Starke Kinder wehren sich – Prävention und Sicherheitstraining


Gemeinsam mit der Tochter besuchten wir ein dreitägiges Präventionstraining für Kinder, das von Holger Schumacher, dem Inhaber von WO-DE Sicherheitstraining, durchgeführt wurde. Schumacher, der seit vielen Jahren einer der führenden Anbieter für Kindersicherheitskurse im deutschsprachigen Raum ist, war früher Teil des Mobilen Einsatzkommandos der Polizei Hamburg, ist psychologisch ausgebildeter Erstsprecher für Geiselnahmen und achtfacher deutscher Meister in Karate/Ju-Jutsu.

Einige Trainingsschwerpunkten im Beispiel:

Bei unserem dreitägigen Workshop, an dem zwölf Kinder zwischen sechs und acht Jahren teilnahmen, stand die Sicherheit von Kindern im Mittelpunkt. Die Kinder sollten lernen, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden, sich ihres Rechts bewusst werden, Nein zu sagen und in Stress- und Bedrohungssituationen angemessen zu handeln. Denn die Statistik belegt: Sich wehren hilft! Aber dazu muss man wissen, wie man sich wehren kann. Holger Schumacher übte anhand verschiedener Beispiele, wie sich Kinder verhalten sollen, wenn sie beispielsweise von einem Erwachsenen angesprochen werden. Dabei vermittelte Schumacher stets: Das Leben ist schön. Euer Schulweg ist sicher. Ihr seid sicher und es wird Euch nichts passieren. Es wurden also keinerlei unnötige Ängste, beispielsweise vor dem Schulweg oder fremden Menschen, geschürt, sondern die Kinder gezielt auf das Reagieren in plötzlich auftretenden, unvorhersehbaren Situationen vorbereitet. Denn das Ergebnis der Übungen sollte natürlich nicht so aussehen, dass ein Kind schreiend das Weite sucht, wenn es von einem fremden Erwachsenen angesprochen und beispielsweise nach der Uhrzeit gefragt wird. Vielmehr lernten die Kinder, ihre Reaktion auf einen Fremden gezielt zu differenzieren und zu hinterfragen: Verspricht mir derjenige etwas Schönes und zwingt mich somit vielleicht zu einer unangenehmen Verpflichtung oder Gegenleistung? Oder fragt mich jemand gerade etwas gänzlich harmloses? Und selbst in einer vermeintlich harmlosen Situation darf die Antwort des Kindes stets lauten: „Bitte fragen Sie einen Erwachsenen.“ Ein ganz einfacher Satz, der dem Kind hilft, aus der Situation herauszugehen.

Auch als es um das Einsteigen in das Auto eines Bekannten ging, war die Ansage dazu kindgerecht und klar: Du fährst mit niemandem mit, der nicht auf Deiner Liste steht. Diese Liste haben wir mit der Tochter erarbeitet. Sie umfasst fünf Personen, mit denen die Tochter mitfahren darf. Alle anderen, auch wenn sie ihr bekannt sind, stehen nicht auf der Liste, sind folglich also auch nicht interessant. Wird das Kind von einem Fremden oder einem Nachbar angesprochen, ruft es im Kopf seine Liste ab und weiß: Ich steige nicht ein, dieser Mensch steht nicht auf meiner Liste! Ein einfacher Satz, der wie eine Vokabel abgerufen werden kann.

Auch zum Thema Hilfe holen lernten die Kinder drei Vokabeln: Lärm, Licht, Leute! Ich renne niemals in einen dunklen Keller oder einen einsamen Park, sondern ich suche mir Hilfe wo Leben ist, wo es hell ist, wo Menschen sind. In diesem Zusammenhang wurde auch besprochen, was ein gutes und was ein schlechtes Geheimnis ist und dass schlechte Geheimnisse auf keinen Fall geheim gehalten werden dürfen. Auch hier gab Holger Schumacher wieder einen klaren, unmissverständlichen Rat: Sobald Du Dir überhaupt die Frage stellst, ob Dein Geheimnis ein gutes oder schlechtes Geheimnis ist, weißt Du, dass es nur ein schlechtes Geheimnis sein kann.

Starke Kinder brauchen eine starke, klare Sprache

Mit dieser klaren Kommunikation und den einprägsamen Handlungsanweisungen hat Holger Schumacher nicht nur die Kinder abgeholt, sondern auch uns Eltern. Denn durch den kompakten Verhaltensleitfaden, der immer wieder in den verschiedensten Situationen zum Tragen kam, waren die Kinder einerseits handlungsfähig, andererseits wurde auch die Emotion aus schwierigen Themen genommen. So machte es für die Kinder in ihren Trainingseinheiten keinen Unterschied mehr, ob sie sich auf ihrem Schulweg nicht an einem großen Hund vorbei trauten oder ob sich ein Mann vor ihnen entblößte – denn die trainierte Reaktion des Ablehnens, Weggehens und Hilfeholens war stets dieselbe und die Kinder meisterten somit auch schwierige Konfliktsituationen, bei denen wir Eltern schlucken mussten, aufgrund der erlernten Handlungsanweisungen unaufgeregt und sicher. Und gerade diese kurzen Handlungsanweisungen, die wie Vokabeln wiederholt wurden, schafften eine ganz neue Klarheit, die ich zu Hause niemals in wenigen Worten so kurz und prägnant hätte vermitteln können. Und sie schürten dennoch nicht die Angst vor dem schwarzen Mann, sondern vermittelten den Kindern: Ihr seid stark, Ihr seid handlungskompetent, Ihr könnt Euch helfen.

