Kind und Karriere – Ein Vollzeitvater erzählt


Heute stellen wir Euch in der Reihe „Eltern und Beruf“ Unternehmer Markus vor, der seit drei Jahren Vollzeit-Vater ist und zugunsten seiner kleinen Tochter seine Karriere hinten angestellt hat. Wie sehr er dieses Familienmodell lebt und genießt, verrät er uns in diesem Interview.

Lieber Markus, Du bist Familienvater und Unternehmer. Von Montag bis Freitag sitzt Du zwischen 8 und 18 Uhr nicht in Meetings, sondern zwischen Bauklötzen oder auf dem Spielplatz. Wie geht es Dir als Vollzeit-Papa?

Es geht mir sehr gut. Lina ist nun knapp drei Jahre alt und genauso lange genieße ich meine Rolle als Vollzeit-Vater. Ich unternehme viel mit unserer Tochter und wir sind sehr aktiv. Wir gehen zum Kinderschwimmen, in den Familientreff und bald beginnt die Skisaison, worauf wir uns freuen. Zwei Monate Elternzeit nehmen und dann wieder in den Job zurückkehren, das habe ich nie angestrebt, wenngleich ich meine Arbeit liebe. Als Freiberufler konnte ich glücklicherweise selbst bestimmen, wie lange ich Vollzeit zu Hause bleibe. Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich meinen Job um unsere Tochter „herumstricken“ und mich ihr vollständig widmen kann. Abends bin ich natürlich dennoch froh, wenn meine Frau nach Hause kommt und wir uns austauschen können. Und wenn ich am Wochenende mit meiner Firma music2people beruflich aktiv sein kann, genieße ich dieses Kontrastprogramm zum Familienleben sehr und gehe dann völlig darin auf, wieder mitten im Geschehen und auch einmal ohne Kind unter Menschen zu sein.

Du bist selbstständiger Unternehmer. Was machst Du beruflich genau?

2004 habe ich music2people gegründet, einen DJ-Service für Hochzeiten, private Anlässe und Firmenevents. Pro Woche betreue ich mehrere Veranstaltungen, teilweise auch für Großkunden wie Bosch, Dior, DHL Express oder den Flughafen Stuttgart. Im Vorfeld eines Events gibt es viele administrative Dinge zu erledigen. Das sind Beratungsgespräche, in denen wir die Veranstaltung mit dem Kunden planen. Dann geht es weiter mit der Musikauswahl, der Musikrecherche und der Recherche nach musikalischen Trends bzw. nach Beleuchtungs- und Ambiente-Trends, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Für jede Veranstaltung den richtigen Mix aus Location und Musik stimmungsabhängig für Jung und Alt zu finden, ist eine große Herausforderung, denn an der Zufriedenheit des Kunden misst sich mein Erfolg. Diese Verantwortung erfüllt mich sehr und ich mag es, mich immer wieder auf neue Anforderungen einzulassen. Stets das gleiche 0815-Programm abzuspulen, käme für mich nicht in Frage. Da bin ich perfektionistisch.

Als Du in die berufliche Selbstständigkeit eingestiegen bist, konntest Du sofort sehr erfolgreich durchstarten. Als Eure Tochter geboren wurde, hast Du Dich ganz bewusst entschieden, für unbegrenzte Zeit Vollzeit-Vater zu sein. Hast Du diese Entscheidung jemals als Karriereknick empfunden?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Entschluss, Vollzeit-Vater zu sein, hat vieles positiv verändert. Zuerst brachte diese Entscheidung einen Umzug von Baden-Württemberg in die Schweiz mit sich. Meine Frau und ich sind sechs Jahre lang zwischen Stuttgart und Zürich gependelt, da Nicole in Zürich arbeitet. Ich habe mich damals ganz bewusst entschlossen, erst einmal aktiv keine Werbung für music2people zu machen. Ich habe keine Anzeigen geschaltet, habe meine Firma nicht auf Messen präsentiert, sondern wollte mich voll und ganz auf mein Familienleben konzentrieren. Doch durch die Empfehlungen von Freunden, Dienstleistern und Partnern kam ein Auftrag nach dem anderen herein und ich konnte rasch an die alten Erfolge anknüpfen. Das war ein großer Glücksfall und ist vielleicht mit ein Grund, warum ich meine Entscheidung, ein Vollzeit-Vater zu sein, in keiner Weise als Karriereknick empfinde. Momentan stimmt die Balance zwischen Berufs- und Privatleben für mich durchweg – das ist ein tolles Gefühl. Natürlich freue ich mich auf die Zeit, wenn Lina größer wird und in die Schule geht. Dann werde ich mich wieder sehr aktiv meinem Beruf zu widmen, denn ich habe viele Ideen, die ich dann umsetzen möchte.

