Neustart? Nein danke! Ich bin schon glücklich.


Spreche ich nur für mich, wenn ich behaupte: „Ich bin glücklich.“? Es läuft nicht immer glatt, klar, aber es läuft. Mit Höhen und Tiefen, aber im Großen und Ganzen doch ordentlich.

Warum wollen mir Life-Coachs oder Unterhaltungsmagazine immer öfter weismachen, dass es nie zu spät sei, mein Leben zu ändern?

Zum Jahreswechsel habe ich in diversen Kolumnen gelesen, JETZT, aber auch wirklich genau JETZT, sei meine Zeit gekommen, mein Leben in die Hand zu nehmen. Mein eigenes Drehbuch zu schreiben. Endlich neu anzufangen.

Aber womit genau soll ich denn neu anfangen? Und mit was soll ich Schluss machen, bevor ich neu anfange? Mit meinem Job? (Den mag ich!) Mit meinem Mann? (Den mag ich auch!) Mit meiner Hauptbeschäftigung – dem Mamasein? (Wohl kaum.) Damit, viele Bücher zu lesen? (Kommt gar nicht in Frage!) Mit gutem Essen? (Okay, an dieser Schraube könnte ich drehen…)

Besonders störte mich bei den einschlägigen Artikeln, dass es „in“ zu sein scheint, Pippi Langstrumpf als Paradebeispiel für Unabhängigkeit hervorzuzerren. Ich mag Pippi. Aber zu meiner Lebensphilosophie passt Pippis „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ eben nicht. Wäre ja ein bisschen zu einfach. Besser gesagt weltfremd. Mir die Welt mal eben passend machen…

In einem weiteren „Dein Neuanfang ist jetzt“-Artikel wurde ein wenig plakativ dazu aufgefordert, sich Gedanken zu machen, welchen Menschen aus dem Bekannten- und Freundeskreis denn in der Vergangenheit ein wirklicher Neustart gelungen sei. Haha, man werde schon sehen: Fast niemandem.

Beim Lesen dieser Zeilen stieg eine Woge Unmut in mir auf. Denn schaue ich in meinen Bekannten- und Freundeskreis, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge nicht nur einen, sondern sicherlich 20 Menschen, die ihre Zukunftsvisionen, ihre Leidenschaften beruflich oder privat (oder beides zusammen) ausleben. Diese Menschen haben sich aber sicher nicht einfach hingesetzt, die Reset-Taste gedrückt und Abschied von ihrem alten Leben genommen. Diese Menschen haben vielmehr auf den Erfahrungen ihres bisherigen Lebens aufgebaut. Denn ohne diese Erfahrungen wären sie nicht das, was sie heute sind. Diese Menschen haben nicht einfach beschlossen: Ab heute mache ich mir die Welt, wie sie mir gefällt. Diese Menschen haben ihre ganz persönlichen Herausforderungen angenommen, sind oft steinige Wege gegangen, haben Hürden bewältigt, sind an ihnen gewachsen. Ohne Pippi Langstrumpf-Träume.

Ich denke an meine beste Freundin, deren Weg zum Familienglück lang und nicht einfach gewesen ist, da sie eine schwerbehinderte Tochter hat. An meine Mutter, die viel arbeitet und dennoch jederzeit zur Stelle ist, wenn ich sie brauche. Das Gleiche gilt für meinen Mann. An meine Freundin, die trotz Doppelbelastung Familie und Job nebenher studiert und sich ehrenamtlich engagiert. Ich denke an die zahlreichen Freunde, die den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit gewagt haben. Auch hier keine Spur von Pippi Langstrumpf, sondern harte Arbeit. Ich denke an meine Cousine, die sich den Traum einer eigenen CD verwirklicht hat. An zwei Freundinnen, die alleinerziehend sind. Die keine Zeit dafür haben „wild, frech und wunderbar zu sein.“ Und mit Sätzen wie „Wir sollten gegen Normen leben. Keine Rücksicht mehr nehmen auf Dinge, die getan werden müssen. Keine Rücksicht mehr auf Menschen, die etwas von einem erwarten.“ sicherlich kaum etwas anfangen können.

Soll ein selbstbestimmtes Leben ernsthaft daraus bestehen, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen? Ist das mein gelungener Neustart? Ich glaube kaum.

