„Ihgitt, hier stinkt´s!“ Von Nostalgie & Wirklichkeit


Neulich war ich während einer Autofahrt hin und weg vor Begeisterung. Denn plötzlich drang von hinten eine kräftig-melodische Stimme an mein Ohr, die folgenden Text sang: „Doch jetzt tut´s nicht mehr weh, nee, jetzt tut´s nicht mehr weh. Alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf wenn ich Dich seh.“ Da sitzt das Ländle-Kind, das ich schlafend wähnte, in seinem Kindersitz und repetiert textsicher Rio Reiser. Hach!

Ist es nicht wunderbar, wenn der Funke der Begeisterung für Dinge, die wir Eltern toll finden, auch auf unsere Kids überspringt? Damit meine ich gar nicht unbedingt die Begeisterung für Hobbies. Klar mag das Ländle-Kind gern Bücher – es blieb ihm auch nie etwas anderes übrig. Und natürlich liebt es Pferde und das Reiten, da es sich mit der Oma mehrmals wöchentlich im Stall tummelt. Aber wenn die Tochter zu „meiner“ Lieblingsmusik, die mich an meine eigene Kindheit und ans Heranwachsen erinnert, kräftig abrockt, geht mir wirklich das Herz auf. Denn gerade Musik ist und bleibt etwas ganz Persönliches.

Zugegeben: Dass der Funke der Begeisterung überspringt, funktioniert nicht immer. Der von mir überaus geschätzte Frankfurter Musiker Gastone beispielsweise, konnte so richtig erst vor wenigen Wochen mit seinem neuen Song „Weihnachtsgans“ punkten (wobei hier anatomisches Feingefühl beim Erklären des Textes gefragt war). Meinem absoluten Gastone-Lieblingslied „Materie und Licht“ bescheinigte das Ländle-Kind ein kurzes „Oh nee, Mama!“. Mit der Neuen Deutschen Welle, ganz vorn dabei natürlich „Major Tom“, oder anderem Deutsch-Pop/-Rock liege ich fast immer richtig. Rio Reisers „König von Deutschland“ kommt dabei ebenso gut weg, wie Heinz Rudolph Kunzes „Dein ist mein ganzes Herz“ (gekoppelt mit leichten Problemen beim Textverständnis: „Singt der Miesen oder Riesen, Mama?“). Besonders zufrieden stimmte mich die Begeisterung für die Songs von David Bowie aus den späten 70er und frühen 80er Jahren, denen ich schon gemeinsam mit meinem Papa in Endlosschleife im Auto lauschte (damals von mir übrigens genauso gern gehört wie die Ärzte oder Extrabreit – aber damit warte ich aus pädagogischen Gründen noch ein paar Jahre).

Übrigens gelingt es mir in punkto Musik-Geschmack noch am ehesten, den Beifall des Ländle-Kindes einzuheimsen. Als ich neulich meinen alten grünen Kinder-Parka, den ich im Jahr 1980 getragen habe, mit den Worten „Oh wie schön, den hatte Mama früher immer an. Der könnte Dir vielleicht sogar noch passen!“ hervorkramte, sprach der entsetzte Blick des Nachwuchses Bände.

Und auch mein Heranführen an „coole locations von früher“ scheiterte im vergangenen Sommer kläglich. Da hatte ich das Ländle-Kind in Stuttgart an den Palast der Republik gelockt, um ihm zu zeigen, wo früher die Freitag- und Samstagabende begonnen und geendet haben. „Und was machen wir jetzt hier, Mama?“ „Wir sitzen hier, trinken was, schauen Leute an und unterhalten uns.“ „Voll langweilig!“. Auch die Toilette im Palast traf auf wenig Gegenliebe: „Ihgitt, hier ist es dunkel und hier stinkt´s.“ War mir nie aufgefallen! Ehrlich! Am nächsten Morgen beim Frühstück: „Papa, stell Dir vor, wir waren gestern in Stuttgart in so einer Stinkebude. Da konnte man nix machen außer trinken und die Klos haben auch gemuffelt.“
Wir versuchen das in ein paar Jahren nochmal…

P.S. Momentaner musikalischer Favorit der Tochter: Hildegard Knef „Für mich soll´s rote Rosen regnen“. Nicht schlecht.

Und mit dem Heranführen an die „Doors“ warte ich einfach, bis sie sechs ist!

 

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