Meergeburt im Golf von Thailand


Ein freieres, leichteres Leben im engen Familienverbund – Für diesen Weg entschieden sich Larissa Horlacher und ihr Mann Oliver im Jahr 2015. Sie verkauften ihr Auto, fast ihren ganzen Besitz sowie ihr Haus im schönen Schwabenland. Nun lebt das Paar gemeinsam mit seinen drei Kindern entweder als Backpacker in Asien oder in einem Wohnmobil an ausgewählten Orten Europas. Die Schwangerschaft ihres dritten Kindes war für Larissa, die von Beruf Hebamme ist, eine ganz besondere – frei von Hektik und Terminen, erfüllt von familiärem Zusammenhalt, gemeinsamer Zeit und Unterstützung. Besonders ist auch der Ort, an dem Töchterchen Katharina das Licht der Welt erblickt: Sie öffnet ihre Augen zum ersten Mal unter Wasser – im Golf von Thailand, vor der Insel Koh Phangan. In unserem Interview berichtet Larissa von dieser bewegenden Meergeburt im März 2016 und erzählt von ihrer Lebensphilosophie: Frei in Verbundenheit.

Liebe Larissa, ich bin fasziniert von der Meergeburt Eurer Tochter Katharina, die Du in einer geschützten Felsenbucht im Golf von Thailand zur Welt gebracht hast. Wie sahen Eure Lebensumstände zum Zeitpunkt Deiner Schwangerschaft aus und wie ging es Dir und dem Baby gesundheitlich? 

Oliver und ich hatten uns erst wenige Monate vorher spontan entschieden, Europa hinter uns zu lassen, um buchstäblich Abstand zu unserem alten Leben zu gewinnen und uns nur auf unsere kleine Familie zu konzentrieren. Das war ein Quantensprung für unsere individuelle Entwicklung und wir haben uns endlich angekommen und gelöst gefühlt. Ich konnte einfach nur schwanger sein, arbeiten und schlafen wann ich wollte und mich unseren beiden großen Kindern widmen. Wir hatten eine wunderschöne Zeit nach den sehr anstrengenden Monaten des Umbruchs mit Hausverkauf, Haushaltsauflösung und allen großen emotionalen Belastungen.

Zu welchem Zeitpunkt zeichnete sich für Dich ab, dass Du Euer Kind im Meer zur Welt bringen möchtest?

Das hat sich erst am Tag ihrer Geburt herauskristallisiert. Eine Meergeburt war mein tiefster, heimlichster Wunsch. Meine absolute Traumgeburt! Aber in der Nacht wäre es nicht gegangen und auch dann nicht, wenn Menschen am Strand gewesen wären. Als mein Muttermund vollständig eröffnet war, bin ich mit Oliver zum Meer gelaufen. Der Strand war völlig verlassen, es war keine Ebbe und der Himmel war leicht bedeckt – in dem Moment hat einfach alles gepasst.

Musstest Du lange nach dem perfekten Ort im Meer für die Geburt Eures Kindes suchen oder war dieser besondere Ort plötzlich einfach da?

Als wir nach Thailand geflogen sind, war ich in der 24. Woche schwanger. Wir haben fast die komplette Zeit bis zu Katharinas Geburt in der 41. Woche auf der Insel Koh Phangan verbracht aber meinen Wunschgeburtsort habe ich erst etwa zwei Wochen vor Katharinas Geburt durch Zufall entdeckt. Und das ausgerechnet an dem Strand, den wir bei schon bei unserer Ankunft auf der Insel wahllos ausgesucht hatten. Die kleine Bucht liegt hinter einem Felsen und ist gut zu erreichen aber irgendwie war sie mir in den ersten Wochen unseres Thailand-Aufenthalts entgangen.

Wie gestalteten sich die letzten Stunden vor der Geburt Eurer Tochter?

