„Da war nur noch eins: Erschöpfung und Traurigkeit.“


Nicht jede Mutter kann ihr Kind nach der Geburt annehmen und bedingungslos lieben. Vielen Mamas fällt es unendlich schwer, in einen geregelten Alltag mit Baby zu finden und die Strapazen der Entbindung zu verarbeiten. Silke erzählt von ihren schweren Monaten nach der Geburt ihres Sohnes Benjamin. Und von ihrem Weg, ihr neues Leben und ihr Kind anzunehmen. 

Liebe Silke, Traurigkeit und Verzweiflung bestimmten nach der Geburt Eures ersten Kindes Deinen Alltag und machten Dir den Einstieg in Euer Familienleben alles andere als einfach. Wie verlief Deine Schwangerschaft und wie hast Du Dich als werdende Mutter gefühlt?

Silke: Benjamin war unser Wunschkind und als wir erfuhren, dass ich schwanger bin, waren wir sehr glücklich. Ich hatte eine schöne, entspannte Schwangerschaft, mir ging es emotional und körperlich sehr gut. Unser Baby war stets gesund und aktiv im Bauch. Ich hatte zwar ein paar mehr Pfunde als erwartet zugenommen, aber damit konnte ich leben.

Benjamins Geburt verlief leider nicht ganz so glücklich. Die Hebamme, die uns im Kreißsaal betreute, war wenig liebevoll und legte eine Hau-Ruck-Mentalität an den Tag, nach dem Motto: „Da müssen Sie jetzt durch.“ Die Geburt schritt nur sehr langsam voran. Selbst die Presswehen setzten immer wieder aus und nach 18 Stunden war ich am Ende meiner Kräfte. Die Ärzte entschieden, einen Notkaiserschnitt durchzuführen. Eigentlich hatte ich nie gewollt, dass unser Baby auf diesem Weg geboren wird. Benjamin wurde um 20.52 Uhr per Kaiserschnitt auf die Welt geholt, er war gesund und munter. Mein Mann Markus war dabei, als unser Sohn gemessen, gewogen und untersucht wurde. Ich bekam das alles nur durch einen Nebel mit. Zu tief saß der Schock über die Notoperation bzw. über die ganze Situation rund um die Geburt. Nach den Untersuchungen wurde mir Benjamin auf die Brust gelegt. Doch das Stillen war mir körperlich fast schon unangenehm und ich musste an mich halten, um Benjamin nicht von meiner Brust zu stoßen. Ich sehnte mich nach Schlaf und Ruhe und war froh, als ich nach Mitternacht auf meinem Zimmer war.

Wie sah der nächste Morgen aus?

Silke: Als ich die Augen aufschlug, fiel mein erster Blick auf das Beistellbettchen mit Benjamin darin. Bewegungslos blieb ich liegen und versuchte zu begreifen, dass dieses rosige, hilflose Bündel tatsächlich mein Baby war. Und ich verspürte eine regelrechte Angst, dass dieses Baby bald aufwachen und nach mir verlangen würde. Obwohl es noch früh war, stand Markus bald darauf im Türrahmen und nahm Benjamin sogleich aus dem Bettchen. „Bist Du verrückt!“, fuhr ich ihn an. „Er schläft doch!“ Markus jedoch schien in seiner Euphorie völlig selbstsicher und die Berührungsängste, die ich verspürte, waren für ihn kein Thema. Ich fühlte mich wie gerädert, die Kaiserschnittnarbe brannte und ich konnte nicht alleine aufstehen. Meine Brust war geschwollen und heiß. Die Krankenschwester zeigte mir Massagetechniken, um den Milchfluss anzuregen. Die Schmerzen waren höllisch, das Stillen klappte einigermaßen, war für mich jedoch eine einzige Tortur. Die Visite kam und es stellte sich heraus, dass sich meine Narbe leicht entzündet hatte. Ich hatte erhöhte Temperatur und sollte präventiv ein Antibiotikum erhalten. Die schmerzende Narbe, die schmerzende Brust, das Bedürfnis nach Ruhe, Schlaf und Erholung dominierten diese ersten Stunden als frischgebackene Mama.

