Upcycling gehäkelt: Karlsruherin Eva küsst alte Schätze wach


Liebe Eva, Du stehst mit Deiner Selbstständigkeit voll im Berufsleben. Was genau machst Du?

Ich bin 46 Jahre alt, Self-Made-Designerin, gelernte Hotelfachfrau, studierte Betriebswirtin, Hausfrau, Mutter von drei Söhnen und Mini-Zoo-Direktorin (zwei Hunde und drei Islandpferde).

Vor vier Jahren habe ich meine Firma Lumikello gegründet und fertige in meinem Atelier in Karlsruhe aus alten T-Shirts neue Wohnaccessoires: Teppiche, Kissen und Sitzpoufs. Meist auf Bestellung und passend zur Einrichtung meiner Kunden. Das Besondere ist, dass ich auch eine kleine Farb- und Einrichtungsberatung anbiete, um das perfekte Lieblingsstück schaffen zu können. Eigentlich keine neue Idee, die ich aber mit viel Gefühl für Farben und Räume neu interpretiere und so die moderne Version des Flickenteppichs schaffe.

Wie kam Deine Geschäftsidee zustande?

Vor ziemlich genau fünf Jahren nahm ich an einem Workshop des Amtes für Abfallwirtschaft zum Thema „Stricken und Häkeln aus alten T-Shirts“ teil. Diese Thematik ließ mich dann nicht mehr los. Erste Stücke für unser Haus und für Freunde entstanden. Die Idee, diese Lieblingsstücke zu verkaufen und so wieder mit einem Fuß im Berufsleben zu stehen, lag nicht fern und ich entschloss mich, mit meinen Produkten auf erste Messen zu gehen. Eine konkrete Idee oder einen Geschäftsplan hatte ich damals nicht im Sinn. Erst Anfang diesen Jahres entschloss ich mich, das Ganze wirklich professionell anzugehen und mir Unterstützung zu suchen. Zwei weitere fleißige Häklerinnen arbeiten seitdem für Lumikello. Lumikello ist für mich aber mehr als das Häkeln alter Stoffe und wird und soll sich im nächsten Jahr weiterentwickeln. Mittlerweile hat sich die Entscheidung, nicht mehr alle Stücke selbst zu Häkeln, sondern dies von helfenden Händen erledigen zu lassen, gelohnt. Nun kann ich mich intensiver um die Entwürfe und die Vermarktung meiner Produkte kümmern.

Wie wird Lumikello von den Kunden angenommen?

Die Nachfrage nach unseren Kissen und Teppichen ist steigend. Grundsätzlich bin ich momentan ganz zufrieden mit der Auftragslage. Aber man braucht einen sehr langen Atem, wenn man, insbesondere in Deutschland, mit handgearbeiteten Stücken ein Business, eine Existenz aufbauen möchte. Ich höre sehr oft: „Ach ja, das könnte ich ja auch mal selber machen“. Grundsätzlich finde ich diese Eigeninitiative gut und gebe auf Anfrage mein Wissen gern in Workshops weiter. Ich möchte ja auch eine Botschaft transportieren, nämlich nicht alles gleich wegzuwerfen, sondern zweimal hinzusehen, ob vermeintliche Wegwerf-Produkte vielleicht doch noch Potential für ein „zweites Leben“ haben. Schade finde ich es dann aber, wenn die Wertschätzung für meine Produkte trotz aller Begeisterung auf der Strecke bleibt. Oft mache ich die Erfahrung, dass wir, speziell in Deutschland, nach wie vor nicht bereit sind, einen angemessenen Betrag für Handarbeit zu bezahlen. Die Schweizer sind uns in diesem Punkt beispielsweise voraus.

Viele Menschen sind aber begeistert von Lumikello und das lässt mich weitermachen. Besonders schön ist es für mich, wenn die Menschen zu mir an den Messestand kommen (ich verkaufe hauptsächlich direkt) und ganz erstaunt sind, wenn ich berichte, wie die Stücke entstanden sind: nämlich aus alten T-Shirts und Spannbettlaken, die wir reinigen, in Streifen schneiden und verhäkeln.

Was für Besonderheiten hast Du im Umgang mit Deinen Kunden erlebt?

Teilweise sind das anrührende Geschichten, die ich erlebt habe. Das größte Stück, das ich bisher erarbeiten durfte, ist beispielsweise ein Teppich mit zwei Metern Durchmesser, der nun in unserem Kindergarten liegt und auf dem sich die Kinder treffen. So einen speziellen Teppich schaffen zu dürfen, war für mich etwas ganz Besonderes.

Berührt hat mich auch ein Projekt des vergangenen Jahres: Eine Kundin beauftragte uns, aus den Kleidungsstücken ihrer vor vier Jahren verstorbenen Mutter Kissen anzufertigen. Diese Kissen verschenkte sie zu Weihnachten an nahestehende Verwandte. Dieses Projekt hat mich emotional sehr bewegt. Übrigens ist es auch kein Problem, beispielsweise aus alten Kinderstramplern, die zu fleckig für den Weiterverkauf oder die Sammlung sind, etwas schönes Neues zu kreieren – vorausgesetzt, es ist dehnbares Baumwolljersey.

Was macht Dich besonders glücklich an Deiner Arbeit?