Wasser hat mir gut getan und so habe ich Stunden im Pool unseres Resorts zugebracht, meine Bahnen gezogen und mich für die Geburtswellen mit Blick aufs Meer an den Beckenrand gehängt.

Wie hast Du Dich unter der Geburt gefühlt? Hattest Du beispielsweise keine Sorge, dass Leute an den Strand kommen und Dich stören könnten?

Die Geburt hatte bereits am frühen Morgen des vorherigen Tages begonnen und da ich eine unruhige Nacht hatte, war ich zeitweise etwas erschöpft. Die Wellenabstände waren in der Eröffnungsphase aber immer sehr lang und so konnte ich mich regelmäßig ausruhen. Das Resort in dem wir waren, war wenig besucht. Außer uns, meiner Freundin mit ihren Kindern und vereinzelt vorbeilaufenden Gästen war niemand da. Ich war nicht laut, da ich mich sehr gut entspannen konnte und keine Schmerzen hatte, auch wenn es sehr anstrengend war. Ein einziges Mal hätte ich plötzlich losschreien können, so sehr überrollte mich eine heftige Schmerzwelle und in dem Moment wusste ich, dass der Muttermund offen ist und unsere Baby bald da sein wird. Kurz bevor ich zum Meer ging, machte sich ein Gast auf den Weg an den Strand und ich war etwas besorgt, aber als wir ankamen, war er weg. Ich war so sehr in meinem Geburtsgeschehen, dass ich mir keine weiteren Gedanken um möglicherweise vorbeikommende Menschen gemacht habe. Sie hätten auch nicht viel mehr gesehen als eine im Wasser sitzende Frau.

Hattet Ihr Euch einen Plan B zurechtgelegt, falls es unter der Geburt zu unerwarteten Komplikationen gekommen wäre?

Auf Koh Phangan gibt es mehrere Kliniken mit westlichem Standard. Wir haben uns drei angeschaut und ich hätte mir die Geburt auch in der kleinsten der Kliniken vorstellen können. Die Atmosphäre war schön und die Thais wie immer sehr freundlich. Wir kannten alle Wege und waren sehr gut vernetzt, da wir bereits vier Monate auf der Insel verbracht hatten. Oli hatte seine Notfallnummer dabei und ein Auto stand bereit, aber der wichtigste Faktor war meine intuitive Bindung zu Katharina, die ich in der Schwangerschaft mit ihr aufbauen konnte. 

Während der ganzen Geburt war ich mit ihr in Kontakt und sie hat sich immer „gemeldet“, wenn ich mich auf sie konzentriert habe. Selbst in der letzten Presswehe vor der Geburt ihres Köpfchens hat sie mir mit einem kleinen Fußtritt signalisiert, dass es ihr gut geht. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ihr etwas passieren könnte, obwohl ich durchaus panische Momente in der Austreibungsphase hatte, die unglaublich intensiv und phasenweise extrem schmerzhaft war. 

Dass meine Entspannungstaktik in der Austreibungsphase überhaupt nicht mehr funktioniert hat, lag im Rückblick für mich auch daran, dass ich in dem Moment innerlich vieles loslassen musste. Ich fühle mich auch heute noch vollkommen transformiert und trage diese erfüllende Erfahrung der sanften Geburt, unabhängig vom Geburtsort, für immer mit mir. 

Woher hast Du dieses besondere Bewusstsein für Deinen Körper?

Mein Körperbewusstsein war noch nie besonders ausgeprägt und ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich mich sehr unwohl in meiner Haut gefühlt habe. Die drei Jahre Ausbildung zur Hebamme in einer Universitätsklinik haben mich sehr geprägt und ich habe lange gebraucht, um alle Geburtsängste abzuschütteln, die ich in dieser Zeit durch die unzähligen intervenierten Geburten mit ihren schlimmen Folgen erlebt habe. 

