Berlin.


Nein, meine Tochter (5) hat mich nicht gefragt. Dennoch habe ich ihr heute Morgen erzählt, was mich bewegt, nachdem ich bis 1 Uhr die Berichterstattung aus Berlin verfolgt habe und um fünf Uhr wieder wach war.

Was kann ich meinem Kind an Informationen zumuten? Wie erkläre ich meinem Kind, das ich zu Toleranz und vorurteilsfreiem Denken erziehen möchte, was da geschehen ist und mit welchem Hintergrund? Wie berichte ich zum einen wertfrei und zum anderen kindgerecht von dieser schrecklichen Tat?

Wenn unsere Tochter in der Vergangenheit Fragen zu nicht ganz einfachen Themen stellte, erhielt sie immer ehrliche Antworten. Wohldosiert, aber eben Antworten. Ja, wir sterben alle einmal. Nein, ich weiß nicht genau, ob der Opa wirklich vom Himmel auf uns herab blickt. Denn ich weiß nicht einmal mit Sicherheit, ob es tatsächlich einen Himmel gibt. Aber ich nehme es stark an. Und ich glaube ganz fest daran, dass wir uns alle im Himmel wiedersehen werden.

Der heutige Morgen. Es drängte mich schnell und heimlich vor den Fernseher. Berlin. Ich wollte wissen, was sich in den letzten Stunden ereignet hatte. Musste zum Taschentuch greifen, als ich in der Endlosschleife den demolierten LKW sah, an dem noch die Weihnachtsdeko der zusammengefahrenen Buden hing und unter dem Menschen lagen. Meine Tochter registrierte meine Unruhe natürlich sofort. Was denn da passiert sei, fragte sie. „Oh Mama, war da wieder einer zu blöd zum Autofahren? Über die schimpfst Du doch immer.“

Man wisse noch nicht genau, was geschehen sei, erkläre ich. Zwölf Menschen sind gestorben, als sie von einem LKW erfasst wurden. Leider sei es wohl so, dass der LKW mit Absicht in die Menschen gefahren sei.

Große Augen meiner Tochter. Wirklich absichtlich?

Ich entschließe mich, meine Erklärung ehrlich aber weitläufig zu halten. Ohne Schlagworte wie Krieg, Anschläge, IS. Keine Lobby für den Terror, nicht in unseren vier Wänden. Ich erkläre, dass eigentlich alle Menschen auf der Erde friedlich zusammenleben möchten. Und dass das eigentlich auch ganz gut klappt. Manchmal gibt es Streit, klar, so wie im Kindergarten auch. Aber nach kurzer Zeit ist meistens alles wieder in Ordnung. Leider gibt es auf der Welt einige wenige Menschen, die diesen Frieden stören wollen. Warum auch immer. Vielleicht, weil sie selbst unglücklich sind oder weil sie nicht verstanden haben, dass Freundschaft besser ist als Streit. Solche Menschen denken sich manchmal schreckliche Dinge aus, um die anderen, glücklichen Menschen in ihrem Frieden zu stören.

„Deshalb warst Du vorhin auch traurig, oder Mama?“ Ganz genau. Und wir dürfen trauern. Trauern um die Menschen die in Berlin, und anderswo auf der Welt, unnötig gestorben sind. Trauern um uns selbst. Um unsere Versehrtheit. Denn jetzt gehören wir auch dazu. Deutschland. Berlin. Reihen uns ein in die Vielzahl der Länder, deren Namen beinahe täglich um die Welt gehen. Denn die Welt geht nicht immer nur am anderen Ende unter. Manchmal passieren auch vor der Haustür Dinge, die uns traurig machen. Weil sie unfassbar sind. Und weil wir keinen Einfluss auf sie nehmen können. Weinen erlaubt. Ausdrücklich.

„Mama, können wir jetzt noch auf den Weihnachtsmarkt gehen?“
Jetzt muss es wieder her, das Sicherheitsgefühl, das mir an diesem Morgen eigentlich fehlt, das für unsere Kinder und ihr Urvertrauen in sich, in ihre Umwelt und in uns Eltern aber unendlich wichtig ist.

Doch das fünfjährige Urvertrauen spricht von selbst weiter: „Weißt Du Mama, falls bei uns mal ein LKW oder Traktor oder so kommt, dann springen wir einfach hoch. Du weißt doch, wie gut ich hüpfen kann. Du kannst vielleicht nicht so hoch hüpfen wie ich, aber dann helfe ich Dir.“

Kinder mit Superkräften. Manchmal wünschte ich, sie hätten das Kommando. Weltweit.