Am nächsten Tag hatten sich meine Entzündungswerte verschlechtert. Ich wurde auf ein anderes Antibiotikum umgestellt. Ich war fast dankbar, dass sich die Narbe entzündet hatte, verschaffte mir dies in meinen Augen doch eine kleine Verschnaufpause. So hatte jeder Verständnis dafür, dass ich mich nur teilweise um Benjamin kümmern konnte. Die Ärzte versicherten mir, dass ich trotz Einnahme des neuen Antibiotikums weiterhin stillen könne. Doch ich verwies auf mögliche, unbekannte Nebenwirkungen für unser Kind. Die Aussicht, das mir körperlich so unangenehme Stillthema auf diesem in meinen Augen argumentativ gut untermauerten Weg abhaken zu können, machte mich regelrecht froh.

Gab es in dieser Situation niemanden, der Dir hätte Mut zusprechen und Dich bezüglich des Stillens einfühlsamer hätte anleiten können? Denn das Stillen ist ja ein starker Bindungsfaktor zwischen Mutter und Kind.

Silke: Die Krankenschwestern und auch die Ärztin waren natürlich sehr hinterher, dass ich nicht abstillte. Doch je mehr in guter Absicht auf mich eingeredet wurde, umso mehr zog ich mich in mein Schneckenhaus zurück. Zum Glück akzeptierte Benjamin das Fläschchen problemlos. Ich erhielt Tabletten zum Abstillen. Nachdem der Druck des „Stillen-Müssens“ von mir genommen war, wurde ich emotional etwas zugänglicher. Nach drei Tagen ging es mir auch körperlich besser und ich konnte aufstehen und duschen. Nach einer Woche wurden wir aus dem Krankenhaus entlassen. Am letzten Tag hatte eine Kinderkrankenschwester Dienst, die ich noch nicht kannte. Ohne besonderen Anlass nahm sie mich in die Arme und sagte, dass ich mir Zeit lassen solle. Ich gehöre eben einfach zu den Frauen, die nach der Geburt der sogenannte Babyblues erwischt hat. Sie garantierte mir, dass dieser in ein paar Tagen komplett verschwunden sei. Das war das erste Mal, dass ich einen regelrechten Weinkrampf bekam. Ich heulte sicherlich eine halbe Stunde lang, danach ging es mir etwas besser. Als Markus kam, war ich einigermaßen zuversichtlich. Wir packten unsere Sachen und fuhren nach Hause.

Wie waren die ersten Schritte in Euer gemeinsames Familienleben außerhalb des Krankenhauses?

Silke: Eigentlich sehr schön, denn unsere Familie hatte ein Willkommensplakat aufgehängt und eine Wäscheleine mit Babysachen über die Straße gespannt. Freunde hatten Kuchen gebacken und sogar Essen vorgekocht und für uns eingefroren. Die Nachbarn kamen und gratulierten. Für mich war das zu viel des Guten und ich war froh, als wir die Tür hinter uns schließen konnten. Dabei war Benjamin die ganze Zeit über sehr lieb und ruhig.

An unserem ersten Abend zu Hause vergoss ich bittere Tränen. Ich sagte mir immer wieder, dass es nun aufwärts geht, aber es half nichts. Ich war überempfindlich und reizbar, wusste selber gar nicht genau, warum. Markus hatte Urlaub, wimmelte in den nächsten Tagen auf meinen Wunsch die meisten Anrufer und Besucher ab. Er wusch die Wäsche, erledigte die Einkäufe. Benjamin schlief viel und ich musste ihm von Anfang an nur ein- bis zweimal nachts das Fläschchen geben. Trotzdem wollte sich in mir keine Freude an meinem Kind und an meiner Rolle als Mutter einstellen. Anders bei Markus, der sich kaum von Benjamin losreißen konnte, Spaziergänge mit ihm machte und sein Vater-Glück genoss.

Hast Du bereits zu diesem Zeitpunkt bemerkt, dass da etwas aus dem Ruder laufen könnte?

