Lernen ist lesen. Lesen verbindet.


Wochenlang hatte unsere Tochter auf diesen Tag hingefiebert, dann war er endlich da: Im Rahmen eines Erstlesefests in unserer Bücherei bekamen die Schulkinder der 1. Klassen ihren eigenen Büchereiausweis und durften mit diesem Ausweis ihr erstes Buch ausleihen. Glücklich kehrte die Tochter mit einem Tierbuch über Giraffen nach Hause zurück und erzählte den ganzen Mittag von diesem schönen Ausflug. Später am Nachmittag spazierte sie dann allein in die Bücherei, stöberte dort nach Herzenslust in der Leseecke und kehrte, beladen mit CD´s und Büchern, zufrieden nach Hause zurück.

Sprach- und Persönlichkeitsentwicklung

Die glückliche Zufriedenheit unserer kleinen Erstleserin, sich von nun an selbstbestimmt mit eigenem Büchereiausweis die Tür zum eigenständigen Lesen noch ein Stückchen weiter zu öffnen, hat mich beeindruckt. Denn Sprache und (Vor-)Lesen tragen maßgeblich zur Persönlichkeits- und Lernentwicklung der Kinder bei. Frühes Vorlesen, bereits in den ersten Lebenswochen, führt schon bei den Kleinsten zu ersten positiven Rückkopplungen in punkto Kommunikation und Sprache und fördert die Entwicklung geistiger Fähigkeiten. Bücher und Geschichten bieten Raum für Ruhe und Nähe, (vor)lesen fördert nicht nur die Sprachkompetenz des Kindes, sondern auch Phantasie und Kreativität. Die Kinder tauchen in eine andere Welt ein und können den Alltag für einige Zeit komplett ausblenden. Gelesene Geschichten werden wiederum in den Alltag integriert, indem sie, beispielsweise mit Kuscheltieren, nachgespielt oder weiterentwickelt werden. Auch durch Reime und Lieder erlangen Kinder aktiv und dennoch spielerisch den Zugang zur Sprache. Wunderschöne Reim-Bilderbücher wie Henriette Bimmelbahn, Die ganz besonders nette Straßenbahn, Der blaue Autobus und Der kleine Doppeldecker (Autor: James Krüss) sind tolle Vorlesebücher, die wir im Kleinkindalter rauf und runter gelesen haben. Im Kindergarten kamen dann die Reim-Bilderbücher von Axel Scheffler dazu (Pip und Posy, Für Hund und Katz ist auch noch Platz, Superwurm, Der Grüffelo, Stockmann usw.). Doch jedes Kind hat einen individuellen Buchgeschmack. Während die einen gern Märchen oder Abenteuergeschichten hören, lieben andere Kinder Wimmel- oder Was ist Was-Bücher.

Lesenkönnen macht unabhängig

Vorlesen ist wichtig, damit wir unsere Kinder mit Eintritt in die Grundschule motivieren, weiter Fragen zu stellen und sich mit dem Erschließen von Textinhalten und Bildern auseinanderzusetzen. „Was steht da?“, will unsere Tochter seit einigen Wochen von uns wissen und versucht aktiv, Geschriebenes selbst zu lesen bzw. Bilder zu interpretieren, um Geschriebenes besser verstehen zu können. Der Wunsch, endlich allein lesen zu können, beflügelt sie in ihrem Tun. Und der Stolz und die Freude über die ersten selbst gelesenen Sätze zeigt den Kindern: Lesenkönnen macht unabhängig und schafft Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die eigene Selbstständigkeit. Ferner unterstützt es dabei, weitere Kompetenzen, wie eigenständiges Lernen oder Bereitschaft zum aktiven Tun, zu entwickeln.

Lesen verbindet

Wenn ich daran denke, dass die gemeinsame Vorlesezeit in den nächsten Jahren weniger werden und irgendwann enden wird, bin ich ein bisschen traurig. Gleichzeitig freue ich mich aktuell über die ersten selbstgelesenen Sätze unserer Tochter genauso, wie damals über ihre tapsigen ersten Schritte. Doch noch darf ich die gemeinsame Vorlesezeit und die damit verbundenen, vertrauensvollen und innigen Momente genießen. Manchmal gibt es einfach nichts Schöneres, als sich gemütlich in einen Sessel zu kuscheln, Bücher und Bilder zu betrachten, einer Geschichte zu lauschen und sich über das Gelesene auszutauschen. Gemeinsames Lesen verbindet.

Lesen vs. Fernsehen

Sich ganz auf eine Geschichte einlassen zu können, setzt Empathie voraus bzw. schult diese. Denn nur durch Empathie und Mitgefühl ist ein Kind in der Lage, sich in die Empfindungen der Hauptfiguren einer Geschichte einfühlen und die Handlung zusammenhängend begreifen zu können. Von einem Fernsehfilm sind Kinder zwar auch ergriffen, begreifen ihn aber noch nicht. Das Begreifen setzt erst ab einem Alter von circa acht Jahren ein. Fernsehen fördert weder die Phantasie noch die geistige Aktivität, da es fertige Inhalte zum Konsum vorsetzt. Das Entwickeln eigener Vorstellungen ist dem Kind nicht möglich. Ferner üben Kinder, die viel fernsehen, kein Sozialverhalten, denn während eines Films finden keine Gespräche, keine Bewegung, kein aktiver Austausch statt. Ein echtes Pferd zu streicheln bleibt eben doch ein eindrücklicheres Erlebnis, als ein Pferd auf dem Bildschirm zu sehen. Natürlich wird auch bei uns ferngesehen, wobei wir uns bemühen, die Dauer auf 30 Minuten pro Tag zu beschränken. Bei uns existiert übrigens kein Fernsehverbot als Strafe bzw. Druckmittel, denn ich denke, dann würde dem Thema Fernsehen ein zu exponierter Stellenwert eingeräumt werden. Auch vermeiden wir es, den Fernseher einzuschalten, wenn unserer Tochter eigenen Aussagen nach „sooo langweilig“ ist. Denn aus der größten Langeweile entwickelt sich meist unverhofft das schönste Spiel. Und ansonsten ist Vorlesen natürlich immer ein gutes Mittel gegen Langeweile.

Mehr Infos zum Thema Vorlesen, zu Studien und Leseempfehlungen findet Ihr auf der Seite von www.lesen-in-deutschland.de.

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