Ich wünschte mir schon immer, kreativ arbeiten zu können und mit Lumikello habe ich dieses Vorhaben realisiert. Das Material lässt mich nicht mehr los und es macht mir unglaublich viel Spaß, die vorhandenen Farben immer wieder neu zu kombinieren. Und nicht nur das: Ich habe im Marketing gearbeitet und kann all meine bisherige Berufserfahrung in meine Selbstständigkeit einfließen lassen. Vom Fotoshooting über die Produktvermarktung bis hin zur Gestaltung der Homepage. Das Allerschönste ist aber, wenn es mir gelingt, die perfekte Lösung für meine Kunden zu finden. Ich glaube, hier liegt meine wirkliche Stärke und es ist mir ein großes Vergnügen, meine Kreationen in ihrem neuen Zuhause, sprich als Einrichtungsgegenstand beim Kunden, zu sehen. Ich bin sehr dankbar für diese vielseitige, bereichernde Arbeit.

Wie schaffst Du es, Job und Familie unter einen Hut zu bringen?

Ich tue mich ein wenig schwer mit dieser Frage. Früher habe ich mich das auch oft gefragt. Mittlerweile versuche ich, da gar nicht mehr so viel drüber nachzudenken. Ich arbeite zu Hause, da ist es manchmal schwer, nein zu sagen, wenn man gerade im Atelier ist und die Kinder aber etwas anderes im Sinn haben. Zugegeben, mein Mann unterstützt mich tatkräftig. Aber was mir im Laufe der Zeit immer mehr auffällt ist, dass meinen Mann niemand fragen würde, wie er alles unter einen Hut bringt. Das ist eine Frage, die primär uns arbeitenden Müttern gestellt wird.

Dank meines Organisationstalents schaffe ich ein ziemliches Pensum an täglicher Arbeit. Auch habe ich gelernt, das schlechte Gewissen hinten anzustellen und es einfach als selbstverständlich zu sehen, viel zu arbeiten. Manchmal stoße ich schon an meine Grenzen. Aus diesem Grund werde ich die Messebeteiligungen im kommenden Jahr ein wenig reduzieren. Das ist aber kein Schritt zurück, sondern ich empfinde es als großes Privileg, solche Entscheidungen ganz allein für mich treffen zu können.

Finden Deine Kinder spannend, was Du beruflich machst?

Meine Kinder finden ganz cool, was ich mache. Die Großen sowieso, denn wir haben durch Lumikello und den bewussteren Umgang mit Ressourcen und unserer Umwelt viel feinere Antennen für diese Themen. Früher haben die beiden Großen (10 und 13) auch mitgeholfen und Garn gerollt. Der Jüngste hat immer noch seinen Webrahmen im Atelier und webt kleine Teppiche. Klar, wenn ich am Wochenende auf einer Messe bin, finden sie das nicht so toll. Aber dafür ist dann Papa-Zeit, die kann man vor der Carrera-Bahn ganz wunderbar genießen.

Wo findest Du Deinen Ausgleich neben Job und Familie?

Beim Sport, beim Gassi gehen mit unseren Hunden und vor allem auf dem Pferderücken. Wir haben Islandpferde und sind bei Wind und Wetter draußen. Besser kann man nicht abschalten.

Wie geht es bei Dir bzw. bei Lumikello weiter?

Ich freue mich auf einen kleinen kreativen Neustart. Mein Kopf platzt vor neuen Ideen und ich habe mir vorgenommen, mich im kommenden Jahr eingehender mit der Produktentwicklung zu beschäftigen. Dazu gehört auch, mich weiterzubilden und dazu zu lernen. Für mich ist das Thema Stoffrecyling und die daraus entstehende Entwicklung neuer Wohnaccessoires längst nicht ausgereizt. So befinde ich mich nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Ideen, sondern auch nach neuen Produktionstechniken und Herstellungsverfahren. Es ist und bleibt also spannend und ich bin glücklich in meinem Beruf und in meinem Tun.

Falls Ihr auf der Suche nach Eurem ganz persönlichen Lieblingsstück und Wohnaccessoire seid, schaut unbedingt bei Lumikello vorbei. Evas kreative Ideen warten auf Euch!

Übrigens nimmt Eva bis zum 10. Dezember noch individuelle Aufträge für kleinere Kissen entgegen, bevor sie sich voll und ganz in den Weihnachtsrummel stürzt. Wer sich inspirieren lassen möchte: Momentan gibt es auf der Lumikello-Website beinahe täglich neue, frisch gehäkelte Produkte, die aber immer recht flott ausverkauft sind. Also schnell stöbern und gleich zuschlagen!

Last but not least ein Tipp für zwei tolle Kreativ-Messen:

Vom 3. bis 4. Dezember findet die „Schöne Bescherung“ im Stuttgarter Römerkastell statt. Lumikello und Eure Lieblingsstücke findet Ihr dort in der Phoenixhalle.

Vom 9. bis 10. Dezember findet die „Lametta“ in Karlsruhe im Tollhaus statt. Natürlich mit Lumikello und vielen frischen Design-Ideen.

Beide Messen sind ein echter Besuchermagnet und sorgen mit ihrer Mischung aus Mode, Kunst, Schmuck, Grafik, Design und Fotografie für Abwechslung und Inspiration.

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