Silke: Nein, ich habe das nicht gemerkt. Die Geburt lag zwei Wochen zurück und ich hatte gehört, dass es anderen Müttern ähnlich ging und man sich in das neue Leben mit Baby eben erst einfinden muss. Vor meinem Mutterschutz war ich beruflich sehr engagiert gewesen. Ich liebte meine Arbeit und die damit verbundene Unabhängigkeit, hatte mich in meinem Job nach der Ausbildung Stück für Stück hochgearbeitet und war mittlerweile die rechte Hand meines Chefs. Ich dachte, es sei normal, dass ich so gereizt war und dass ich mich eben erst daran gewöhnen müsse, nicht mehr selbstbestimmt meinen Tag zu gestalten, mich fürs Büro schick zu machen, abends etwas mit Markus zu unternehmen. Jetzt gingen die Uhren eben anders und das hatte ich mir ja auch so gewünscht. Doch sogar wenn Benjamin schlief, bekam ich nichts auf die Reihe. Mir fehlte die Kraft, meine freie Zeit sinnvoll zu nutzen. Nachts schlief ich schlecht, war dauernd wach. Tagsüber hatte ich Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren, war müde. Kaum dachte ich über Aktivitäten oder Erledigungen nach, herrschte in meinem Kopf ein großes Durcheinander. Ständig hatte ich Kopfschmerzen. Ich kam kaum vom Sofa hoch und war froh, dass Benjamin viel schlief. Ich beobachtete ihn und wünschte mir, er würde nie wieder aufwachen. Ist das nicht furchtbar? Ich schäme mich heute sehr für diese Gedanken.

Wie gestalteten sich die nächsten Tage und Wochen für Dich, nachdem es Dir emotional so schlecht ging?

Silke: Ich saß primär zu Hause. Besucher wimmelte ich ab. Immerhin schaffte ich es, mit Benjamin im Kinderwagen täglich vor die Tür zu gehen. Aber nur, wenn ich wusste, dass Schlafenszeit war und er sowieso bald einnicken würde. Ich konnte unheimlich schlecht damit umgehen, wenn Benjamin schrie. Deshalb versuchte ich, alle Schrei-Situationen zu umgehen. Dass ich aus meiner Unsicherheit heraus selbst den kleinsten Gang zum Supermarkt von Benjamin abhängig machte, machte mich schlussendlich noch wütender und verzweifelter.

Seit dem letzten Krankenhaustag hatte ich relativ regelmäßig Weinkrämpfe. Diese tauchten aus dem Nichts auf, vor allem natürlich an Tagen, an denen Benjamin nicht ganz so gut drauf war. Weinte er, fiel ich gleich hilflos mit ein. Aber eigentlich war das Weinen nicht mein primäres Problem. Viel schlimmer war diese völlige Antriebslosigkeit. Und natürlich war ich auch traurig. Denn immer mehr stellte ich fest, dass irgendetwas bei mir nicht stimmte. Die anderen Mütter aus dem Geburtsvorbereitungskurs waren sehr aktiv, trafen sich auf dem Spielplatz, hatten zusammen den Kurs zur Rückbildungsgymnastik besucht, waren bei der Babymassage gewesen, verabredeten sich einmal pro Woche gemeinsam mit ihren Kindern. Bei ihnen lief auch nicht alles rund, aber dennoch taten sie einfach etwas, tauschten sich aus. Selbst das erschien mir zu mühsam. Und da dämmerte mir langsam, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Gab es jemanden, mit dem Du Dich vertrauensvoll austauschen und Deine Sorgen besprechen konntest?

Silke: Nach knapp zwei Monaten unterhielt ich mich zufällig mit meiner Hebamme über meine Situation. Ich hatte ihr vor der Entbindung erzählt, dass wir nach dem ersten Baby bestimmt bald ein zweites Kind erwarten würden. Als sie mich nach unseren Plänen bezüglich des weiteren Nachwuchses fragte, brach ich in Tränen aus. Nach und nach berichtete ich ihr von meinem trostlosen Alltag, von meiner Müdigkeit, meiner Antriebslosigkeit. Die Hebamme war sehr verständnisvoll und klärte mich darüber auf, dass viele Mütter in einer ähnlichen Situation stecken und nicht nur unter dem bekannten Babyblues, sondern unter einer sogenannten peripartalen bzw. postpartalen Depression leiden. Und dass dies oft körperliche, hormonelle oder genetische Ursachen hat und nichts darüber aussagt, ob man eine gute oder schlechte Mutter ist. Als erste Einschätzung diente der Hebamme die Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale (EPDS), die man auch aus dem Internet ausdrucken kann. Ich hatte im Testergebnis eine ziemlich hohe Punktzahl, was mich nicht überraschte. Einen ausführlicheren Fragebogen zur peripartalen bzw. postpartalen Erkrankung gibt es übrigens unter www.schatten-und-licht.de, einer tollen Seite zum Thema Krise rund um die Geburt. Die Informationen auf dieser Seite haben mir sehr geholfen. Ich fand mich bei vielen Merkmalen, die solche eine Depression ausmachen, wieder.

