Eltern sollten Schatzsucher werden


„Fördern ist das Schlimmste, das man machen kann.“

Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther schwimmt mit seinen Thesen rund ums Lernen gegen den Strom. Ein Interview über Intelligenzförderung, geführt von der Journalistin Barbara Kluger.

Herr Hüther, was ist Intelligenz?
Gerald Hüther: Zunächst müssen wir uns selbst daran erinnern, dass es nicht nur die analytische Intelligenz gibt, die mithilfe des IQ gemessen wird. Die ist eine sehr kognitive Angelegenheit, die wichtig ist, aber im vergangenen Jahrhundert stark überschätzt wurde. Inzwischen wissen wir, dass es verschiedene Ebenen der Intelligenz gibt und dass man sie alle gleichsam entwickeln muss, damit das Kind seinen Weg ins Leben findet und sein Leben erfolgreich gestalten kann.

Welche Ebenen sind das?

Die körperliche, die kommunikative und die emotionale Intelligenz.

Was können Eltern tun, um Kindern bei ihrer Intelligenzentwicklung zu helfen?
Intelligenz an sich kann man nicht entwickeln, Intelligenz entwickelt das Kind ganz von allein. Die Eltern müssen nur aufpassen, dass das nicht in die falsche Richtung geht.

Wie kann man seine Kinder dennoch fördern?
Das Schlimmste, das man machen kann, ist, das Kind zum Objekt einer Fördermaßnahme zu machen. Wenn ich versuche, dem Kind etwas beizubringen, dann ist das von vornherein zum Scheitern verurteilt. Mit jeglichem Versuch, dem Kind von außen etwas aufzuzwingen, geht die innere Lust am Lernen, Gestalten und Entdecken verloren und wird im Keim erstickt. Das passiert vielen Eltern, ohne dass sie das wollen.

Ist Fördern denn an sich etwas Schlechtes?
Man muss darüber nachdenken, ob es eine gute Idee ist, dass wir unsere Kinder ständig fördern wollen. Besser wäre doch, wenn Eltern sich eher als Schatzsucher denn als Förderer ihrer Kinder sehen. Damit begeben sie sich auf eine Entdeckungsreise. Das Beste für das Kind ist das freie, unbekümmerte Spielen. Dabei sucht es sich das heraus, was es gut kann – und darin muss man Kinder stärken. Es ist nicht eine Form der Intelligenz besser als die anderen. Es ist genauso toll und gut, wenn ein Kind sich körperlich so gut entwickelt, dass es gut auf Bäume kraxelt.

Also besser keine Fördermaßnahmen?
Kinder sind keine Objekte, sie haben es verdient, dass wir ihnen die Schönheit der Welt zeigen und dass sie sich mit der Schönheit verbunden fühlen. Nur dann können sie sich später um die Welt kümmern. Es ist die subjektive Bedeutsamkeit, die das Kind dazu bringt, sich weiterzuentwickeln. Andernfalls kommen Menschen heraus, die ihre Ziele nur auf Kosten der anderen durchsetzen, weil sie nie erfahren haben, dass sie um ihrer selbst willen geliebt werden.

Dennoch kommt mit der Einschulung der Zeitpunkt, an dem vom Kind erwartet wird, dass es gewisse Fertigkeiten wie Lesen und Rechnen beherrschen lernt. 
Möglicherweise ist die Vorstellung falsch, dass man Kindern etwas beibringen muss. Eltern sollten sich fragen: Wie hat das Kind das Allerschwerste gelernt, nämlich Sprechen und Laufen? Da war auch keine Schule da!

Was wäre der beste Weg, um Kleinkinder auf die Schule und aufs Leben vorzubereiten?
Wir wissen doch überhaupt nicht, was Kinder, die heute in die Schule gehen, in 20 Jahren brauchen. Die Freude am Lernen darf ihnen aber auf keinen Fall verloren gehen – dafür müssen Eltern sorgen, so gut es geht. Erklärungen unterdrücken jede Freude am Lernen. Gemäß einer jüdischen Tradition sollten wir versuchen, unsere Kinder so lange wie möglich im Fragemodus zu behalten.

Also die berühmte „Warum-Phase“ so lange wie möglich hinauszögern?
So geht das Lernen nicht verloren. Das Ziel wäre, ein Kind so großzuziehen, dass es Fragen hat. Nur so kann es sich Wissen aneignen. Kinder, die aufgehört haben, zu fragen, sind lerntot!

Quelle: www.kleinezeitung.at, Autorin: Barbara Kluger, 24.11. 2016

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Mehr Informationen über Gerald Hüther gibt es hier.

 

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