Wie sieht für Dich ein normaler Vater-/Arbeitsalltag aus? Wie schaffst Du es, Kind und Job unter einen Hut zu bringen?

Lina hat für mich die oberste Priorität. Ich stemme den Alltag mir ihr sehr gern und es fällt mir nicht schwer, berufliche Dinge hinten anzustellen und abends zu erledigen. Dafür lässt mir die Freiberuflichkeit ja wie gesagt auch Raum, worüber ich froh bin. Ich kümmere mich gern um Einkäufe, den Haushalt und den Garten und achte dennoch immer darauf, dass genügend Zeit bleibt, um mit Lina zu spielen, zu malen, zu lesen und auf den Spielplatz zu gehen. Das ist auch Nicole sehr wichtig. An einem Tag pro Woche geht Lina in die Krippe. Dann erledige ich Telefonate, schreibe Angebote und Rechnungen, kümmere mich um Eventplanungen, wozu ich tagsüber meist nicht komme. Ansonsten erledige ich berufliche Dinge abends oder am Wochenende, wenn Nicole zu Hause ist. Sie kümmert sich dann intensiv um Lina und genießt ihre Mamazeit mit unserer Tochter.

Häufig leben Familien primär vom monatlichen Einkommen der Väter. Wie reagiert Euer Umfeld darauf, dass bei Euch Deine Frau das feste Gehalt nach Hause bringt?

Wir haben das große Glück, dass unsere Familie und unsere Freunde von Anfang an hinter unserer Entscheidung standen. Vielleicht waren manche anfänglich überrascht, dass ich als beruflich erfolgreicher Mann meine Karriere hinten anstelle, aber so richtig komisch fand es niemand, dass Nicole nach dem Mutterschutz zu 100% arbeiten ging und ich zu Hause blieb. Anfänglich wurde ich beim Kinderarzt manchmal gefragt, ob die Mama krank sei, weil ich als Vater mein Kind begleiten müsse. Aber auch das waren positive Nachfragen, die keinesfalls kritisch gemeint waren.

Für Nicole und mich ist unser Weg sowieso ganz normal. Als wir uns im Jahr 2007 kennenlernten, haben wir uns manchmal überlegt, wie es wohl sein würde, eine Familie zu gründen und mit welchem Rollenmodell wir uns beide am wohlsten fühlen würden. Als wir dann Eltern wurden, mussten wir also gar nicht mehr überlegen, wie wir uns privat und beruflich am besten aufstellen, denn das war schon vorher klar gewesen. Nach wie vor fühlen wir beide uns sehr wohl mit unserer Entscheidung.

Welche Momente waren es, die Ihr auf Eurem Weg als schwierig empfunden habt?

Früher konnte ich nicht so gut loslassen bzw. habe mich manchmal unter Druck gesetzt, ob ich als Vater alles so gut mache, wie es Nicole als Mutter machen würde. Aber das hat sich schnell gelegt. Mit jedem Tag als Vollzeit-Papa schrumpfte meine Unsicherheit und alles ging bald seinen geregelten Gang. Ich habe gelernt, meine eigenen Ansprüche etwas herunterzuschrauben und mehr loszulassen.
Für Nicole war es manchmal traurig, wenn sie Entwicklungsschritte bei Lina nicht als Erste miterlebt, sondern von mir erzählt bekommen hat. Aber das geht umgekehrt sicherlich auch jedem Vater so, der berufstätig und tagsüber wenig zu Hause ist.