Kam die Erkenntnis, dass Du eventuell unter einer peripartalen Depression leidest einem Befreiungsschlag gleich?

Silke: Absolut. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Wir sprachen über mich als Person und darüber, was mein „früheres Leben“ ausgemacht hat und worüber ich mich definiert habe. Mir ging auf, dass ich sehr anspruchsvoll gewesen war. Mein Sport sowie meine überdurchschnittliche Arbeitsleistung im Beruf waren mir wahrscheinlich wichtiger gewesen, als ich mir dies jemals eingestanden hatte. Hinzu kam das brachiale Geburtserlebnis, das ich nicht verarbeitet hatte. Als ich der Hebamme meinen Schock und meine Hilflosigkeit, die ich unter der Geburt empfunden hatte, schilderte, weinte ich vor Wut, Trauer und Erkenntnis gleichermaßen. Die Hebamme riet mir, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, und gab mir Adressen von psychosozialen Beratungsstellen.

In der darauffolgenden Woche ließ ich bei meinem Hausarzt außerdem einen Hormon-Check durchführen und beim Endokrinologen meine Schilddrüse untersuchen. Alle Ergebnisse waren ohne Befund, mein Körper war gesund. In einem langen, sehr persönlichen Gespräch empfahl mir mein Hausarzt die Einnahme eines Anti-Depressivums. Dieses Stichwort schreckte mich jedoch ab. Ich wollte mir erst einmal in einem ambulanten Beratungsgespräch über meine Situation klar werden, bevor ich den Griff zu starken Medikamenten tat. Insgesamt war ich nach dem Gespräch mit meinem Hausarzt voller Tatendrang, dachte vorwärts gerichtet. Das hatte ich in dieser Form schon lang nicht mehr erlebt.

Welche Perspektiven eröffnete Dir das ambulante Beratungsgespräch?

Silke: Bevor ich dieses in Angriff nehmen konnte, gab es leider einen Rückschlag. Ich wurde krank und bekam eine Angina mit hohem Fieber. Es begann genau an dem Morgen, als Markus zu einer einwöchigen Geschäftsreise in die USA flog. Innerhalb weniger Stunden war ich völlig außer Gefecht gesetzt, hatte außerdem starke Kreislaufprobleme. Eine Woche allein mit Benjamin, ohne meinen sicheren Hafen Markus – kein Wunder, dass Psyche und Körper streikten.

Meine Schwester, die selbst zwei Kinder hat, hatte Urlaub und setzte sich sofort ins Auto, um mich zu besuchen. Das rechne ich ihr bis heute hoch an, denn sie wohnt knapp 200 km entfernt. Meine Schwester versorgte Benjamin und blieb sogar über Nacht, während sich ihr Mann zu Hause um die Kinder kümmerte. Am nächsten Morgen, einem Dienstag, fuhr mich meine Schwester zum Arzt, der mir Bettruhe und ein Antibiotikum verordnete. Verena überredete mich, Benjamin mit zu sich nach Oldenburg zu nehmen. So konnte ich mich erholen. Dass unser Sohn bei ihr in besten Händen war, wusste ich einfach und konnte mich ohne Bedenken von ihm trennen. Wir verabredeten, dass ich Benjamin spätestens am Wochenende bei Verena abholen sollte.

Am Samstagmorgen war ich einigermaßen wiederhergestellt, wenngleich noch ziemlich zittrig. Alles in mir sträubte sich, Benjamin abzuholen. Ich wusste natürlich, dass ich ihn nicht unbegrenzt bei meiner Schwester lassen konnte. Doch die Vorstellung, in wenigen Stunden wieder die Mutterrolle erfüllen zu müssen, ließ mich immer passiver werden. Ich telefonierte mit Verena und verabredete, dass ich am Sonntag gegen Mittag in Oldenburg sein würde, um Benjamin abzuholen.