Meine dritte Schwangerschaft mit Katharina und unsere zeitgleiche Lebensumstellung haben dazu beigetragen, dass ich begonnen habe, mehr auf mein Bauchgefühl zu hören. Ich habe gemacht, wonach ich mich gefühlt habe, mich ausgeruht, wenn es zu viel war, mir abends Zeit für meinen Babybauch genommen, mich mit unzähligen positiven Geburtsberichten beschäftigt und mir wunderschöne Geburtsvideos auf YouTube angeschaut.

Da ich zu keinem Zeitpunkt körperliche Beschwerden hatte, bin ich auch nicht mehr zu einem Arzt gegangen und habe mich voll und ganz auf mein Schwangerenglück konzentriert. Das war unvergleichlich und hat mir ein ganz neues Vertrauen in mich und mein Kind gegeben. Katharinas Geburt hat diese Erfahrungen dann abgerundet. Ich weiß, was ich mir zumuten kann, dass ich gesund und stark und in der Lage bin, mein eigenes Kind auf die Welt zu bringen.

Kannst Du den Moment beschreiben, in dem Du Dein Kind, das Euch bereits unter Wasser mit wachen Augen anblickte, aus dem Meer gehoben und in Deinen Armen und an Deiner Brust willkommen geheißen hast?

Als Katharinas Kopf geboren war, hat Oli sie angefasst, was sich kurz sehr unangenehm für mich angefühlt hat. Wir Hebammen fassen den Kopf auch so gut wie immer an und helfen bei der Entwicklung der Schultern. Aber ich hatte das Gefühl, dass es Katharina irritiert, weil sie den Kopf abwechselnd in beide Richtungen bewegt hat. Also haben wir unsere Hände weggenommen, um sie nicht zu stören. Mit der nächsten Geburtswelle kam sie und da ich im Vierfüßlerstand war, hat Oli sie mit Giulio aufgefangen. Katharina hat die Augen aufgemacht und Oli angeschaut. Er war so überwältigt, dass er lachen musste und in dem Moment hatte ich so ein explodierendes Glücksgefühl, an das ich mich wohl für immer erinnern werde.

Oli hat sie dann immer noch unter Wasser durch meine Beine an mich durchgegeben. Ich habe ihre Arme und die Brust mit beiden Händen umfasst und sie aus dem Meer gehoben, meine kleine Tochter. Ein unfassbares Gefühl…

Wie verliefen die ersten Stunden nach Katharinas Geburt und die kommende Zeit des Wochenbetts?

Ich habe sie direkt am Strand gestillt und etwa eine halbe Stunde später die Plazenta auf meinem Strandtuch geboren. Unsere beiden großen Kinder Giulio und Susanna konnten ihre Schwester in aller Ruhe in Empfang nehmen und als ich mich etwas erholt hatte, haben wie die Plazenta in eine Plastiktüte gelegt, Katharina in ein weiches, rötliches Handtuch gehüllt und ich habe mich angezogen. Dann sind wir gemeinsam zurück zu unserem Bungalow gegangen und ich habe die ersten Tage meines Wochenbetts angetreten. Das Personal des Resorts kam oft vorbei, um Katharina zu bewundern und mir etwas Frisches zu essen zu bringen und Oli hat mich in allem unterstützt, was ich gebraucht habe und sich viel Zeit für Giulio und Susanna genommen.

Ihr habt die Plazenta erst nach 24 Stunden abgenabelt, also die Nabelschnur durchtrennt. Woher nimmst Du Deine Intuition und Dein Selbstvertrauen, die Dinge so zu tun, wie Du sie für richtig hältst?