Wie bist Du als Vater?

Bemutternd! Und sehr liebevoll und aktiv. Meine Frau meint immer, ich wäre der perfekte Kinderanimateur geworden. Aber ich bin auch konsequent bzw. versuche Kompromisse zu bieten, wenn Lina mal so ganz anderer Meinung ist als ich. Dazu gehören eine Portion Humor und Fantasie, aber mit dieser Mischung schaffe ich es fast immer, Konflikte zu lösen. Ich bin einfach gern und mit Leib und Seele Vater.

Was möchtest Du Deiner Tochter mit auf den Weg geben?

Ich möchte, dass sich Lina ihre kindliche Neugier erhält. Wenn sie groß ist, soll sie die Welt trotz ihrer Herausforderungen mit Kinderaugen sehen und das Gute, das Schöne in ihr erkennen können. Ferner fände ich es toll, wenn Lina sich später einmal für ihre Mitmenschen einsetzt bzw. immer respektvoll mit ihnen umgeht, egal welche Hautfarbe sie haben, ob sie arm oder reich sind. Ich wünsche Lina Mut, ihre Wünsche und Träume zu verwirklichen, auch wenn diese vielleicht nicht der Norm entsprechen. Und ich wünsche ihr viel Liebe in ihrem Leben. Das ist vielleicht sogar das Wichtigste.

Was rätst Du Vätern, die mit dem Gedanken spielen, für drei Jahre oder mehr Jahre aus dem Beruf auszusteigen und sich in Vollzeit um ihre Kinder zu kümmern?

Man muss abwägen, ob solch eine Entscheidung wirklich zur Familiensituation passt und ob es das ist, was beide wollen. Als Mann braucht es je nach Umfeld vielleicht etwas Mut, um sich komplett dem Familienleben zu widmen. Das hängt sicherlich auch davon ab, in welchem Bereich man beruflich tätig ist. In konservativen Unternehmen ist es eventuell schwierig zu sagen: „Ich bin dann mal für die nächsten drei Jahre weg.“

Schön ist natürlich, wenn Familie und Freunde den Entschluss respektieren und mittragen. Für mich war ausschlaggebend, dass Nicole und ich eine sehr stabile Beziehung haben. Wir können über alles reden und ich hatte immer die Gewissheit, dass wenn ich nach einem Jahr feststelle, dass ich doch wieder mehr arbeiten möchte, wir dann einen neuen Weg finden. Man braucht die richtige Partnerin an seiner Seite, die Unterstützung gibt und die die gewählte Rollenverteilung aktiv lebt und befürwortet.

Besonderes Augenmerk sollte man auch auf das Thema Finanzen legen. In unserem Fall verdient Nicole sehr gut, so dass es einfach Sinn macht, dass sie Vollzeit arbeiten geht. Und da im Rahmen meiner Agenturarbeit vieles primär am Wochenende läuft, ergänzt sich unser Rollenmodell an dieser Stelle perfekt.

Welche Zukunftspläne hast Du für Dich, Deine Familie und für music2people?

Ich möchte gemeinsam mit meiner Familie die Welt entdecken und das Leben in vollen Zügen genießen. Ich hoffe, wir bleiben gesund und können immer füreinander da sein. Über meine beruflichen Pläne verrate ich an dieser Stelle noch nicht zu viel. Ein Ziel ist es, in meiner Heimat Baden-Württemberg weiterhin so aktiv zu sein wie bisher und in der Schweiz meinen Bekanntheitsgrad noch weiter auszubauen. Ferner wäre es toll, auch in Zukunft die momentane Ausgewogenheit in Sachen Familie und Beruf hinzubekommen. Das wäre mein großer Wunsch.

Vielen Dank, lieber Markus, für dieses spannende Interview!

Nähere Infos zu Markus‘ Agentur music2people findet Ihr hier.

 

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