Hast Du Deinen Sohn abgeholt?

Silke: Nein, das habe ich nicht. Ich habe stattdessen etwas ganz und gar Abwegiges getan. Ich habe mein Telefon leise gestellt und mich den ganzen Sonntag ins Bett gelegt. Aus heutiger Sicht unfassbar. Am frühen Abend klingelte es. Meine Schwester stand mit Benjamin vor der Tür. Sie war natürlich total sauer und besorgt und machte mir eine ziemliche Szene. Das holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück und ich schämte mich entsetzlich. Gleichzeitig begriff ich: Das war der letzte Warnschuss. Ich musste mich sofort um meine emotionale Genesung kümmern, wenn ich meine kleine Familie nicht noch mehr belasten wollte.

Als Markus am übernächsten Tag von seiner Geschäftsreise zurückkehrte, erzählte ich ihm erst einmal nichts von diesem Vorfall. Aber ich vereinbarte am selben Tag einen Termin bei einer psychosozialen Beratungsstelle. Nur zwei Tage später hatte ich mein erstes Beratungsgespräch, da ein anderer Patient abgesagt hatte. Normalerweise hätte ich zwei bis drei Wochen auf diesen Termin warten müssen. Aber es hat irgendwie so sein sollen, dass ich die Sache sofort anpacke.

Wie verlief Dein erster Termin bei der psychosozialen Beratungsstelle?

Silke: Die Psychologin hat gar nicht viel gesagt oder gefragt, sondern hat mich erzählen lassen. Und ich habe einfach nur geweint. Geweint um die in meinen Augen unwiederbringlich verlorenen, kostbaren ersten Momente und Wochen mit meinem Baby. Und tatsächlich habe ich um mich geweint. Ich war nun Mutter, hatte ein Kind. Mein altes, selbstbestimmtes Leben würde ich nicht mehr zurückbekommen. Damit musste ich erst einmal fertig werden, musste diese Tatsache regelrecht betrauern. Ich kam mir anfänglich blöd dabei vor, aber die Psychologin bestärkte mich darin, genau diese Emotionen und das Weinen um mich selbst zu zulassen.

In späteren Sitzungen stellte sich des Weiteren heraus, dass die mangelnde Selbstbestimmung unter der Geburt ein traumatisches Erlebnis für mich gewesen ist. Ich bin bis dato ein sehr selbstbestimmter Mensch gewesen, der in seinem Leben wahrscheinlich über noch nichts oder noch nicht viel die Kontrolle verloren hat. Hier aber hatte ich die Kontrolle an der Tür des Kreißsaals abgegeben und erhielt sie auch nach der Geburt nicht mehr zurück. Denn ab diesem Zeitpunkt war mein Kind ja die Nummer eins und ich musste meine Bedürfnisse zurückstellen.

Zusätzlich wurde ich durch die Geburt Benjamins mit eigenen Themen meiner Vergangenheit konfrontiert, denn ich bin ein Adoptivkind. Durch die Geburt wurde dieses alte Thema, diese alte Wunde, wieder aufgerissen. Für mich schließt sich hier der Kreis: Ich konnte Benjamin sicherlich ein stückweit nicht annehmen, weil ich mich selbst von meiner leiblichen Mutter nicht angenommen gefühlt hatte. Um diese Thematik aufzuarbeiten, bin ich momentan immer noch in einer Gesprächstherapie. Bezüglich Benjamin und meiner Mutterrolle merkte ich nach wenigen Sitzungen, wie sich der Knoten langsam zu lösen begann.

Wie sahen diese kleinen Fortschritte aus, als der Knoten sich löste?

Silke: Viele Dinge wurden leichter, da ich nun ein ganz anderes Wissen über mich selbst hatte. Ich gestand mir Fehler zu. Ich gestattete mir, immer wieder über mich und meine Vergangenheit, meine leibliche Mutter bzw. meine leiblichen Eltern und mein neues Leben mit Baby nachzudenken. Ich begann, meine Empfindungen aufzuschreiben. Sich daraus ergebene Gedanken und Fragen notierte ich und besprach sie mit meiner Therapeutin. Ich fing an, offener mit Markus zu reden und die Dinge nicht mehr mit mir selbst auszumachen.