Weitere Trainingsinhalte:

Ebenso nahm das Thema Erpressung, Mobbing auf dem Schulhof und richtiges Verhalten in Streitsituationen einen großen Teil des Workshops ein. Die Kinder lernten auch hier: Reden ist Deine stärkste Kraft. Und sie trainierten, wie sie Schwächeren aus der Gruppe heraus helfen können und dass Hilfe holen kein Petzen, sondern eine vorbeugende Maßnahme ist, um Schaden oder Unrecht zu verhindern. Auch das Recht am eigenen Körper wurde intensiv besprochen, beispielsweise wenn es mit dem Thema Geschenke verknüpft ist. Da kommt also Tante Erna zu Besuch und fordert: „Ich habe Dir etwas Schönes mitgebracht, aber erst will ich einen dicken Kuss von Dir.“ Und wieder wurden die erlernten „Vokabeln“ bei den Kindern abgerufen: Mit wem Du kuschelst, entscheidest Du allein! Ein Geschenk ist nur dann ein Geschenk, wenn der andere keine Gegenleistung dafür haben möchte! Du darfst Nein sagen! Und sollte das Kind Schwierigkeiten mit dem Nein sagen haben, dann müssen wir Eltern das übernehmen, denn schließlich sind wir, jedenfalls bis zu einem gewissen Alter, die Anwälte unserer Kinder und erfüllen eine Vorbildfunktion. Was mir besonders gut gefiel, war das permanente Stärken des Selbstbewusstseins der Kinder. Denn kein Kind kann etwas dafür, dass sich ein Mann vor ihm entblößt, die Tante einen Kuss einfordert oder dass es von einem Mitschüler drangsaliert und gemobbt wird. Schämen müssen sich in diesem Fall die anderen, nicht Du! 

Ebenfalls übte Holger Schuhmacher das richtige Verhalten am Telefon, an der Haustür oder bei Gefahrensituationen zu Hause intensiv mit den Kindern. Die Notrufnummern wurden dabei ebenso gelernt, wie das korrekte Absetzen eines Notrufs. An jedem der drei Trainingstage übten die Kinder natürlich auch die Selbstverteidigung gegen einen Erwachsenen. Deeskalation durch Sprache und Weggehen wurde dabei ebenso erlernt, wie die aktive Selbstverteidigung bei einem Angriff. Holger Schumacher, ausgestattet mit Schienbeinschonern und Genitalschutz, übte mit den Kindern, wie sie sich durch Tritte wehren können und welche Befreiungsversuche unsinnig sind bzw. unnötig Kraft und Zeit kosten. Während die Kinder die Selbstverteidigung mit einer Trainerin vertieften, besprach Schumacher gemeinsam mit uns Eltern das Thema sexueller Missbrauch und Gewalt gegen Kinder.

Das Leben ist schön! Und sicher. Unser Fazit:

Unser dreitägiges Sicherheitstraining war bereichernd, arbeitsintensiv und stärkend. Gerade die Tatsache, dass ein Elternteil anwesend sein musste, garantierte, dass auch wir Eltern „mitlernten“ und nun in der Lage sind, ein klares Wording einzusetzen, wenn wir für unsere Kinder Regeln aufstellen und sie auf Konflikt- oder Gefahrensituationen aufmerksam machen. Für uns war das Training vom Aufbau, von seinen Inhalten und ihrer Vermittlung, der Balance zwischen Theorie und Praxis sowie seiner Dauer perfekt. Und auch das Preis-/Leistungsverhältnis möchte ich an dieser Stelle besonders positiv hervorheben, denn wir haben für den kompletten Workshop 120 Euro bezahlt. Wir werden auf jeden Fall in einem Jahr das Auffrischungstraining besuchen und auch zu Hause üben wir regelmäßig. Übrigens kommt Holger Schumacher mit seinem Team auf Anfrage in Kindergärten und Schulen bzw. hält seine Trainings an ausgewählten Trainingsorten ab, die Ihr hier einsehen könnt. Sollte Holger Schumacher nach dem Workshop das Gefühl haben, ein Kind ist noch nicht so weit, die vermittelten Inhalte anzunehmen, darf dieses Kind kostenlos das komplette Seminar wiederholen. In unserer Gruppe waren es zwei Kinder, die beispielsweise nicht an den Übungen zur Selbstverteidigung teilnehmen mochten und die kostenfrei in einem Jahr nochmals wiederkommen dürfen.

Zum Thema „Starke Kinder – Prävention gegen Gewalt“ hat Holger Schumacher eine umfangreiche Broschüre herausgegeben, die die wesentlichen Inhalte des Sicherheitstrainings zusammenfasst. Ich finde dieses Arbeitsbuch sehr wertvoll, da es viel Hintergrundwissen und praktische Tipps für den Alltag enthält. Es kann hier bestellt werden. Eine von Holger Schumacher zusammengestellte Liste weiterführender Literatur findet Ihr hier. Mehr Infos zu Holger Schumacher und seinem Team sowie den verschiedenen WO-DE Sicherheitsschulungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene erhaltet Ihr hier. Wir können eine Teilnahme absolut empfehlen und freuen uns schon auf das Auffrischungsseminar im nächsten Jahr.

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