wenn Miriam krank war oder keine Lust hatte, zu ihrer Tagesmutter zu gehen, ist sie einfach bei mir geblieben oder mit ins Büro gekommen. Jeder hatte Verständnis und von allen Seiten gab es Unterstützung. Miriam gehört eben zu mir und es hat nie jemand von mir verlangt, sie wegzuorganisieren oder meine Prioritäten anders zu setzen.

Unser Alltag hier in Nepal ist sehr einfach und weit weg von deutschen Standards. Ich wasche unsere Wäsche auf der Hand, wir haben nicht immer Strom und sind sehr viel zu Fuß unterwegs, da wir natürlich kein Auto besitzen. Miriam ist mit den wenigen materiellen Dingen, die wir besitzen, zufrieden. Das große Erdbeben vor 1,5 Jahren haben wir nur knapp überlebt, viele Häuser in unserem Dorf müssen wir von Hand wieder aufbauen. Trotzdem sind wir sehr glücklich und unser Leben in Nepal hat für uns beide viele Vorteile.

Einerseits ist da Miriam. Sie spricht mit sechs Jahren schon drei Sprachen (Deutsch, Nepali und Englisch), fühlt sich in verschiedenen Kulturen zu Hause und versteht, dass es unterschiedliche Religionen gibt, die alle ihren Platz und ihre Rolle haben. Sie wächst draußen auf, ist von Tieren umgeben und hat schon jetzt ihre Liebe für die Natur entdeckt. Lange Wanderungen gefallen ihr super und am glücklichsten ist sie, wenn sie mit ihren Freunden den ganzen Tag durch den Wald tollen darf und abends auf meinem Schoß am Lagerfeuer einschläft. Sie ist sich über die Existenz von unterschiedlichen Lebensrealitäten bewusst und weiß jetzt schon unsere Privilegien als weiße Deutsche zu schätzen. Die interkulturelle Kompetenz, die ich mir hart erarbeiten musste und immer noch nicht immer wirklich habe, wird ihr in die Wiege gelegt.

Auch ich bin viel ausgeglichener und glücklicher in Nepal, obwohl ich mich manchmal frage, woran das liegt. Ich habe hier eigentlich eher mehr zu tun, habe durch meine vielen verschiedenen Projekte ständig mehrere Bälle in der Luft und bin immer eingespannt. Ich glaube aber, meine Zufriedenheit basiert auf zwei Aspekten, die in meinem Leben in Deutschland in den letzten Jahren immer zu kurz kamen: Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung.

Ja, ich habe viel Stress und es ist immer etwas zu tun. Oft stehe ich morgens um fünf Uhr auf, um, bevor Miriam wach wird, ein paar Stunden am Computer arbeiten zu können. Richtig frei habe ich selten. Aber das habe ich mir so ausgesucht und kann selbst bestimmen, wie viel ich mir zumute. Das ist für mich der große Unterschied: Kein Chef schreibt mir vor, dieses Pensum zu absolvieren, ich kann es selbst entscheiden. Einer der großen Vorteile der selbstständigen Arbeit in einem Land wie Nepal, in dem die Lebenshaltungskosten gering sind.

Noch viel wichtiger ist für mich der Aspekt der Selbstverwirklichung. Oft hat man als Mutter das Gefühl, man müsste sich selbst erst einmal aufgeben und seine eigenen Träume „für das Kind“ hintenanstellen. Das Image der perfekten Mutter, die sich für den Nachwuchs aufopfert und die perfekte Kindheit bietet, wird immer wieder in den Medien und im Internet als Ideal dargestellt. Über die Schwierigkeiten für Eltern, diesen Ansprüchen gerecht zu werden, wurde schon viel geschrieben. Auch ich empfinde sie durchaus als problematisch. Sich aufzuopfern und Dinge aufzugeben bedeutet ja auch immer, selbst weniger zufrieden und glücklich zu sein, und ich glaube auf lange Sicht ist das dann auch nicht gut für die Kinder. Jedenfalls war das bei mir so.

Als meine Tochter geboren wurde, meinte ich, das Reisen an den Nagel hängen und meine eigenen Bedürfnisse hintenanstellen zu müssen, um eine gute Mutter zu sein. Je länger ich das versuchte, desto klarer wurde mir jedoch, dass sich diese Dinge in meinem Fall ausschließen. Wenn ich unzufrieden bin, kann ich keine gute Mutter sein. Und auch wenn ich viele Dinge „für Miriam“ gemacht habe, so hatte sie dadurch gar keine Vorteile.

Erst als ich hier in Nepal wieder in einem Projekt arbeiten konnte, in dem meine Leidenschaft und vor allem auch meine Kompetenz zum Einsatz kamen, habe ich gemerkt, wie sehr ich mich vorher eingeschränkt habe. Auch von meiner Passion fürs Reisen hatte ich mich erst einmal verabschiedet. Nun entdecke ich das Unterwegssein gemeinsam mit Miriam und merke, wie sehr das Reisen zu mir und meinem Charakter gehört. Und jetzt wo ich all das mit Miriam teilen kann, habe ich das Gefühl, eine „komplette“ Mutter für sie sein zu können, die nicht einen Teil ihrer Selbst versteckt und insgeheim ihrer Tochter die Schuld dafür gibt.

Damit mich jetzt niemand falsch versteht: Mir ist sehr bewusst, dass unser Lebensstil nicht für jeden etwas ist und dass viele meiner Probleme vor unserer Auswanderung nach Nepal nicht zwangsläufig etwas mit Deutschland zu tun haben, sondern vor allem mit mir. Aber ich persönlich konnte sie eben im Ausland besser lösen. Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass Miriam und ich aus Deutschland kommen und bin mir über unsere unglaublichen Privilegien bewusst! Ich kann mir gut vorstellen, eines Tages nach Deutschland zurückzukehren, aber für den Moment ist unser Leben in Nepal und wir sind sehr glücklich damit!

Ihr könnt Eva und Miriam auf youtube und auf ihrem Blog folgen:

Miriam und Eva unterwegs – Der Abenteuerkanal

www.2unterwegs.de

 

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