Natürlich wurde nicht alles von einem auf den anderen Tag gut. Nach wie vor hatte ich damit zu kämpfen, meine eigenen Wünsche und Interessen zurückstellen zu müssen. Sehr stark musste ich auch daran arbeiten, Benjamin gegenüber empathisch zu sein und seine Bedürfnisse oder sein Schreien nicht als Belastung zu empfinden und ihn links liegen zu lassen, wenn er nicht so funktionierte, wie ich es wollte. Schritt für Schritt begann ich, die Tage mit Benjamin zu genießen. Ich machte tägliche Spaziergänge, ging manchmal mit ihm zum Schwimmen. Und ganz langsam freundete ich mich mit meinem neuen Leben und meiner Mutterrolle an. Meine Schwiegermutter kam einmal pro Woche zu uns und kümmerte sich um Benjamin. Ich akzeptierte, dass ich nicht immer einen Kuchen gebacken und die Wohnung perfekt geputzt haben musste, wenn Besuch kam. Und ich akzeptierte auch immer mehr, dass mein Sohn an erster Stelle steht und nicht mein Sport oder mein Job, über den ich viel persönliche Anerkennung gewonnen hatte.

Eigentlich wolltest Du nach einem halben Jahr Elternzeit wieder in Deinen Job einsteigen. Wie reagierte Dein Chef auf die Verschiebung Deiner Prioritäten?

Silke: Erstaunlicherweise relativ verständnisvoll. Ich war ja noch voll und ganz mit meiner Selbstfindung beschäftigt und hatte noch nicht einmal damit begonnen, nach einer Tagesmutter oder einem Kita-Platz für Benjamin zu suchen. Ich erzählte meinem Chef nichts von unseren turbulenten vergangenen Monaten und meiner Erkrankung. Aber ich sagte ihm, dass ich nicht wie geplant nach einem halben Jahr in Teilzeit in meinen Job zurückkehren würde. Wir verabredeten, meine Elternzeit auf zwölf Monate zu verlängern, was glücklicherweise problemlos möglich war. So konnte ich mich weiterhin ganz in Ruhe auf Benjamin und auf meine Gesprächstherapie konzentrieren.

Hast Du parallel zu Deiner Gesprächstherapie auch weitere Hilfsangebote in Anspruch genommen?

Silke: Nachdem die Erkenntnis da war, ja, ich leide unter einer peripartalen Depression, begann ich zu recherchieren. Zu Beginn habe ich mich über das Forum von Schatten & Licht intensiv mit anderen Betroffenen ausgetauscht. Die zeitliche Flexibilität, online zu gehen, wann ich es möchte, und nicht an feste Termine, beispielsweise einer Selbsthilfegruppe, gebunden zu sein, fand ich sehr praktisch. Auch die Anonymität des Forums empfand ich als angenehm. Da ich über die psychosoziale Beratungsstelle mit einer so einfühlsamen, tollen Psychologin in regelmäßigem Austausch stand, habe ich keine weiteren Gesprächsangebote in Anspruch genommen. Hätte meine Psychologin allerdings eine Notwendigkeit gesehen, weitere Maßnahmen, sprich andere Therapieformen, in Angriff zu nehmen, hätte ich darüber natürlich nachgedacht. Doch Gott sei Dank war es nicht nötig, dass ich in eine Tagesklinik gehe oder eine stationäre Therapie mache und mich begleitend mit Anti-Depressiva behandeln lasse. Da ich ein Mensch bin, der sehr viel Kraft aus Gesprächen und gedanklicher Reflexion schöpft, hatte ich das Gefühl, dass ich mit der Gesprächstherapie gut aufgestellt bin, was sich als richtig herausstellte. Begleitend habe ich eine Heilpraktikerin aufgesucht, die mich mit homöopathischen Mitteln unterstützte, damit ich ausgeglichener bin. Spannend war auch ein zweitägiges Seminar zum Thema gewaltfreie Kommunikation, das ich mit Markus besuchte, denn unser Umgangston hatte sich doch ziemlich verschärft. Das Seminar hat uns vermittelt, anders miteinander zu kommunizieren und mehr Verständnis für die Bedürfnisse des anderen zu haben. Ich konnte nun wieder viel freundlicher auf Markus zugehen, was mich freute. Denn ihm, der in allen schwierigen Situationen gelassen und einfühlsam geblieben ist, verdanke ich sehr viel.