Es ist keine große Sache, eine Plazenta einfach dran zu lassen. In dem Moment war es für uns auch das Einfachste. So hatten wir keine Keimverschleppung, keine Blutungsgefahr und Katharina hatte in den ersten Minuten ihres Lebens die wichtige ausgleichende Sauerstoffversorgung durch die Nabelschnur, bis ihre Atmung vollständig angepasst war. Als wir die Nabelschnur am nächsten Tag zusammen mit den Kindern durchtrennt haben, war sie bereits vollständig abgetrocknet und wir haben keine störende Klemme mehr benötigt. Es hat sich alles ganz einfach und natürlich angefühlt und es war niemand da, der mir etwas ausreden wollte. Wir haben nach unserem Gefühl gehandelt und auf Katharinas Reaktionen geachtet. Die sind auch heute noch der beste Parameter, um zu erkennen was ihr gut tut und was nicht.

Du hast erzählt, dass Katharina stark in sich ruht und sehr wenig weint – vielleicht, weil es wenig zu beweinen gibt. Diesen Satz finde ich unglaublich aussagekräftig, denn bei vielen Babys, und auch Mamas, scheint es wirklich so, als würden unter der Geburt Geschehenes noch lange nach der Entbindung beweinen und verarbeiten müssen. Kannst Du Schwangeren, auch wenn sie regulär im Krankenhaus entbinden, Tipps für eine selbstbestimmte Geburt und für mehr Selbstvertrauen in eine natürliche Geburt geben?

Ich bin keine Verfechterin von Alleingeburten und würde keiner Frau dazu raten, ihr Kind alleine im Meer zu bekommen. Diese Verantwortung habe ich nur für mich selbst und für mein Kind getragen und das aus einer langen Vorgeschichte heraus und aus einer behutsam aufgebauten Kommunikation mit meiner Tochter, die ich nur für mich selbst einschätzen kann.

Eine sanfte Geburt ist überall möglich und selbstverständlich auch in einem Krankenhaus. Ich glaube, dass Geburtsvorbereitung alles ist – das Stärken der Intuition der werdenden Mutter, das Fördern ihrer intuitiven Bindung zum Baby, das Wissen um natürliche Prozesse. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel in unserer Gesellschaft, hin zu mehr Vertrauen in die Gebärfähigkeit der Frauen und weg von zu frühen Interventionen, die den Geburtsverlauf empfindlich stören. Medizinische Hilfe ist richtig und wichtig aber wir müssen bewusst mit ihr umgehen. Ein sanfter Start ins Leben für unsere Kinder ist unglaublich wertvoll und hat das Potential die Bindungen innerhalb der Familien zu kräftigen und Frauen lebenslang in ihren Mutterrollen zu stärken. Zum Thema „Geburt im Kreißsaal“ habe ich vor kurzem ein Video mit Tipps für die Schwangeren aufgenommen.

Frei in Verbundenheit lautet Eure Familien- bzw. Lebensphilosophie. Kannst Du erläutern, wie diese Lebensphilosophie Dich, Eure Partnerschaft und Euer Familienleben verändert hat und was Du Dir für die Zukunft wünscht?

Wir haben uns in einem langen Prozess von vielen Abhängigkeiten gelöst, die uns früher sehr eingeengt haben. Jetzt sehen wir sehr klar, was wir damals lange Zeit nur unterschwellig gefühlt hatten. Dass es für unsere Kinder nicht in Ordnung ist, ihren Papa nur abends zu sehen, dass wir zusammen Eltern sein wollen und dass wir als Familienverbund frei leben und lernen wollen. Wir sind unabhängig in unseren Entscheidungen und können unseren Lebensstil jederzeit anpassen. Und auch wenn es oft eine Herausforderung ist, allen Bedürfnissen gerecht zu werden, möchten wir nicht tauschen. Es ist schön, genau jetzt gemeinsam unterwegs zu sein und das Leben mit allen Höhen und Tiefen zu genießen.

Liebe Larissa, ganz herzlichen Dank für dieses anregende Interview. 

Hier geht es zu Larissas Blog „Die Horlachers – Frei in Verbundenheit“ und hier zu Larissas YouTube-Kanal.

© Das Copyright aller in diesem Artikel verwendeter Fotos liegt bei Larissa Horlacher.

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