Mein Mann und meine Tochter würden sich wundern, wenn ich von jetzt auf gleich keine Rücksicht mehr nehmen und ihre Erwartungen nicht mehr erfüllen würde. Ebenso meine Kunden. Oder meine Freunde. Ganz ehrlich, ich kann nichts Verwerfliches daran finden, Erwartungen zu erfüllen. Denn sind nicht gerade Verlässlichkeit und Sicherheit ein hohes Gut in Freundschaften und Familienstrukturen?

Ich persönlich habe mir einen ganz anderen Satz von Pippi Langstrumpf verinnerlicht. Einen ähnlichen Satz sagte auch neulich die Tochter:

„Das habe ich noch nie versucht, aber ich bin mir sicher, dass ich das schaffe.“

In diesem Satz steckt für mich mehr Neuanfang, als in allen anderen Floskeln, die als mediale Pfeile in den letzten Wochen auf mich einprasselten.

Nein danke, ich möchte kein Glückstagebuch führen. Nein, ich muss in 2017 nicht Italienisch lernen, um mich selbst zu verwirklichen. Oder im Iglu übernachten, um „mal wieder was zu wagen“. Oder Klavier spielen lernen, um nicht einzurosten. Ich möchte auch nicht „fit für die Zukunft“ gemacht werden. Denn meine Zukunft ergibt sich aus meinem Leben im Hier und Jetzt.

Ich bin gut so wie ich bin. Ohne Reset-Taste, ohne Neuanfang, ohne Glücksformel. Denn JETZT, genau JETZT lebe ich mein Leben. Und bin zufrieden.

 

4 Kommentare

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  1. Maik

    Ein wirklich großer Artikel liebe Alexandra. Er zeugt davon, wie viel Du in Deinem Leben bereits instiktiv richtig machst. Du hast verstanden, dass das Leben jetzt gelebt wird, in jeder einzelnen Sekunde, und nicht nach Erreichen von Ziel X oder Y. Und Du hast auch verstanden, dass Antreiber wie „mach es allen recht“, „mach es gut“ oder „mach es schnell“ grundsätzlich nichts verwerfliches sind. Du fragst Dich instinktiv, ob sie ihren Preis für Dich gerade Wert sind und Du beantwortest diese Frage mit Blick auf Deine Kinder, Deinen Mann und Deine Leidenschaft mit einem klaren beherzten Ja! Natürlich weiß ich, dass Du die Essenz Deines Artikels nicht pauschalisierst, denn es gibt genug Menschen, die immer wieder einen viel zu hohen Preis zahlen, sich selbst vergessen und ausbeuten. Menschen, die aus diesem Grund innerlich unzufrieden und unglücklich sind. Ich glaube es gilt, wie immer im Leben, das richtige Maß und die richtige Relation zu beachten. Das einzige was wirklich pauschalisiert werden darf ist: Das Leben ist jetzt! Danke für diesen tollen Artikel.

  2. Alexandra

    Danke Maik. Genau darum geht es: Nichts pauschalisieren, aber ein Bewusstsein für die Fragestellung schaffen, ob wir wirklich Glücksformeln, Neustarts und Co. brauchen, um zufrieden zu leben. Ich denke, wir profitieren eher davon, wieder verstärkt auf unsere innere Stimme zu hören und ein Gefühl für das Glück im Hier und Jetzt zu entwickeln, anstatt Pippi Langstrumpf-Utopien nachzurennen, die sich aus rein gesellschaftlichen Aspekten kaum erfüllen lassen. Wir laufen alle in gewisser Weise im Hamsterrad, müssen Geld verdienen und uns gesellschaftlichen Normen „beugen“. Wie gesagt, ich kann daran nichts Verwerfliches finden. Denn wenn man parallel zu diesem Alltag offen für Neues bleibt und über seinen Tellerrand hinausschaut, eigene Projekte auf die Beine stellt, sich ehrenamtlich betätigt oder was auch immer, dann bleibt man trotz aller Konventionen beweglich und ein Freigeist. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ mag auf den ersten Blick nach großer Freiheit klingen. Auf den zweiten Blick beinhaltet diese Aussage für mich persönlich nur eins: Da wird eben nicht über den Tellerrand geschaut.

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