Wie schnell konntest Du ein einigermaßen glückliches, normales Leben als Mutter führen?

Silke: Das hat schon länger gedauert. Als Benjamin knapp drei Monate alt war, startete ich die Gesprächstherapie. Diese half mir einerseits relativ schnell, aber es war natürlich nicht so, dass ich nach der ersten Sitzung nach Hause kam und wie von Zauberhand die Rolle der entspannten, liebenden Mutter innehatte. Was sofort besser wurde, waren meine Schlafstörungen. Und auch die Traurigkeit wurde rasch weniger. Mit meiner Antriebslosigkeit hatte ich die nächsten Monate noch ziemlich zu kämpfen. Ich musste mich oft zwingen, vor die Tür zu gehen.

Über eine Mutter aus der Nachbarschaft entdeckte ich das Babyschwimmen. Und ich begann, auf Anraten meiner Therapeutin, eine Art Wochenplan zu machen. Montags besuchte ich die Nachbarin mit ihrem gleichaltrigen Sohn, dienstags war Schwimmtag, mittwochs ging ich häufig mit Benjamin in den Tierpark und wir holten Markus anschließend von der Arbeit ab. Donnerstag war mein freier Abend und ich ging zum Yoga. Und samstags oder sonntags luden wir die Nachbarin mit Kind ein oder wir verabredeten uns zu gemeinsamen Aktivitäten. So kam ich ganz langsam in Schwung. Mit dem Ergebnis, dass ich nach einem halben Jahr einige neue Bekannte gewonnen hatte und wir sogar in eine Baby-Musikgruppe gingen. Angemerkt sei an dieser Stelle trotzdem, dass mich das alles viel Kraft kostete. Morgens wünschte ich mir oft nichts sehnlicher, als im Bett liegen zu bleiben. Dieses Gefühl habe ich bis heute häufig. Und ich habe sicherlich immer noch die Neigung, mich zurückzuziehen. Mittlerweile weiß ich, dass dieses Verhalten zu mir gehört. Und ich weiß, dass ich an solchen Tagen am besten nur kleine Schritte mache und nicht zu viel von mir selbst erwarte. Indem ich mir selbst den Druck nehme, funktionieren zu müssen, komme ich besser durch Tage, an denen es mir nicht so gut geht. Durch meine Gesprächstherapie wurde mir nochmals klarer, dass ich auch an schlechten Tagen Disziplin beweisen und um Benjamins Willen strukturiert in den Tag starten muss. Auch wenn mich das Überwindung und Kraft kostet.

Wenn Du an Eure Zukunft denkst, was geht Dir durch den Kopf? Wie sehen Deine Wünsche, Deine Träume aus?

Silke: Ich bin einfach froh, dass alles gerade gut läuft, nachdem die ersten Monate ziemlich hart waren, und will gar nicht so weit in die Zukunft blicken. Meine Erkrankung hat gezeigt, wie schnell sich die Dinge ändern können. Markus hätte sicherlich gern ein zweites Kind. Aber momentan kommt das nicht in Frage, darüber sind wir uns einig. Denn im Augenblick sind meine Ängste noch zu groß. Ich habe Sorge, dass ein zweites Kind mich in meiner Stabilität zurückwerfen könnte. Wer weiß, ob ich nicht wieder in ein Loch fallen würde. Wobei ich eine erneute depressive Verstimmung wahrscheinlich ganz anders erkennen und viel schneller gegen sie angehen würde. Auch freue ich mich darauf, bald wieder arbeiten zu gehen. Wir haben für Benjamin eine liebevolle Tagesmutter gefunden, zu der er dreimal pro Woche für je vier Stunden gehen wird. Ich möchte erst einmal wieder einige Zeit im Job sein, bevor ich an ein zweites Kind denke. Die nächsten Wochen bis zu meinem Wiedereinstieg genieße ich noch mit Benjamin zu Hause. Ein Stück weit ist er meine beste Therapie. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

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