To Do or not To Do


Eine Rückschau: Noch zwei Wochen bis Weihnachten und eigentlich bin ich ganz gut aufgestellt: Die meisten Geschenke sind besorgt, etwas Weihnachtsdeko hat schon ihren Platz gefunden, wir haben Plätzchen gebacken, die Weihnachtspost ist fast erledigt.

Sonntagmorgen nehme ich mir die Zeit, eine To Do-Liste für die nächste Woche zu erstellen (ich liebe To Do-Listen). Einige Textabgaben stehen an, zwei Interviewtermine mit Menschen aus dem Ländle, Physiotherapie, das Herrichten des Gästezimmers (Schwiegermama kommt), überhaupt mal wieder gründlich putzen, das Meerschwein muss zum Tierarzt, Christbaum kaufen, mein Vater hat spontan seinen Besuch angekündigt, worüber ich mich sehr freue, eine Dame von der lokalen Zeitung will zum Interview kommen und ein längst überfälliger Termin beim Unfallchirurgen steht an, weil ich mir während unserer Familienauszeit in Asien den Arm auf einer Wasserrutsche verletzt habe (Wieder was dazu gelernt: In Indonesien gibt es sicherlich keine mit dem TÜV vergleichbare Instanz, die Wasserrutschen auf ihre Sicherheit hin prüft.). Wie gut, dass es noch zwei Wochen bis Weihnachten sind.

Die Tochter ist schlapp und am Sonntagabend ist klar: Sie ist nicht nur ein bisschen krank, sondern richtig. Mit Fieber und einem starken Husten, was ich sonst von ihr gar nicht kenne. Langsam flattern mir die Nerven: Meine kommende Woche ist randvoll mit Abgabeterminen und Erledigungen. Mit krankem Kind wird das alles nie, nie, niemals hinhauen.

Montagmorgen. Nach einer schlechten Nacht mache ich früh morgens Wadenwickel und Tee für die Tochter. Mein Mann kommt in die Küche. Ob er irgendetwas tun könne. „Ja! Urlaub nehmen!“, fauche ich. Und zähle auf, was ich alles zu tun habe. Schimpfe, dass es ausgerechnet in dieser Woche überhaupt nicht passt, dass die Tochter krank ist (wann passt das schon …).

Durchatmen. Es ist wie es ist. Die Entschleunigung, die ich sonst im Alltag immer predige, erwischt mich nun selbst auf dem falschen Fuß. Da hilft nur eins: Akzeptieren, dass es anders als geplant läuft und das Beste draus machen.

Ich lege mich zur Tochter ins Bett und wir lesen und kuscheln. Ich erkläre ihr, dass ich eigentlich einen normalen Arbeitstag vor mir habe und hin und wieder an den Schreibtisch müsse. „Ist gut Mama, ich schlafe dann.“ Das gute Kind. Nachdem die kleine Patientin tatsächlich zehn Minuten später eingeschlafen ist, setze ich mich an den Schreibtisch und fange an zu arbeiten. Nach zwei Stunden steht der Text für Kunde 1. Die Tochter ist mittlerweile wieder wach, versichert mir aber, sie würde sich nicht langweilen, sondern im Bett weiter ausruhen und Hörbücher hören. Gott sei Dank. Nach weiteren 2,5 Stunden ist der Text für Kunde 2 fertig und ich schaffe es tatsächlich, beide Abgabetermine einzuhalten. Die Physiotherapie habe ich telefonisch abgesagt, das Interview mit der Journalistin der lokalen Tageszeitung verschiebe ich um eine Woche.

Am Nachmittag kommt mein Vater und bleibt den Umständen entsprechend nur ein halbes Stündchen. Die Tochter freut sich riesig, als plötzlich der Opa an ihrem Bett steht, um ihr das gewünschte Glas Milch zu bringen. Ich habe zwar keinen Kaffee und Kuchen vorbereitet oder aufgeräumt, aber das ist in diesem Moment egal. Der Besuch ist eine nette Ablenkung. Und überraschend viele To Do´s sind geschafft. Trotz krankem Kind.

Dienstagmorgen. Die Nacht war kurz und unruhig. Mein Arzttermin beim Unfallchirurgen steht an und ich möchte ihn nur ungern ausfallen lassen. Die Tochter hat immer noch 37,9 Fieber und hängt an mir. Mein Mann bietet an, später zur Arbeit zu gehen. Zu dritt tauchen wir beim Arzt auf, in dessen Notfallpraxis die Wartezeit erfahrungsgemäß zwei bis drei Stunden beträgt. Nach zwei Minuten komme ich dran, nach fünfzehn Minuten sitzen wir wieder im Auto. Unglaublich. Mittags schläft das Ländle-Kind, ich führe die beiden Telefoninterviews für meinen Blog und schreibe spät abends die kompletten Artikel dazu.

Am Mittwoch ist die Tochter schon wesentlich fitter und hilft mir mit einigen Pausen, das Gästezimmer herzurichten. Überhaupt puzzlen wir an diesem Tag viel im Haus herum, dekorieren für Weihnachten, verpacken letzte Geschenke. Zwischendurch legen wir uns hin, lesen und hören Räuber Hotzenplotz und Fünf Freunde. Es ist richtig gemütlich. Immer wieder erledige ich kleine Dinge im Haushalt, die ich schon längst hatte machen wollen und für die ich mir an einem normalen Arbeits- und Kindertag nie Zeit genommen hätte. Am frühen Abend schaffe ich es sogar, mit dem Meerschweinchen zum Tierarzt zu gehen. Wieder mehr To Do´s erledigt, als erwartet.

Am Donnerstag ist die Tochter wieder recht fit, doch ich beschließe, den Kindergarten ausfallen zu lasen. Stattdessen fahren wir in Rosenstein-Museum nach Stuttgart. Dort verleben wir einen herrlichen, entspannten Morgen im Museum und füttern die Enten im Park. Am Nachmittag backen wir Plätzchen, lesen und spielen viel. Irgendwie schön, einfach mal nur zu Hause zu sein.

Am Freitag will die Tochter wieder in den Kindergarten gehen. „Weißt Du was, Du kannst auch noch einen Tag zu Hause bleiben. Dann gehen wir heute Morgen gemütlich über den Weihnachtsmarkt.“, schlage ich vor. Leuchtende Kinderaugen und ein lautes „Juhuuuuuu!“ sind die Antwort. Fast ein wenig wie früher beim Schule schwänzen genieße ich diese unverhofft freien Stunden. Die Stadt und der Weihnachtsmarkt sind angenehm leer und die frische Luft tut uns gut. Wir wagen noch ein Abstecher ins Esslinger Schreiber-Museum und kommen nachmittags zufrieden wieder zu Hause an.

Die Erkenntnis der letzten Tage: Manchmal läuft es anders als man denkt. Und trotzdem besser als erwartet. Vielleicht sollten wir dem Ungeplanten viel öfter eine Chance geben, anstatt es als Ärgernis zu empfinden. Denn gerade, wenn es mal anders läuft, öffnen sich die Türen für viele schöne Momente und Begegnungen. To Do-Listen können auch mal warten.

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